Interview

»Man versteht sich auch ohne Worte«

Esther Petri-Adiel und Channah Trzebiner-Schmitt (v. l.) Foto: privat

Interview

»Man versteht sich auch ohne Worte«

Esther Petri-Adiel und Channah Trzebiner-Schmitt über ihre ganz besondere Arbeit beim Treffpunkt für Schoa-Überlebende

von Eugen El  30.06.2021 15:49 Uhr

Frau Petri-Adiel, Frau Trzebiner-Schmitt, vor kurzem wurden Ihre Vorgängerinnen als Leiterinnen des Frankfurter Treffpunkts für Schoa-Überlebende in einem kleinen Rahmen verabschiedet. Welche Verdienste von Anja Hadda und Noemi Staszweski können Sie besonders hervorheben?
Esther Petri-Adiel: Ihre große Leistung, war, den Treffpunkt zu einer großen Familie und einem Zuhause werden zu lassen – und einem Ort, an dem sich auch die Angehörigen wohlfühlen. 
Channah Trzebiner-Schmitt: Sie haben ein Netzwerk von Sozialarbeitern*innen, Psychologen*innen und anderen Menschen aufgebaut, die soziale Arbeit mit Überlebenden in einem geschützten Rahmen anbieten. Der Kern ist das Mittwochscafé: ein niedrigschwelliges Angebot, wo die Überlebenden Zugang zu einem professionellen Team haben, mit dem sie etwaige Schwierigkeiten im Alltag in geschützten Räumen besprechen können. 

Welche Schwierigkeiten sind das – und wie gehen Sie und Ihr Team damit um?
Channah Trzebiner-Schmitt: Es kann eine Begleitung zum Amt oder einer Behörde sein, bei denen es oft Schwellenängste gibt, weil man der Täterseite oder den Nachfahren der Täter gegenübersteht, oder eine Begleitung zum Arzt. Allein die deutsche Sprache kann sogenannte Flashbacks auslösen. Das Angebot ist kontinuierlich gewachsen: Museumsbesuche, Literaturabende und Konzerte kamen hinzu. Wir ermöglichen den Überlebenden gesellschaftliche Teilhabe unter eigenen Menschen.

Die Besucher des Treffpunkts stammen aus vielen verschiedenen Ländern. Was verbindet sie miteinander?
Esther Petri-Adiel: Wir haben hier im Treffpunkt über 30 verschiedene Sprachen, aber eine Gemeinsamkeit: Jeder ist in irgendeiner Weise von der Schoa betroffen. Die Sprachbarriere ist im Treffpunkt nicht das Problem. Man versteht sich auch ohne Worte. 

Inwiefern ist der Frankfurter Treffpunkt ein Modell für andere deutsche Städte?
Esther Petri-Adiel: Mittlerweile gibt es bundesweit über 30 Treffpunkte. Viele sind in den jüdischen Gemeinden integriert. In Frankfurt gehören wir der ZWST an und haben eigene Räumlichkeiten, arbeiten aber eng mit der Jüdischen Gemeinde zusammen. Der Austausch mit den anderen Treffpunkten ist sehr wichtig, da man Ideen entwickeln kann, wie man sich gegenseitig unterstützt. 

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Sie leiten den Treffpunkt seit einem Jahr. Konnten Sie dessen Betrieb in der Pandemie aufrechterhalten?
Esther Petri-Adiel: Wir haben am 1. Juli 2020 angefangen – inmitten der Pandemie. Wir mussten unsere 190 Klienten zu Hause erreichen. Daher haben wir auf Türbesuche und Anrufe umgestellt. Die Menschen nach dem Lockdown wieder in den Treffpunkt zu bringen, war wieder eine Herausforderung. Sie sind älter geworden und haben Ängste. Ohne unser Team wäre das alles nicht möglich gewesen.

Wann konnte der Treffpunkt wieder seine Türen öffnen?
Esther Petri-Adiel: Wir waren die Ersten, die im Frühjahr wieder öffnen konnten, da bei uns das Personal und die Besucher vollständig geimpft sind. Am 26. Mai konnten wir das erste Café veranstalten. Seitdem wird es jede Woche angeboten – nur für vollständig Geimpfte oder Genesene.
Channah Trzebiner-Schmitt: Die schnelle Öffnung war wirklich nur möglich, weil wir es geschafft haben, dass im harten Lockdown ein mobiles Impfteam in den Treffpunkt kommt und die Überlebenden impft. Wir haben dafür gesorgt, dass niemand in ein offizielles Impfzentrum gehen musste. Das alles fand in den geschützten Räumen des Treffpunkts statt. 

Was werden die künftigen Schwerpunkte Ihrer Arbeit sein?
Esther Petri-Adiel: Die erste große Herausforderung ist weiterhin, die älteren Menschen zu betreuen und zu versorgen und das Alter mit schönen Momenten zu erfüllen. Das Zweite ist, die Geschichten der Zeitzeugen für die nachfolgenden Generationen zu dokumentieren. Und es geht weiter mit der zweiten und dritten Generation. Wir haben die Idee eines intergenerationellen Debattierclubs.
Channah Trzebiner-Schmitt: Es ist uns wichtig, das von Anja Hadda und Noemi Staszewski angelegte Konzept kontinuierlich weiterzuverfolgen. Wir wollen die vorhandenen Strukturen intensivieren und ausweiten. Das Programm wird stetig erweitert – aber immer im Sinne der Gründer. Auch wird die Gründergeneration langsam zum Adressaten des Treffpunkts. Es gibt jetzt schon eigene Angebote für die zweite Generation, es wird zukünftig sicher ausgebaut werden. 

Was schätzen Sie besonders an Ihrer Tätigkeit?
Esther Petri-Adiel: Ich schätze die Arbeit des ganzen Teams. Unser festes Team besteht aus Elisabeth Balzer, Maruska Ferjencik, Kurt Grünberg, Aviva Kaminer, Isidor Kaminer, Rita Vaynberg, Rosie Kupfer, Zuzka Bisicky und René Kahn. Ohne ihr herausragendes Engagement wäre der Treffpunkt nicht so leistungsfähig wie er ist. Die Arbeit ist gesichert durch unsere großzügigen Sponsoren: Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft und die Stadt Frankfurt. Das wissen wir zu schätzen.
Channah Trzebiner-Schmitt: Auch wenn die Lebensgeschichten der Überlebenden schrecklich sind: Im Treffpunkt ist es wunderschön. Es ist fröhlich, laut und lustig. Wir lachen viel zusammen. Die Überlebenden sehen das Leben anders und genießen den Moment anders. Sie genießen auch kulturelle Angebote sehr. 

Mit den Leiterinnen des Frankfurter Treffpunkts für Schoa-Überlebende sprach Eugen El.

Anmerkung der Redaktion: Auf Wunsch der Interviewpartnerin wurde an ausgewählten Stellen ein Genderstern statt des Generischen Maskulinums benutzt.

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