Lesen

Mehr als eine Familiengeschichte

C. Bernd Sucher, Charlotte Knobloch, Jan Mühlstein und Armand Presser (v.l.) Foto: IKG-Kulturzentrum/Astrid Schmidhuber

Im Jüdischen Gemeindezentrum stellte Anfang des Monats Jan Mühlstein seine Familienchronik Die Mühlsteins. Eine jüdisch-böhmische Geschichte vor – ein Werk, das persönliche Erinnerungen mit europäischer Geschichte verknüpft und damit weit über den Rahmen einer Familienerzählung hinausweist. Moderiert wurde der Abend von C. Bernd Sucher, dem Nach-Nachfolger von Mühlstein als Vorstandsvorsitzender der Liberalen Jüdischen Gemeinde München »Beth Shalom«. Auszüge aus dem Buch las Armand Presser.

Zur Vorstellung von Mühlsteins Werk sprach Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ein Grußwort, in dem sie vor allem auf die historische Tiefe des Buches hinwies: »Die Mühlsteins« machten deutlich, »in welchem Umfang die Weltenläufe ihren Niederschlag im Alltag jüdischer Individuen gefunden haben«. Aus großen historischen Linien würden menschliche Schicksale – auch jene der Eltern des Autors, die im Gegensatz zu vielen Verwandten den Holocaust überlebten. Das Werk sei deshalb mehr als eine Familiengeschichte, vielmehr ein Zeugnis dessen, »was Menschen leisten – aber auch dafür, was Menschen einander antun können«.

Ausgehend von den Erzählungen seiner Eltern Margarete und Robert zeichnet Mühlstein die Entwicklung jüdischer Lebenswelten in Böhmen nach.

Ausgehend von den Erzählungen seiner Eltern Margarete und Robert, Überlebende von Theresienstadt und Auschwitz, zeichnet Mühlstein die Entwicklung jüdischer Lebenswelten in Böhmen nach. Beginnend mit den Reformen Kaiser Josephs II. beschreibt er die schrittweise Emanzipation, die zu größerer Mobilität, dem Ergreifen bis dahin unerreichbarer Berufe und letztlich sozialem Aufstieg führte.

Anhand der eigenen Familie wird deutlich, wie sich dieser Wandel über Generationen konkret vollzog: vom Leben auf dem Land über den Aufstieg in Handel und Industrie bis hin zur Integration in das städtische Bürgertum. Gleichzeitig legt das Buch die Brüche dieser Entwicklung offen. In Nationalitätenkonflikten zwischen Deutschen und Tschechen gerieten Juden oft zwischen die Fronten; Antisemitismus traf sie von mehreren Seiten. Die vermeintlich vollendete Integration der Zwischenkriegszeit endete in der Katastrophe des Holocaust: 174 Mitglieder der Familie Mühlstein wurden deportiert, 155 ermordet. Jan Mühlsteins Eltern kehrten nach dem Krieg nach Most (Brüx) zurück, wo der Autor 1949 geboren wurde und in einer kleinen jüdischen Gemeinde aufwuchs.

Im Gespräch mit Sucher formulierte er sehr klar seine Motivation für das Buch: Nach dem Tod der Eltern seien ihm Lücken in den familiären Erinnerungen bewusst geworden. Dokumente mussten gesucht, Geschichten neu eingeordnet werden. »Es war mir keine Bürde, dieses Buch zu schreiben«, sagte Mühlstein daher, »sondern eine Aufgabe.« Er verstehe seine Arbeit daneben auch als Mahnung, die Wirkungskraft eines scheinbar geschwundenen Antisemitismus nicht noch einmal zu unterschätzen. em

Jan Mühlstein: »Die Mühlsteins. Eine jüdisch-böhmische Geschichte«. Hentrich & Hentrich, Berlin und Leipzig 2025, 330 S., 28 €

Programm

Hawdala, ein rotes Sofa und das Geheimnis der Königin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. April bis zum 23. April

 15.04.2026

München

»Die Stimmung ging sofort in Richtung Aufbruch«

Grigori Dratva über einen Anschlag auf das Restaurant »Eclipse Grillbar«, Solidarität und den Blick nach vorn

von Luis Gruhler  15.04.2026

Gifhorn

Blockiertes Gedenken

Wie sich in einer kleinen Stadt in Niedersachsen bei der Planung eines Benefizkonzerts für Terroropfer in Israel die Menschlichkeit durchsetzte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.04.2026

Jom Haschoa

Narbe gegen das Vergessen

Wir, die Nachkommen der Zeitzeugen und der Ermordeten, dürfen das Leid unserer Großeltern nicht verstecken – wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Kindern erspart bleibt

von Eugene Korsunsky  14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Gedenken

Zwischenrufe bei Weimer-Rede in Buchenwald

Schon im Vorfeld hatte es Kritik am Auftritt des Kulturstaatsministers beim Buchenwald-Gedenken gegeben. Auch vor Ort gab es Gegenwind. Das sagt Weimer selbst dazu

 13.04.2026

Gedenken

»Für mich steht sein ›Hochverrat‹ heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit«

Hape Kerkeling sprach anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald über seinen Großvater Hermann, der dort fast drei Jahre inhaftiert war. Wir dokumentieren seine Rede

 13.04.2026

Berlin

Trauer um Rabbiner Avraham Golovacheov

Der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin ist am Montag nach schwerer Krankheit gestorben. Vor 18 Jahren war er als Chabad-Gesandter in die deutsche Hauptstadt gekommen

 07.04.2026

Porträt der Woche

Ich bin dankbar

Svitlana Petrovska überlebte die Nazis – und floh vor Putins Krieg nach Berlin

von Rob Savelberg  06.04.2026