Renten

Liebe Sofya Rapoport!

Blick ins Portemonnaie: Am Monatsende bleibt von der knappen Rente nicht viel übrig. Foto: imago

Ich bin von Ihrer humorvollen, zu Herzen gehenden Erzählung über Ihre Erlebnisse in Deutschland, Ihre Familiengeschichte und Ihre derzeitige Situation sehr berührt (prelive.juedische-allgemeine.de/article/view/id/14149). Ich muss Ihnen gestehen, dass Sie in Ihrer ganzen Einmaligkeit für mich den Idealtypus einer intellektuellen, jüdischen Frau mit einer sowjetisch-jüdischen Geschichte und Sozialisation repräsentieren: bildungshungrig und gebildet, neugierig, vorurteilslos (und somit extrem integrationswillig und -fähig), voller Tatendrang, kontaktfreudig und mit einer guten Ausbildung. Sie hatten in der ehemaligen UdSSR einen anerkannten Beruf und haben, für sowjetische Verhältnisse, nicht schlecht verdient und dort Rentenansprüche erworben, die Ihnen seit Ihrem Rentenalter ausbezahlt werden.

Rechtsanspruch Diese in der früheren Sowjetunion aus Ihren Rentenansprüchen erworbene Rente ist Ihr Einkommen, das zum Leben in der Bundesrepublik, in der Sie jetzt leben, nicht ausreicht. Entsprechend wird Ihre russische Rente gemäß dem SGB XII (Sozialgesetzbuch, Zwölftes Buch) bis zum Betrag der Grundsicherung aufgestockt. Dies geschieht bei jedem, der ein Einkommen bezieht, das zum Lebensunterhalt nicht ausreicht. Diese Leistungen sind ein Rechtsanspruch. Zumeist anrechnungsfrei bleiben hingegen Leistungen, die einer Opferentschädigung entsprechen. Ob es sich im Einzelfall um eine solche handelt, muss geprüft werden.

Das alles klingt sehr bürokratisch, und Sie, liebe Sofya Rapoport, hören das sicher nicht zum ersten Mal. Es wird Sie nicht trösten, dass Sie in dieser Situation nicht alleine sind. Dennoch möchte ich Ihnen davon berichten, dass auch andere Personen von dem betroffen sind, das gemeinhin »Altersarmut« genannt wird und so viele Gesichter hat, wie es Menschen gibt.

Bereits vor Beginn der Zuwanderung von Juden aus der früheren UdSSR gab es in den Jüdischen Gemeinden Mitglieder, die von Sozialhilfe leben mussten, weil sie ein geringes oder gar kein Einkommen, noch Vermögen hatten. Und es gab Juden, die Sozialhilfe und Opferentschädigung hätten bekommen können und müssen, sich jedoch weigerten, diese zu beantragen und empfangen, weil sie als Überlebende der Schoa von den deutschen Behörden überhaupt kein Geld annehmen wollten.

Sie hatten Panik vor deutschen Behörden. Sie waren krank, seelisch und körperlich, und konnten kein deutsches Amt betreten. Die jüdischen Gemeinden konnten sie nur mit kleineren Beträgen, einfühlsamer Beratung und seelischer Zuwendung über Wasser halten. Wovon haben diese Menschen also leben können?

Enkel Damals gab es noch eine Gemeinschaft von Überlebenden, die sich gegenseitig unterstützten, die sich kannten und halfen. Diejenigen, die geholfen haben, und die, die Hilfe brauchen, gehen leider nach und nach von uns. Wir werden sie niemals vergessen. Und auch unter uns, ihren Kindern und Enkeln, gibt es zahlreiche Menschen, die nicht ohne zusätzliche, staatliche Hilfe existieren können.

Als die jüdische Zuwanderung in die Bundesrepublik 1989 begann, lebten in Deutschland nur noch 29.089 Juden, davon 8.891, die über 61 Jahre alt waren. Am 31. Dezember 2011 wurden 102.797 Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland gezählt, davon 44.548, die älter als 61 Jahre alt waren. Dieses Wachstum verdanken wir der jüdischen Zuwanderung aus den Staaten der früheren Sowjetunion.

Der Anteil der Mitglieder in den deutschen jüdischen Gemeinden, die über 61 Jahre alt sind, wuchs jedoch von 30,5 Prozent im Jahr 1989 auf 43,3 Prozent 2011. Die Mehrheit dieser Altersgruppe hat ihre Rentenansprüche in den Ländern der ehemaligen UdSSR erworben und wird in Deutschland nicht in ausreichender Höhe Rentenansprüche erarbeitet haben, um auf Transferleistungen verzichten zu können.

Das heißt, dass eine nicht unbeträchtliche Mehrheit der altersentsprechenden Gruppe von Mitgliedern der jüdischen Gemeinden in Deutschland von ihren Renten nicht leben kann und ergänzend Grundsicherung erhält. Dies wird sich auch in den kommenden Jahren nicht ändern, zumindest für die Jahrgänge nicht, die in der Bundesrepublik Deutschland keine ausreichenden Rentenanteile erwerben konnten.

Ungleichheit Die Ungerechtigkeit im Falle der jüdischen Zuwanderer besteht darin, dass diese nicht, wie die deutschen Spätaussiedler, ihre Renten nach dem Fremdrentengesetz erhalten, obwohl sie aus demselben Land nach Deutschland gekommen sind. Doch es ist kaum wahrscheinlich, dass beim Bezug einer solchen Rente aus einem anderen Land eine Gleichstellung erfolgen wird, denn seit Gründung der Bundesrepublik ist es Juden, die aus Osteuropa kamen, sehr schwer, wenn nicht unmöglich gemacht worden, als »dem Deutschen Kulturkreis zugehörig« anerkannt zu werden.

Ich würde mir mehr Gerechtigkeit wünschen, damit alle Gemeindemitglieder, die von einer kleinen Rente oder von Grundsicherung leben müssen, ein ausreichendes Einkommen haben. Geld ist wichtig, und man möchte, vor allem nach einem arbeitsreichen Leben, mehr als das haben, was gemeinhin als Lebensminimum anerkannt wird.

Dennoch: Altersarmut hat mehr Komponenten, sie ist individuell, sie hat, neben der kleinen Rente und dem Bezug von Transferleistungen, vor allem mit Einsamkeit und Abwesenheit von Gesundheit zu tun. Und das bedeutet, den Problemen alleine ausgeliefert zu sein. Hier beginnt, neben der Beratung in Behördenangelegenheiten, die intensive Arbeit einer jüdischen Sozialabteilung.

Lebensqualität Liebe Sofya Rapoport, Sie haben glücklicherweise Fähigkeiten, die Ihnen dennoch ein gutes Leben ermöglichen. Mit Ihrer Familie und in Ihrer jüdischen Gemeinde, der Sie verbunden sind, mit der Kultur, in der Sie aufgewachsen sind, Literatur, Musik, Kunst, Tanz, Essen, Freunde, Freude an der Natur und an schönen Dingen. Ihre Eigenschaften, Ihre Talente verschaffen Ihnen eine Lebensqualität, um die manche Wohlhabenderen Sie beneiden könnten.

Dennoch: Wenig Einkommen und Abhängigkeit von staatlichen Bezügen, das macht Angst. Ich bin sicher, dass Sie Beratung und Schutz von Ihrer jüdischen Gemeinde erhalten. Und dass es Ihren Kindern und Enkeln, die eine so gute Mutter und Großmutter haben, besser gehen wird.

Die Autorin ist Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main.

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