Nordrhein-Westfalen

Jetzt erst recht!

Initiatorin Sharon Adler (l.) mit der künstlerischen Leiterin Shlomit Lehavi Foto: Karolin Kwiatowski/Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie der Stadt Dortmund

In Dortmund gibt es Orte, zum Beispiel bestimmte U-Bahn-Strecken, an denen ich meine Kette mit dem Davidstern sicherheitshalber verstecke und keine Kleidung mit hebräischen Buchstaben offen trage», erzählt Elisa Lubarov. Die 21-Jährige kennt nur zu gut das Gefühl drohender Gefahr, wenn sie Zeichen ihrer jüdischen Identität an solchen Orten trägt.

Elisa ist eine der beiden Leiterinnen des jüdischen Jugendzentrums Emuna. Sie weiß, dass sie mit ihren Befürchtungen angesichts eines latent vorhandenen Antisemitismus nicht allein ist. Doch hinnehmen will sie den Zustand nicht.

Zusammen mit zwölf anderen Jüdinnen und Juden der Ruhrgebietsmetropole hat die Studentin beim Projekt «Jetzt erst recht! Stop Antisemitismus!» der Stadt Dortmund und des Online-Magazins «Aviva-Berlin» mitgemacht. Am Sonntag eröffnete eine Ausstellung aus Stellwänden, die großformatige Fotos und prägnante Sätze aus Interviews mit den jüdischen Dortmundern zeigen sowie Informationen zu antisemitischen Vorfällen geben: ein öffentliches Statement gegen Antisemitismus an prominenter Stelle.

ANFEINDUNGEN Die Idee dahinter: Die Ausstellung soll anhand der Erlebnisse von Juden Antisemitismus im Alltag sichtbar machen. Also die Geschehnisse, die in keiner Statistik auftauchen. In den Interviews fragte Initiatorin Sharon Adler von Aviva-Berlin auch danach, ob Juden angesichts von Anfeindungen Solidarität erfahren und wo es in ihrem Umfeld an Zivilcourage fehlt.

Die Stellwände mit ihren großformatigen, zum näheren Betrachten einladenden Porträtfotos vermitteln noch eine andere Botschaft konträr zu den Zerrbildern des Antisemitismus: dass Dortmunder Juden ganz normale Leben führen. Gezeigt werden jüdische Menschen unterschiedlichen Alters mit höchst verschiedenen Biografien, die über ihre Wünsche und Hoffnungen sprechen. Ein Lehrer, eine Abiturientin, Studierende, ein IT-Fachmann, eine Choreografin und ein Sicherheitsbeauftragter kommen unter anderem zu Wort. Es könnte ein zufälliger Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft sein.

Die Ausstellung soll auch Bürger erreichen, die keine Berührungspunkte mit Juden haben.

POLIZEISCHUTZ Igor Jablunowskij spricht vielen Juden aus der Seele: «Ich habe den Traum, dass wir in Deutschland irgendwann keinen Polizeischutz vor religiösen Einrichtungen brauchen.» Er sei sehr dankbar für den Schutz. «Aber das sollte nie Normalität werden. Polizeischutz ist nur die Folge des Problems. Wir müssen uns mit den Ursachen beschäftigen», sagt der 53-jährige Künstler.

Erreichen soll die Ausstellung gerade auch Bürger, die keine Berührungspunkte mit Juden oder mit dem Thema Antisemitismus haben. Daher stehen die Tafeln nicht in einem Museum oder Gemeindezentrum, sondern in der Berswordt-Halle. Das ist ein überdachter Platz im Zentrum der 587.000-Einwohner-Stadt. Er verbindet gut frequentierte Verwaltungsgebäude miteinander. An die Halle grenzen Arkaden mit Läden und Gastronomie. Kein isolierter Kulturraum also, sondern ein gut genutzter Durchgangsweg.

Alexander Sperling schlägt flächendeckenden Schüleraustausch mit Israel vor.

«Es ist vielleicht das erste Mal, dass in einer Ausstellung so offen gezeigt wird, wie sich Juden in Deutschland fühlen», hebt Alexander Sperling, Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe, hervor und fährt fort: «Antisemitismus ist kein jüdisches Problem. Er geht alle deutschen Bürger an. Antisemitismus ist ein Angriff auf unsere gesellschaftlichen Werte und unsere demokratische Grundordnung.»

Besonders indirekter, unterschwelliger Antisemitismus finde kaum Beachtung: «Zu häufig werden verhetzende Aussagen bei Verschwörungsmythen, Schoa-Relativierung und Israel-Bashing nicht als antisemitisch erkannt».

