Hochschule

»Jüdisch – und das ist auch gut so«

Studiert in Karlsruhe interkulturelle Bildung, Migration und Mehrsprachigkeit: David Rosenberg Foto: Marco Limberg

Hochschule

»Jüdisch – und das ist auch gut so«

David Rosenberg über den neu gegründeten Studierendenverband Rheinland-Pfalz/Saarland, Netzwerken und den ersten Schabbaton

von Christine Schmitt  16.01.2024 07:32 Uhr

Herr Rosenberg, Sie sind der Initiator des »Hinenu Jüdischer Studierendenverband Rheinland-Pfalz/Saarland«. Was hat Sie motiviert, ihn zu gründen?
Schon seit einigen Jahren bin ich in Kontakt mit der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Ich habe in Heidelberg, wo der Bund jüdischer Studierender Baden aktiv ist, meinen Bachelor gemacht. Ich komme aus der Südpfalz, wo wir nie so ein Äquivalent hatten. Als ich zur jüngsten Wahl des neuen JSUD-Vorstands nach Berlin fuhr, wurde mir wieder einmal bewusst, dass ich der einzige Student aus Rheinland-Pfalz bin, der dabei war, und dass wir so einen Verband auch im dort brauchen. Es kann nicht sein, dass es da keinen gibt.

Warum beide Bundesländer: Rheinland-Pfalz und das Saarland?
Ansonsten wären die Saarländer nicht repräsentiert. Mir wurde der Tipp gegeben, das Saarland mit dazu zu nehmen, denn da gab es auch keine Organisation für jüdische Studierende. Und wir haben es ja dann geschafft. Wir waren quasi der letzte Studierendenverband, der gegründet worden ist, und dadurch gibt es nun überall in der Bundesrepublik Ansprechpartner. In anderen Bundesländern gibt es ja schon lange jüdische Studierendenverbände. Auch die Kollegen in Ostdeutschland haben nun einen Verband gegründet, er heißt Jüdische Allianz Mitteldeutschland.

Ihr Verband heißt »Hinenu«. Was hat es damit auf sich?
Das ist Hebräisch: »Hier sind wir!« Es soll ein Statement sein, dass wir hier vor Ort präsent sind. Wir haben uns schon genug versteckt in Deutschland. Wir sollten selbstbewusster darangehen, als wir es bisher getan haben. Nun stehe ich da und sage: Ich bin jüdisch, ich lebe in der Pfalz, und das ist auch gut so.

Wann und wo fand die Gründung statt?
Am 15. November im Landtag von Rheinland-Pfalz. Wir hatten die Idee, den Landtag anzufragen. Und dann haben wir mit dem Landtagspräsidenten gesprochen, der gleich signalisierte, dass wir willkommen seien.

Wie viele Studierende haben sich Ihrem Verband mittlerweile angeschlossen?
Das Gute ist, es melden sich nach und nach immer mehr Leute. Inzwischen sind wir um die 20. Wir haben klein angefangen und haben einen Gründungsvorstand mit acht Leuten. Aber es kommen nach und nach Leute dazu, die mich anschreiben, weil sie davon gehört haben.

In welcher Gemeinde sind Sie aufgewachsen?
In Karlsruhe. Als Jugendlicher habe ich mich in der Gemeinde manchmal ein bisschen ausgegrenzt gefühlt. Viele sprechen nur Russisch. Ich fange jetzt erst an, die Sprache zu lernen. Mittlerweile bin ich in der Kultusgemeinde in Speyer sehr aktiv.

Welche Ziele verfolgt Ihr Verband?
Er soll eine Anlaufstelle sein. Für die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens ist es gerade bei Studierenden wichtig, dass die Gesellschaft beispielsweise für jüdische Feiertage sensibilisiert wird. Das Ziel ist die Förderung der jüdischen Identität seiner Mitglieder und die Völkerverständigung. Die Vereinsarbeit richtet sich insbesondere an die an jüdischer Religion und Kultur interessierten rheinland-pfälzischen und saarländischen Studierenden und jungen Erwachsenen.

