Porträt der Woche

In der Balance

»Der Mensch ist nicht nur ein geistiges Wesen, sondern auch ein körperliches«: Idan Tzion (33) bei seinen Yoga-Übungen Foto: Philipp Rothe

Porträt der Woche

In der Balance

Idan Tzion führt ein ausgeglichenes Leben. Er verbindet Religion mit Sport

von Philipp Peyman Engel  09.05.2011 14:03 Uhr

Ein gewöhnlicher Tag beginnt für mich immer gleich: Ich stehe um 5.30 Uhr auf, dann bete ich anderthalb Stunden und lerne Tora. Im Anschluss daran mache ich mindestens eine halbe Stunde lang diverse Yoga-Übungen. Um Punkt neun Uhr verlasse ich das Haus und gehe zur Arbeit.

Dem einen oder anderen mag das pedantisch erscheinen, aber für mich sind feste Strukturen etwas ganz Wichtiges. Sie sind gewissermaßen die Leitplanken, an denen ich mich orientiere, um in der Spur zu bleiben. Dabei hilft mir neben der Religion auch ganz wesentlich der Sport. Dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohnt, steht nicht allein beim römischen Dichter Juvenal geschrieben, sondern auch in unseren heiligen Schriften findet sich diese Erkenntnis. Der Mensch ist eben nicht nur ein geistiges Wesen, sondern gleichermaßen auch ein körperliches. Vernachlässigt man eine der beiden Sphären, wirkt sich das negativ auf die jeweils andere aus. Wenn ich beispielsweise aus beruflichen Gründen an mehreren Tagen hintereinander keinen Sport machen kann, fehlt mir ein großes Stück Lebensqualität. Dabei habe ich Sport früher gehasst.

Gewichtheben Ich war ein schwächliches Kind, mein Vater musste mich regelrecht dazu zwingen, mit Freunden schwimmen zu gehen oder Fußball zu spielen. Er selbst war ein leidenschaftlicher Boxer, deswegen sollte auch ich stark sein und regelmäßig Gewichte stemmen. Wie bei so vielem im Leben muss ich ihm rückblickend recht geben. Es hat mir nicht geschadet. Interessanterweise hat auch mein Beruf etwas mit Gesundheitsbewusstsein zu tun. Das aber war reiner Zufall, denn die Firma meiner Schwiegereltern, in der ich arbeite, vertreibt auf biologischer Basis hergestellte Produkte für Allergiker. Dadurch wurde ich nach und nach immer interessierter an der Frage, was ein gesundes, nachhaltiges Leben ausmacht.

Meine Frau und ich sind der Ansicht, dass das Leben an sich schon stressig genug ist, deshalb verzichten wir mittlerweile nicht nur am Schabbat auf Telefon, Computer und Internet. Wir wollen an jedem Feierabend ein entschleunigtes Leben führen. Das ist bei uns zu Hause im Badischen, in der Nähe von Karlsruhe, sehr gut möglich. Hier geht es eher gemächlich zu. An den Wochenenden jedoch machen wir uns immer auf in die Großstadt, nach Basel. Da besuchen meine Frau und ich regelmäßig die jüdische Gemeinde. Wir haben gute Bekannte da und feiern gemeinsam Schabbat. Natürlich wäre die Gemeinde in Heidelberg oder Mannheim näher gelegen, aber wir fühlen uns in der religiöser ausgerichteten in Basel einfach wohler.

Einmal im Monat fahren wir mit dem Auto nach Frankreich, um uns in Straßburg mit koscherem Fleisch und anderen Lebensmitteln einzudecken. Zu Hause frieren wir das Fleisch ein, und einen Tag vor dem Schabbat nehme ich es wieder heraus. Für mich ist die Kaschrut ein Beispiel dafür, dass die Mizwot im Einklang mit der menschlichen Vernunft stehen. Schon allein aus ernährungsphysiologischer Sicht entspricht koscheres Essen allen Merkmalen gesunden Essens. Die Fahrerei und die hohen Preise stellen für unseren Geldbeutel allerdings eine Belastung dar, aber wo steht geschrieben, dass es Gutes zum Nulltarif gibt?

Zum Glück übernehmen meine Schwiegereltern regelmäßig die Fahrt nach Straßburg, obwohl sie selbst säkular leben. Bessere Schwiegereltern kann man nicht haben, denke ich oft. Wir leben zusammen in einem Haus, sie in den unteren beiden Etagen, meine Frau und ich im dritten Stock. Wir teilen vieles, aber jeder hat auch sein eigenes Leben und mischt sich nicht in das des anderen ein, das klappt wunderbar. In gewisser Weise sind meine Schwiegereltern auch so etwas wie eine Ersatzfamilie für mich, weil mein Vater in Aserbaidschan lebt und meine Mutter in Köln.

