Porträt der Woche

Mit Tefillin und Mesusa

»Geht es uns gut, sollen auch andere davon profitieren – deshalb spende ich«: Benjamin Nudelmann (29) aus Berlin Foto: Uwe Steinert

Porträt der Woche

Mit Tefillin und Mesusa

Benjamin Nudelmann ist Immobilienmakler und hat das Buch »Was kostet die Drecksbude eigentlich?« geschrieben

von Christine Schmitt  05.02.2022 21:38 Uhr

Die Kündigung kam per WhatsApp. Gerade einmal 48 Stunden zuvor hatte ich meinen Vertrag unterschrieben und war Feuer und Flamme für die Arbeit, denn der Investor verfügte über schöne Objekte an der Potsdamer Straße und in Pankow, für die ich den Vertrieb aufbauen sollte und wollte.

Doch dann lag ich rasch mit ihm im Clinch, weil ich andere Aufgaben übernehmen sollte als ausgemacht. Das konnte und wollte ich mir nicht gefallen lassen. Ich war gerade frisch vom Militärdienst aus Israel nach Berlin zurückgekehrt, und im Gepäck hatte ich auch meine eigenen Ideen und Vorstellungen davon, wie ich arbeiten möchte und was ich akzeptieren kann im Umgang.

Blödsinn Dass ich Makler werden will, ahnte ich lange Zeit nicht. Auf dem Jüdischen Gymnasium Berlin war ich ein eher schlechter Schüler und habe viel Blödsinn gemacht. Eigentlich fehlte nicht viel, und ich wäre von der Schule geflogen. Mehrere Klassen- und Schulkonferenzen wurden extra einberufen, um über meine Schulkarriere zu entscheiden. Schließlich hatte ich das Abitur in der Tasche und ging nach Israel, um den Militärdienst zu leisten.

In den zwei Jahren machte ich mir natürlich auch Gedanken, was ich beruflich machen möchte. In die Gastronomie einsteigen, wie mein Opa? Oder ein Start-up gründen? Aber ich bin kein ITler.

Irgendwann kam mir der Gedanke, dass ich einige gefestigte, im Leben stehende Menschen aus der Synagoge Joachimsthaler Straße kenne, die mir durch ihre Ausstrahlung und Gelassenheit imponieren. Sie schienen sehr erfolgreich zu sein. Alle sind Immobilienunternehmer. Da dachte ich, da muss etwas dran sein an dieser Branche. In der Synagoge hatte ich schon meine Barmizwa gefeiert.

Früher wäre ich fast von der Schule geflogen.

Zufällig kam noch ein Freund meines Vaters nach Israel, mit dem ich mich traf. Er fühlte mir auf den Zahn, was ich genau in der Immobilienbranche machen möchte. Hausverwaltung? Projektentwickler? Makler? Kurzum: Ich hatte keine Ahnung.

praktika Zurück in Berlin, beschloss ich, erst einmal Praktika bei Architekten und im Ingenieurbüro zu absolvieren, um mehr zu erfahren und zu lernen. Und zu guter Letzt bei einem Makler.

Das ganze Jahr verdiente ich keinen Cent. Aber schließlich wusste ich, dass es genau das ist. Ich möchte Häuser, Wohnungen und Gewerbeeinheiten bewerten, vermitteln und Menschen beraten. Das passt zu mir.

Allerdings musste ich noch eine Kröte schlucken, denn ich wollte noch ein Studium absolvieren. Das fand dann abends statt. Zweimal in der Woche hatte ich drei Stunden lang Vorlesungen und Seminare, dazu kamen noch die Veranstaltungen an den Wochenenden. Teilweise fand da auch Unterricht statt, zusätzlich brauchte ich die Zeit zum Lernen, denn es fiel mir nicht alles leicht. Also nahm ich in Mathe noch Nachhilfe. Mit Ach und Krach habe ich den Bachelor in Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Immobilienmanagement nach fünf Jahren endlich geschafft.

FIRMA 2017 fand ich, dass es nun der richtige Zeitpunkt ist, mich selbstständig zu machen. Da war ich 24 Jahre alt und noch am Studieren. Aber ich hatte nun eine gute Grundlage, wusste, wie ich mit den Käufern und Verkäufern sprechen muss und wie man eine Immobilie erfolgreich promotet. Aber von einigen Angelegenheiten hatte ich gar keine Ahnung – was ich schließlich lernen musste. Dazu gleich.

Wie fange ich an, eine Firma zu gründen? Über diese Frage grübelte ich längere Zeit, bis ich auf Gebäudereinigung kam. Aber wer würde mir die Aufträge geben? Also suchte ich einen Geschäftspartner, was schwerer war als gedacht. Nach vielen Absagen saß ich dann mit meinem heutigen Partner zusammen, der mir sofort davon abriet und stattdessen vorschlug, mich auf das Makeln zu konzentrieren.

Das Glück war auf meiner Seite, denn er bot mir an, seine Bestandswohnungen zu vermitteln. Eine gute Basis. Zuerst suchte ich mir ein Büro und fand ein Souterrain-Zimmer. Für 300 Euro kaufte ich mir einen Laptop, und so sollte es losgehen. In meinem ganzen Eifer hatte ich vergessen, dass ich auch einen Stuhl brauchte. Der kam dann später.

Zuerst suchte ich mir ein Büro und fand ein Souterrain-Zimmer. Für 300 Euro kaufte ich mir einen Laptop, und so sollte es losgehen.

