Porträt

John Lennon ist schuld

Letzter Schnitt: Elkan Spiller hofft auf finanzielle Unterstützung für sein Projekt durch eine Crowdfunding-Website. Foto: Alexander Stein

Porträt

John Lennon ist schuld

Warum der Regisseur Elkan Spiller die Familiengeschichte seines Cousins verfilmt hat

von Tobias Müller  31.01.2012 09:15 Uhr

Die Geschichte von Elkan und Chaim beginnt mit John Lennon. Elkan Spiller war 15, sein Leben spielte sich in der Synagogen-Gemeinde Köln ab. Kindergarten, Schule, dann die zionistische Jugendgruppe, deren Leitung er übernahm. Mit den Vorschriften nahm man es genau in seinem Elternhaus. Nicht nur, dass koscher gegessen wurde. Als eine der wenigen kam die Familie auch zu Fuß zur Synagoge. Jeder kannte die Spillers.

Dann entdeckte Elkan die Beatles und John Lennon. Ein fernes Vorbild. Als nähere Projektionsfläche bot sich sein älterer Cousin Chaim an. Unangepasst und charismatisch, der John Lennon der Familie, und wie Elkan selbst eher auf der Suche nach einer tieferen menschlichen Ebene denn nach materiellem Reichtum.

Drei Jahrzehnte später ist Elkan Spiller, inzwischen Filmemacher, noch immer mit seinem Cousin beschäftigt. Freilich auf einer ganz anderen Ebene, denn er arbeitet an einem Film, der Chaim Lubelski porträtiert. »Nicht als coolen Typen«, der Chaim zweifellos ist: ein Nonkonformist, der mit 14 in eine Jeschiwa nach London ging und sich trotz tiefer Religiosität absetzte, um fortan allein in der Metropole zu leben.

Ein Schachgenie, das sich zwei Jahre lang in Saint Tropez durchschlug, indem es dort gegen Großmeister antrat. Ein erfolgreicher New Yorker Geschäftsmann, der mit dem Export von Levi’s Jeans nach Europa zu Wohlstand kam. All das ließ Chaim Lubelski zurück, als seine Mutter, die Schoa-Überlebende Nechuma, in ein Altenheim nach Antwerpen zog – und er mit ihr, um 24 Stunden täglich für sie da zu sein. Von diesem Chaim handelt Elkan Spillers Film.

EINBLICK L’Chaim – To Life (Auf das Leben) soll die Dokumentation heißen, deren Dreharbeiten 2007 begannen. Nun steht der Schnitt an. Am Ende wird nicht nur ein intimes Porträt eines bemerkenswerten Mannes stehen, sondern auch ein Blick auf eine Generation, die Spiller »unsere« nennt. Obwohl er anderthalb Jahrzehnte jünger ist als Chaim, ist auch er der Sohn von Schoa-Überlebenden.

»Über die zweite Generation gibt es gar nicht so viele Filme«, sagt der Regisseur. Ein Generationsmerkmal, das starke Verantwortungsgefühl für die Eltern, hat offensichtlich auch Chaim geprägt. Das Betreuen der Mutter wird ihm zur Lebensaufgabe. Und im Rückblick zu den schönsten Jahren seines Lebens.

Es ist diese Einstellung, das Lächeln, der liebevolle Umgang mit der Mutter, die Elkan Spiller bedingungslos in den Fokus rückt. Chaim, sagt er, zeigt, wie man sein Schicksal annehmen kann, nicht nur aufopferungsvoll, sondern mit Freude. Und Freude gibt Chaim nicht nur Nechuma, sondern allen Bewohnern des jüdischen Altenheims in Antwerpen, obwohl er mit Schirmmütze, Zottelbart und der ewigen Kippe im Mundwinkel nicht gerade wie der Liebling der Senioren ausieht.

