Meine Woche

Kommunikation ist alles

Will später ihre jüdische Identität auch an die Kinder weitergeben: Ella Trojanowskaja (20) Foto: Moritz Pieler

Ich weiß noch nicht, in welche Richtung ich nach dem Studium gehen werde. Die Möglichkeiten sind breit gefächert. Ich studiere im zweiten Semester Sozialökonomie an der Universität Hamburg. Das ist eine Mischung aus Soziologie, Jura, BWL und Volkswirtschaft. BWL alleine war mir zu trocken, da musste ich jedes Wort im Wirtschaftslexikon nachschlagen. Und Marketing und die Platzierung von Produkten interessieren mich nicht so sehr. In meinem Studium habe ich die Möglichkeit, in verschiedene Bereiche hineinzuschauen. Ab dem dritten Semester suche ich mir dann einen Schwerpunkt. Wer weiß, was ich eines Tages machen werde? Ich kenne jemanden, der arbeitet als Soziologe bei einer Bank. Inzwischen gefällt es Arbeitgebern wohl ganz gut, wenn man von mehreren Bereichen ein bisschen Ahnung hat.

Ich bin im Norden von Hamburg aufgewachsen, in Niendorf. Meine Schule, das Helene-Lange-Gymnasium, war eine bilinguale Schule. Wir hatten verschiedene Fächer, wie zum Beispiel Chemie und Erdkunde auf Englisch. Sprachen liegen mir sehr. Meine Eltern stammen beide aus der Ukraine. Bei uns zu Hause wird eine Mischung aus Deutsch und Russisch gesprochen. Russisch zu schreiben und zu lesen habe ich früher am Wochenende in einer russischen Schule gelernt.

deutschsein Wir sind, als ich ein Jahr alt war, von Kiew nach Hamburg gezogen. Wenn mich jemand fragt, ob ich mich als Deutsche fühle, dann sage ich automatisch: Ja. Aber so ganz stimmt das nicht. Es ist ein innerer Konflikt, den ich ganz schwer definieren kann.

In Niendorf gab es nicht viele andere ausländische Familien, als ich dort in die Grundschule gegangen bin. Neulich fiel mir mein Zeugnis aus der ersten Klasse in die Hände. Da hatte die Lehrerin geschrieben: »Dein Deutsch ist noch nicht so gut« und »Du solltest dich im Unterricht etwas zurücknehmen«. Eigentlich ziemlich gemein. Ich habe mich immer viel gemeldet und war bemüht, gut zu sein. Mir wurde zu Hause vermittelt, dass ich mich besonders anstrengen muss, weil ich keine Deutsche bin. Und meinen Mitschülern wollte ich natürlich auch beweisen, dass ich genauso gut bin wie sie. Deshalb war ich sehr ehrgeizig.

Meine Eltern konnten mir bei den Hausaufgaben nicht helfen. Manchmal hatte ich das Gefühl, benachteiligt zu werden. Nachdem eine Deutschlehrerin einem südkoreanischen Mitschüler gesagt hatte, dass sein Deutsch Kindergartenniveau hätte, habe ich mich eine Zeit lang gar nicht mehr gemeldet.

Als ich kleiner war, sind wir öfter in die Ukraine gefahren. Aber mittlerweile liegt der letzte Besuch schon vier Jahre zurück. Ich fühlte mich dort immer fremd, die Mentalität der Menschen ist ganz anders als die in Deutschland. Aber ich mag das Essen dort lieber. Da ist alles irgendwie frischer und leckerer. Am liebsten esse ich Blini mit Quark.

Tennis Ich habe mit zehn angefangen, Tennis zu spielen. Zuerst nur zum Spaß, aber ich konnte schnell mit den älteren Mädchen mithalten. Mein erster Trainer hat mich sehr gefördert, sodass ich mit 13 richtig gut war.

Zwei Jahre später haben mein Vater und ich für einen Monat in einem winzigen Dorf in der Ukraine gelebt, weil ich damals Tennisprofi werden wollte und es dort eine Art Trainigscamp gab. Die Tochter des Trainers wollte auch Profi werden, er hat uns selbst trainiert und uns mit Versprechungen dorthin gelockt. Letztlich stellte sich alles als ziemlich falsch heraus. Nach einigem Hin und Her spiele ich jetzt beim SC Victoria in der Damenmannschaft, aber ich habe höchstens noch einmal in der Woche Training. Ich versuche, so viel wie möglich mit Freunden zu spielen.