MUT Doch wie kann die Antwort auf latenten Antisemitismus aussehen? Leonid Chraga, Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde Dortmund, hat seinen Beitrag unter das Motto gestellt: «Zivilcourage und Mut statt Aktionismus und Betroffenheit».

Er sagt: «Ich würde mir wünschen, dass sich unsere Freunde, unsere nichtjüdischen Mitstreiter auf der Arbeit, beim Sport, in der Kneipe an Ort und Stelle solidarisch zeigen und sich nicht erst im Nachhinein, wenn schon etwas passiert ist, zu Mahnwachen aufstellen.»

Sperling setzt auf Investitionen in die Jugend. Er schlägt einen flächendeckenden Schüleraustausch mit Israel vor: «Ideal wäre es, wenn jeder Schüler die Möglichkeit hätte, einmal nach Israel zu reisen». So ließe sich das Gedenken an die Opfer der Schoa in Yad Vashem mit einer «Begegnung mit jungem, schönem und lebendigem Judentum» verbinden. «Eine bessere Impfung gegen Antisemitismus kann kein Arzt verschreiben», so Sperling.

KONZEPT Das Konzept für das Interview- und Fotoprojekt hatte die Fotografin und Publizistin Sharon Adler unter dem Einfluss des Attentats auf die Synagoge in Halle 2019 entworfen. Gestartet ist es 2020, zunächst in Berlin als reines Online-Projekt, gefördert von der Amadeu Antonio Stiftung. Bei der Stadt Dortmund wurde man bei den Planungen für das Festjahr «1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland» auf das Berliner Projekt aufmerksam und fragte, ob sich so etwas nicht auch als Ausstellung im Ruhrgebiet realisieren ließe.

Die künstlerische Leitung der Ausstellung liegt bei Shlomit Lehavi. Sie hat auch das Logo entworfen, einen Davidstern kombiniert mit einem Ausrufezeichen. Die Ausstellung ist noch bis 4. Dezember zu sehen.

Programm

Führung, Erinnerung und Vorträge: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. April bis zum 16. April

 30.03.2026

»Koscher-Licious«

Mazze, Challe, Wodka

Viele Besucher und noch mehr gute Laune gab es beim Streetfoodfestival auf dem Pears-Campus von Chabad in Berlin. Bereits zum fünften Mal probierten sich Gäste durch das Angebot

von Alicia Rust  29.03.2026

Meinung

Das Gedenken schützen

Ein linksextremes Bündnis plant zum Jahrestag der Befreiung Buchenwalds eine antisemitische Kundgebung. Thüringens Juden wehren sich gegen die Provokation

von Reinhard Schramm, Marek Sierka  29.03.2026

Porträt der Woche

Für alt und jung

Judit Marach hat in einem Seniorenheim gearbeitet – heute ist sie Schulsekretärin

von Gerhard Haase-Hindenberg  29.03.2026

Frankfurt

Wieder zusammen

Fast neun Jahrzehnte nach dem Novemberpogrom 1938 wird der Silberschmuck einer Torarolle erstmals als Einheit präsentiert

von Eugen El  29.03.2026

Ilja Richter

Zu Hause zwischen den Stühlen

Der Schauspieler stellte sein neues Buch vor und verzauberte das Publikum mit Gesang, Rezitationen – und sogar als Bauchredner

von Nora Niemann  29.03.2026

Oldenburg

»Es ist gesund, wenn nicht alles von nur einem Rabbiner abhängt«

Seit einem Jahr amtieren Netanel Olhoeft und Levi Israel Ufferfilge in der Gemeinde. Nun wurden sie auch offiziell eingeführt. Wie funktioniert die rabbinische »Doppelspitze«?

von Mascha Malburg  28.03.2026

Jüdischer Wahlkämpfer

»Wer nicht kämpft, hat schon verloren«

David Rosenberg über den Wahlkampf in Rheinland-Pfalz, die Niederlage seiner Partei und warum er sich gerade als junger Jude weiter politisch engagieren will

von Mascha Malburg  27.03.2026

Kommentar

Lieber Meron Mendel, das ist keine Politik mit Kettensäge. Das nennt man Demokratie!

Öffentliche Mittel sind an Wirkung gebunden. Maßnahmen müssen überprüfbare Ergebnisse erzielen. Bleibt diese Wirkung aus, endet ihre Legitimation

von Stefan Hensel  27.03.2026