Genau darin sieht sein Cousin, was er schon immer an ihm bewunderte: »Er ist echt. Es geht ihm nicht um Äußerlichkeiten. Chaim inspiriert bei der Sehnsucht, ein Mensch zu sein.« Berührt zeigen sich von dieser Figur auch viele Zuschauer. Der Dokumentarfilm nämlich ist eine Vertiefung von Spillers Film Mama, L’Chaim, den er 2009 als Beitrag zu einem Kurzfilmwettbewerb des Holocaust-Museums Los Angeles einschickte. Kurz entschlossen, schließlich hatte er schon 22 Stunden Material. Dem ersten Preis dort folgten einige andere auf insgesamt 50 internationalen Filmfestivals.

Unter anderem beim renommierten San Franciso Jewish Filmfestival war Mama, L’Chaim zu sehen, und unter 2.400 Einsendungen schaffte er es auf die Kurzfilmliste der Berlinale von 2009. Die Filmbewertungsstelle verlieh ihm das »Prädikat: besonders wertvoll«.

Wirkung Tatsächlich ist es schwer, sich der Wirkung dieses Films zu entziehen. Mama, L’Chaim ist eine schnelle Abfolge von Alltagsszenen in dem kleinen Appartment, Gespräche am Esstisch, durchzogen von Interviews mit den Protagonisten. Es wird viel gelacht, schließlich will Chaim Nechuma ihre letzten Jahre so angenehm wie möglich machen.

Und da das Leben bisher nun mal war, was es war, lachen sie auch über abrasierte Haare. Für Nechuma gehörte diese Erfahrung zum KZ Peterswaldau. »Ist heute modern, Mama«, antwortet Chaim, sarkastisch, aber nicht bitter. Dann besingt Nechuma, eine gepflegte alte Dame, »Peterswaldau, meine Liebe«. Genau wie damals. »Wir haben gesungen im KZ. Zum Trotz.«

War die Zeit mit seiner Mutter Chaims Lebensaufgabe, ist der Film darüber Elkan Spillers Mission. Ein Dokumentarfilm, sagt er, sei das beste Medium, die Geschichte seines Cousins zu erzählen. Entsprechend sieht er sich selbst nur als »Boten«.

Dazu befähigt ihn zweifellos auch das enge Verhältnis zu seinem Protagonisten. An dessen Anfang lag eine Begegnung in Israel in den 80er-Jahren. Zehn Jahre später lebten beide in New York, Elkan Spiller als Fernsehjournalist für die ARD und die Deutsche Welle, während der Geschäftsmann Chaim Lubelski den Bedürftigen von Borough Park täglich Schecks ausstellte. Beide sind unterwegs, beide suchen nach Authentizität. Elkan, der auch in Berlin, Tel Aviv und San Francisso lebte, sieht sich durchaus als »wandering jew«.

absagen Arbeiten Inzwischen hat ihn die Liebe nach Amsterdam gebracht. Von dort ist es nicht weit nach Antwerpen, wo Chaim Lubelski nach dem Tod seiner Mutter 2010 alleine das kleine Appartment bewohnt. Seit anderthalb Jahren kämpft Spiller nun um die Finanzierung des Schnitts.

Bei Fernsehsendern gab es nur Absagen. Mal wollte man keinen Holocaustfilm, mal nur einen dramatischen, mal war Chaim Lubelski den Verantwortlichen nicht berühmt genug für ein Porträt. Elkan Spiller zuckt mit den Schultern. »Und dann ist es natürlich nicht leicht, Sponsoren zu finden, wenn Ihre Tante in dem Film sagt, sie will die Deutschen nicht kennen, weil sie ihre Eltern ermordet haben.«

Daher soll das nötige Geld nun über eine Crowdfunding-Website zusammen kommen. Spiller ist jedenfalls entschlossen, sein »Herzensprojekt« umzusetzen. »Es wäre zu schade, wenn dieser Film nicht zu sehen wäre.« Vermutlich wird das Publikum Spiller zustimmen, der auf einem der Filmfestivals, wo Mama, L’Chaim lief, sagte: »Erst schien es mir ein Widerspruch, als Jude in Köln aufzuwachsen. Man fragt sich dann: Kann das Leben richtig sein am falschen Ort? Nach diesem Film kannst du sagen: Ja, das kann es.«

http://www.kickstarter.com/projects/836538732/lchaim-to-life

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