München

Kontinuität und Aufbruch

»Unsere IKG war und ist seit jeher mehr als nur eine Gemeinde: Sie ist vor allem Gemeinschaft«: IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch Foto: USC Shoah Foundation

Wer Fortschritte sehen will, braucht einen langen Atem: Dieses alte Bonmot hat die seit bald zwei Jahren andauernde Pandemie ein weiteres Mal bestätigt. Auch unsere Gemeinde musste sich lange in Geduld üben, nicht zuletzt in Bezug auf die Vorstandswahlen, die turnusmäßig im Sommer 2020 hätten stattfinden sollen.

Dass aber inmitten großer Unsicherheit und Monate vor Ankunft der ersten Impfstoffe an Wahlkampf und damit auch eine Wahl im gewohnten Sinne nicht zu denken war, lag damals auf der Hand. Weitere Verschiebungen folgten, und es war in jeder Hinsicht ein großer Tag für die Kultusgemeinde, als die Mitglieder Anfang Dezember endlich ihre demokratischen Rechte wahrnehmen und einen neuen Vorstand wählen konnten. Den vielen helfenden Händen und selbstredend auch der Wahlkommission darf ich hier deshalb meine Hochachtung und Anerkennung ausdrücken.

dank Als dann am 9. Dezember die Gewählten zur konstituierenden Vorstandssitzung zusammentraten, hatte nicht nur ich das Gefühl, dass dort im Hubert-Burda-Saal ein neues Kapitel im Buch unserer Gemeinde aufgeschlagen wurde. Mit dieser Sitzung ging zunächst die notgedrungen um anderthalb Jahre gestreckte und damit historisch längste Vorstandskadenz der IKG-Geschichte zu Ende.

Die Rede von der Digitalisierung ist zwar längst allgegenwärtig, Verbesserungspotenzial gibt es jedoch unverändert weiter.

Wie schon vor Ort möchte ich auch hier noch einmal all denen von Herzen danken, die in den vergangenen fünfeinhalb Jahren in schwieriger Lage ihre Zeit und Energie für unsere Kultusgemeinde eingesetzt haben und die nunmehr aus dem Vorstand ausgeschieden sind. Der neue Vorstand wird daher künftig in große Fußstapfen zu treten haben.

Seine ersten Schritte hat er jedoch bereits gemacht und sie dabei – wie ich finde klugerweise – in den Dienst größtmöglicher Transparenz gestellt: Erstmals wurde eine konstituierende Sitzung für Publikum aus der Gemeinde geöffnet und die öffentlichen Tagesordnungspunkte sogar im Netz auf IKG LIVE! übertragen. Am sprichwörtlichen Tisch konnten so viele Gemeindemitglieder Platz nehmen, die sonst womöglich auf Abstand geblieben wären.

pandemie Diese Geste unterstrich die zwei Themen, die aus meiner Sicht zu den wichtigsten der neuen Vorstandskadenz gehören werden. Erstens wird es dem Vorstand obliegen, die in der Pandemie teils heftig strapazierten Bande zu den Gemeindemitgliedern wieder fester zu knüpfen. Und zweitens muss er, wie schon in der konstituierenden Sitzung, die Werkzeuge nutzen und ausbauen, die eine zunehmend digitale Welt uns bietet.

Die Rede von der Digitalisierung ist zwar längst allgegenwärtig, Verbesserungspotenzial gibt es jedoch unverändert weiter. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie unsere IKG – und die Gesellschaft als Ganzes – die schweren Monate seit März 2020 durchgestanden hätten ohne Heimarbeit und Zoom-Treffen. Zwar kann nichts ein persönliches Gespräch ersetzen, aber ein digitales Treffen ist in jedem Fall besser als keines.

Leider haben die vergangenen Monate auch gezeigt, dass wir einen erheblichen Anteil der Gemeindemitglieder auf diesem Wege noch immer nicht erreichen; diesen Missstand abzustellen, muss eines der Hauptziele des neuen Vorstands werden. Wir haben es dabei mit einer echten Querschnittsaufgabe zu tun: Von den Kinderbetreuungseinrichtungen bis zur Sozialabteilung, von unseren Senioren bis zur Kultur muss die Infrastruktur der IKG darauf optimiert werden, die realen und metaphorischen Wege für ihre Mitglieder so kurz wie möglich zu gestalten.

Damit Helfer und Hilfsbedürftige, Anbieter und Interessierte zusammenkommen, braucht es nicht nur in Corona-Zeiten besondere Anstrengungen; diese Aufgabe wird uns in den kommenden Jahren weiter begleiten.

projekte Wie zukunftsfest unsere Gemeinde wird, das entscheidet sich in den nächsten vier Jahren noch an anderen Stellen. In diese Zeit fällt die Fertigstellung der neuen Zaidman-Seniorenresidenz, und das Helene Habermann Gymnasium, das seit diesem Schuljahr am neuen Standort in Fasangarten residiert, wird 2024 sein erstes Abitur abnehmen. Welche Strukturen die Generation der heutigen Kinder und Jugendlichen also in einigen Jahrzehnten vorfinden wird – mithin: wie gut das Angebot sein wird, das die Kultusgemeinde ihnen unterbreiten kann –, entscheidet sich in der nahen Zukunft.

Was nach innen funktioniert, muss sich auch außen widerspiegeln.

Aber es wäre verfehlt, den Erfolg der kommenden Kadenz nur in Werten von Stein und Papier zu messen. Unsere IKG war und ist seit jeher mehr als nur eine Gemeinde: Sie ist vor allem Gemeinschaft, und sie ist unser kleiner Anteil am jüdischen Volk. Deswegen zähle ich es auch zu meinen persönlichen Zielen, die jüdischen Grundlagen überall in der IKG zu stärken, vom Gebet im Kindergarten bis hin zum koscheren Essen in unserem Restaurant und darüber hinaus.

selbstbewusstsein Was dann nach innen funktioniert, muss sich sodann auch außen widerspiegeln: Mit aller Vorsicht, aber auch dem gebotenen jüdischen Selbstbewusstsein müssen wir auftreten in einer Gesellschaft, in der wir viele Feinde, aber glücklicherweise noch mehr Freunde und Verbündete haben. Diese Verbindungen dürfen wir nicht abreißen lassen.

Mit den Vizepräsidenten Yehoshua Chmiel und Peter Guttmann sowie mit dem gesamten Vorstand, der mir mit der Wiederwahl als Präsidentin sein großes Vertrauen ausgesprochen und eine ehrenvolle Aufgabe übertragen hat, werde ich in den kommenden Jahren dafür kämpfen, dass das Kapitel, das wir für unsere IKG neu aufgeschlagen haben, nur einen Inhalt kennt: Simches! Das ist, das bleibt meine und unser aller Verantwortung. Mögen es vier gute Jahre für die IKG werden. Am Israel Chai!

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