Zu den Wohnungen, die ich nun an den Mann und die Frau bringen sollte, fuhr ich hin, fotografierte die Räume, schrieb Texte, pries sie an und machte Besichtigungstermine aus. Wichtig ist mir dabei, dass immer alle Unterlagen vollständig von beiden Parteien vorhanden sind. Wenn ein anderer Makler schneller ist, habe ich meine Arbeitszeit verschenkt, denn der Beste gewinnt, so läuft es.

FEHLER Viele Fehler kann ich verbuchen, vor allem mein früheres Nichtverständnis für Steuern. Zeitweise fühlte ich mich wie ein Cowboy, wenn ich über den Ku’damm ging. Bis Post vom Finanzamt kam. Bei einer Freundin von mir war die Ehe gescheitert, und das Paar wollte seine 300 Quadratmeter große Wohnung in der Nähe des Kaiserdamms verkaufen. Es war mein erster größerer Auftrag. An der Wand neben meinem Schreibtisch hängt der Vertrag. Die Wohnung ging weg, ich bekam meine Courtage und dachte, dass brutto gleich netto sei. Aber das Finanzamt bildete mich diesbezüglich aus.

Neben diesem Vertrag habe ich noch einen anderen Abschluss rahmen lassen und aufgehängt: eine Villa, die ich auch in meinem Buch Was kostet die Drecksbude eigentlich? würdige. Da bin ich durch viele Höhen und Tiefen gegangen, bis ich sie nach zwei Jahren vermitteln konnte.

Wenn die Unterschriften bei einem Vertrag da sind und alles perfekt ist, schlagen meine Mitarbeiter und ich immer den Abschlussgong, der auch in meinem Büro steht. Mittlerweile erklingt er fast täglich, denn wir kommen auf über 250 Vermittlungen im Jahr. Von einer einfachen Garage bis zu Gewerbeflächen über Tausende Quadratmeter. Derzeit stehen in der Ecke gerade noch die Papierrollen, denn meine Freundin hat Geburtstag, und ich möchte gleich noch ihre Geschenke verpacken.

Spenden Was mir auch wichtig ist, ist, dass wir regelmäßig an Wohltätigkeitsorganisationen spenden. Geht es uns gut, sollen auch andere davon profitieren. Aus diesem Grund spenden wir an Institutionen, die Hilfe von außen benötigen, darunter die Berliner Tafel, Keren Hayesod, KKL, ein Frauenhaus und ein Tierheim.

Hinter mir im Rücken hatte ich bis zur Abdankung ein Foto von einem, sagen wir mal, prominenten Mitglied des früheren Berliner Senats hängen. Da dachte ich immer, dass ein Gegner im Rücken mich motiviert, besser zu arbeiten. Mit der Politik des Senats bin ich nicht einverstanden, denn es fehlen bezahlbare Wohnungen in Berlin. Es muss gebaut werden.

Ich würde mir wünschen, dass die Dachgeschosse aufgestockt werden dürften, dass am Tempelhofer Feld eine Randbebauung mit Wohnungen entsteht mit einem Quadratmeterpreis von zehn Euro. Der Senat könnte die Projekte an Investoren mit Auflagen abgeben. Diese würden sich der Sache sicherlich gerne annehmen und ständen bereit. Oder Berlin versucht es in Eigenregie. Wir brauchen dringend günstigen Wohnraum.

Mein letzter zweiwöchiger Urlaub war 2013, danach hatte ich nur für ein Wochenende Pause.

Mein Handy klingelt fast den ganzen Tag. Aus der Ein-Mann-Vermittlungsfirma ist eine weitere Investmentfirma gewachsen. Umgezogen bin ich auch. Mein Büro hat nun mehrere Räume und ganz viele Stühle. Und auch ein paar Mitarbeiter. Mein Credo ist, dass wir so viel wie möglich selbst machen. So bringe ich unterschriebene Verträge persönlich vorbei, damit sie nicht verloren gehen. Ferner haben wir unser Besprechungszimmer selbst eingerichtet und die Möbel für wenig Geld bekommen. Es ist immer noch ein tolles Gefühl, hier die Unterlagen durchzugehen.

ALLTAG Normal ist bei mir, dass jeder Tag unnormal ist. Morgens bin ich schon früh wach und erreichbar, öffne den Laptop und gehe gedanklich die Aufgaben durch. Dann spreche ich mit unseren Mitarbeitern. Meistens habe ich zwei bis drei Termine am Tag. Es kann auch vorkommen, dass ich abends angerufen werde, weil ein Boiler in einer vermieteten, möblierten Wohnung kaputtgegangen ist. Da bin ich schon mal im Anzug hingefahren, um ihn zu reparieren, was mir jedoch nicht gelang. Was mir allerdings sehr leidtut, ist, dass ich zu wenig Zeit für meine Freunde habe, weil ich so viel arbeite.

Mein letzter zweiwöchiger Urlaub war 2013, danach hatte ich nur für ein Wochenende Pause. Ich komme auch immer spät nach Hause. Meistens mit einer Million Gedanken über Miet- und Kaufverträge, PR-Aktionen oder eigene Investitionsmöglichkeiten. Zweimal in der Woche versuche ich, morgens zu joggen, jeden Tag lege ich die Tefillin an und berühre beim Verlassen meiner Wohnung die Mesusa. Dann fühle ich mich unbesiegbar.

Worauf ich auch stolz bin, ist, dass ich ehrlich bin. Fehler habe ich gemacht, ja, aber ich habe keinen Menschen um einen Cent betrogen. Ich kann jeden Tag in den Spiegel schauen. Übrigens, mit dem Investor, der mir nach 48 Stunden gekündigt hatte, bin ich nun befreundet. Heute lachen wir zusammen über die Geschichte von damals.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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