Wie viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion habe ich nach dem Untergang des Kommunismus Alija gemacht. Meine Mutter wollte nicht, dass ich in unserer Heimat Aserbaidschan zur Armee eingezogen werde, deshalb hat sie mich, als ich 16 Jahre alt war, nach Israel geschickt. Eigentlich war geplant, dass meine Eltern ebenfalls Alija machen. Doch sie hatten Angst, dass mein Vater das Klima in Israel nicht vertragen würde, und er hatte zu Hause in Baku als Ingenieur eine sehr gut bezahlte Anstellung.

Einsam Ich war also allein in einem mir fremden Land und ganz auf mich gestellt. Dieser Schritt ist meinen Eltern damals nicht leicht gefallen. Sie haben mich nach Israel geschickt, um mich vor Schaden zu bewahren. Früher habe ich das als Verrat empfunden, heute weiß ich, dass eine größere Geste eigentlich gar nicht denkbar ist.

Die ersten beiden Jahre in Israel waren für mich ein regelrechter Schock, weil ich in einem Heim untergebracht war, in dem hauptsächlich Kinder aus Problemfamilien wohnten. Etliche waren von ihren Eltern geschlagen, manche Mädchen von ihren Vätern sogar zur Prostitution gezwungen worden. Viele waren traumatisiert und infolgedessen selbst gewalttätig. In diesem Kinderheim habe ich gelernt, mich durchzusetzen. In so einem Mikrokosmos gilt das Gesetz des Stärkeren.

Mit 18 Jahren kam ich dann zum Militär. Meine Einheit hatte vornehmlich Einsätze im Libanon und in Gaza. Dort waren wir die meiste Zeit wegen der großen Terrorgefahr in gepanzerten Fahrzeugen unterwegs. Beim Militär habe ich zur Religion gefunden. In Baku war ich ein mehr oder weniger traditioneller Jude. Am Schabbat etwa sind wir fast nie zur Synagoge gegangen, allenfalls an Pessach, Rosch Haschana und Jom Kippur. Aber dort beim Militär gab es einen Punkt, an dem ich mich fragte, worauf ich mich in diesem Leben überhaupt noch verlassen könne. Auf den Staat, der mal links ist und mal rechts? Auf die Armee, die nur Befehlsempfänger der Politik ist? Ich war auf der Suche nach etwas Wahrem, Letztgültigem, Immerwährendem. Je mehr ich in der Tora las, desto mehr stellte ich fest: Es gibt nichts außer Gott, worauf ich mich verlassen kann.

Aus diesem Grund lebte ich nach der Armee in einem religiös-zionistischen Kibbuz. Dort lernte ich ein Mädchen kennen, das ich heiraten wollte. Sie kam aus einer traditionellen marokkanischen Familie. Bei uns in der Sowjetunion gab es ein Sprichwort: Man heiratet nicht nur eine Frau, sondern auch deren Familie. Da ist was dran. Leider war ich in ihrer Familie stets ein Fremdkörper – ein russischer Jude und eine marokkanische Jüdin, das passt einfach nicht.

Bräutigam Über Umwege kam ich dann nach Deutschland, wo ich in der Jüdischen Gemeinde Berlin als eine Art Hausmeister arbeitete. Viele Frauen in der Gemeinde waren auf der Suche nach einem Mann und wollten heiraten. Ich als religiöser Jude wollte auch heiraten. Religion hin oder her – die Hormone arbeiten trotzdem. Doch weil ich keine ständige Aufenthaltserlaubnis für Deutschland hatte, dachte man wohl, dass ich nicht der Liebe wegen heiraten wollte. In der Gemeinde wurden teilweise Witze über mich gemacht: Der Bräutigam kommt, hieß es hinter vorgehaltener Hand.

Dann lernte ich meine heutige Frau kennen. Warum sie mich trotz dieser Späße geheiratet hat? Es war Liebe auf den ersten Blick, ganz einfach. Am Sederabend vor fünf Jahren hat es zwischen uns gefunkt. Das war der Moment in meinem Leben, auf den ich lange gewartet hatte. Seitdem bin ich angekommen: Ich führe das Leben, das ich immer führen wollte.

Aufgezeichnet von Philipp Engel

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