2009 bin ich auf einen Sichtungslehrgang für die Makkabiade gefahren und wurde tatsächlich angenommen. Das war wohl der schönste Sommer meines Lebens! Zuerst waren wir in einem Trainingscamp in Israel und dann zwei Wochen lang in Jerusalem, wo die Tennisturniere stattfanden. Das war meine erste Reise allein nach Israel. Ich habe mich in Jerusalem sehr wohlgefühlt. Aber noch besser hat mir Tel Aviv gefallen. Die Leute sind da so fröhlich. Vielleicht liegt es am Wetter, oder weil die Stadt am Meer ist.

Judentum Bei uns in der Familie ist es schon wichtig, dass wir jüdisch sind. Meine Eltern sehen beide nicht sehr ukrainisch aus und haben ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht, als sie noch dort gelebt haben. Mit meiner Oma spreche ich viel über unseren Glauben und ihre Vergangenheit. Als Kind habe ich nicht verstanden, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Es war ganz selbstverständlich für mich, in die Synagoge zu gehen. Aber mit der Zeit begann ich nachzufragen: Warum sind wir jüdisch? Was macht mich aus? Für mich war es schwer zu begreifen, dass auch meine Familie direkt vom Holocaust betroffen war.

Es gab eine Zeit, da hatte ich mehr mit der Gemeinde zu tun, weil ich über eine befreundete Familie in das Gemeindeleben eingeführt wurde. Nachdem sie weg waren, ist das weniger geworden. Früher gab es auch immer israelische Gäste, die ein Jahr lang in der Synagoge gewohnt haben und Aktionen wie Ausflüge und Schabbatessen für uns organisiert haben. Seit dem Studium habe ich noch weniger Zeit. Und in meinem Alter, mit 20, ist es auch schwierig zu sagen, ich esse koscher, ich gehe in die Synagoge, ich halte den Schabbat.

Irgendwie habe ich den Anschluss verpasst, um mich richtig mit dem Judentum auseinanderzusetzen. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, mich näher damit zu beschäftigen, wenn in mein Leben mehr Ruhe eingekehrt ist. Ich habe hier in Hamburg ein paar jüdische Freunde. Für die meisten ist es so wie für mich auch, dass Jüdischsein mehr ist als Religion. Es ist ein großer Bestandteil meiner Identität. Ich fühle mich unserem Volk zugehörig, das seit Jahrhunderten überall auf der Welt verstreut lebt. Ich möchte die jüdische Identität auch gern an meine Kinder weitergeben. Bei all der Grausamkeit hat unsere Geschichte auch so viel Schönes, finde ich.

Haltung Mein Freund ist Muslim mit marokkanischen Wurzeln. Als er mich seinen Eltern vorstellte, hatte ich schon ziemliche Angst. Inzwischen geht es aber ganz gut. Meine Eltern mögen ihn gern, und für mich zählt einfach nur, dass er ein guter Mensch ist, egal, welchen Glauben er hat. Wir sprechen viel über Religion und die Politik Israels und sind da oft auch nicht der gleichen Meinung. Aber mir hilft es, mit jemandem zu reden, der eine andere politische Haltung vertritt und mich damit kritisch auseinanderzusetzen.

Der Nahostkonflikt ist ohnehin ein derart komplexes Thema, das von hier aus sehr schwer zu beurteilen ist. Gerade wir Juden sind nicht dazu berechtigt, andere Menschen aus ihrem Land zu vertreiben. Es muss doch eine Lösung zu finden sein, mit der alle dort friedlich leben können. Ich finde, man muss das Verständnis füreinander fördern. Am besten fängt man bei den Kindern an. Wenn ihnen heute mehr Toleranz beigebracht würde, könnte der Konflikt vielleicht in 30 Jahren nicht mehr bestehen oder zumindest nicht mehr in dieser Schärfe. Ich möchte jedenfalls nicht, dass meine Kinder in Angst aufwachsen müssen, nur weil sie jüdisch sind. Und genauso wenig würde ich wollen, dass sie sich als etwas Besseres empfinden wegen ihrer Herkunft.

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