Wer kann Mitglied werden?
Alle aus der Region im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Man muss nicht Gemeindemitglied sein, um mitmachen zu können. Wir sind inklusiv, auch patrilineare Juden sind willkommen. Allerdings muss man, um als ordentliches Mitglied akzeptiert zu werden, halachisch jüdisch sein. Aber es gibt eben auch die Option der außerordentlichen Mitgliedschaft, die ist für alle offen.

Treffen Sie sich regelmäßig?
Hauptsächlich online. Wir leben ja in einem riesigen Flächenland – da alle zusammenzukriegen, wird schwierig. Deswegen halten wir beispielsweise viele Vorstandssitzungen online ab. Jetzt haben wir die Idee, zu Purim ein großes Event aufzuziehen und planen für unsere Leute vor Ort einen großen Schabbaton.

Werden Sie sich politisch einmischen?
Wir sind ein studentisches Netzwerk. Wir möchten nicht die Politik der Gemeinden gestalten. Aber wir werden natürlich mit den Gemeinden reden, in Kontakt sein. Ich finde, auch wenn es Angebote für Jugendliche geben sollte, damit diese mehr in die Gemeinde kommen, sollten die Gemeindevertreter oder Mitarbeiter doch am besten erst einmal mit diesen reden. Dafür soll diese Plattform dann auch da sein. Wir wollen die Gemeinden ergänzen und haben ein offenes Ohr. »Kommt doch mit uns, und vielleicht finden wir gemeinsam Möglichkeiten, junge Leute in die Synagoge zu bringen«, das würde ich ihnen gern sagen.

Wie finanzieren Sie sich?
Mitgliedsbeiträge erheben wir nicht. Bei uns gibt es ja den Landesverband Rheinland-Pfalz, die Synagogengemeinde Saar und die Jüdische Kultusgemeinde in Rheinhessen. Mit denen sind wir im Austausch. Würden wir jetzt eine Veranstaltung planen, so würden sie uns finanziell unterstützen.

Mit dem Gründungsvorsitzenden des Studierendenverbands sprach Christine Schmitt.

Düsseldorf

Zwei Familien, eine Freundschaft

Die Rubinsteins und die Spiegels erlebten wichtige Momente gemeinsam. Erinnerungen an einen Freund

von Herbert Rubinstein  29.04.2026

Erinnern

»Du fehlst, Paul«

Vor 20 Jahren starb Paul Spiegel. Als Zentralratspräsident hat er das Land geprägt und sich für Verständigung eingesetzt. Wie würde er auf das Heute blicken? Gedanken von Gisèle Spiegel

von Gisèle Spiegel  29.04.2026

Jubiläum

»Wir richten den Blick nach vorn«

Toby Axelrod über 20 Jahre Limmud Deutschland, Herausforderungen und eine ganz besondere Aktion

von Christine Schmitt  28.04.2026

Militär

Für Deutschland kämpfen?

Nach der Schoa war es für Juden unvorstellbar, wieder in einer deutschen Armee zu dienen. Doch wie blickt die jüdische Gemeinschaft heute auf die Bundeswehr?

von Joshua Schultheis  28.04.2026

Gedenken

17 neue Stolpersteine für Magdeburg

Seit dem Jahr 2007 wurden in Magdeburg mehr als 860 Stolpersteine für Opfer der Verfolgungen in der Zeit des Nationalsozialismus verlegt. Am 4. Mai kommen weitere 17 Steine an den Wohnorten von jüdischen Mitbewohnern hinzu

 28.04.2026

Berlin

Festakt zur Umbenennung in Margot-Friedländer-Platz

Der Vorplatz des Berliner Abgeordnetenhauses wird zum 7. Mai umbenannt

 28.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026

Genuss

Küche der Kindheit

Die Foodbloggerin Lena Bakman kocht die bucharischen Gerichte ihrer Großmutter

von Alicia Rust  24.04.2026