Frankfurt/Main

Im Geiste Franz Rosenzweigs

Griffen zum Spaten: Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Zentralratspräsident Josef Schuster, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Harry Schnabel, Finanzdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt (v.l.) Foto: picture alliance/dpa

Wir wollen einen modernen Ort jüdischen Denkens schaffen, einen Ort, der Denktraditionen des Judentums mitnimmt ins 21. Jahrhundert» – so formulierte Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, den Anspruch der in Frankfurt am Main entstehenden Jüdischen Akademie.

Fast 100 Gäste aus Politik, Wissenschaft, Kultur, Kirchen und jüdischer Gemeinschaft fanden sich am 2. September, kurz vor dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana, in der Senckenberganlage nahe dem gleichnamigen Naturkundemuseum und der Messe zum symbolischen ersten Spatenstich zusammen.

beteiligte Wie viele Beteiligte an diesem historischen Projekt mitwirken, wurde spätestens bei dem von unzähligen Foto- und Videokameras dokumentierten Spatenstich in dem eigens für die Veranstaltung errichteten Zelt deutlich.

Der Architekt Zvonko Turkali, die Leiterin der Bildungsabteilung des Zentralrats und der künftigen Akademie, Sabena Donath, Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Markus Kerber, Zentralratspräsident Josef Schuster, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), Harry Schnabel, Finanzdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Präsidiumsmitglied des Zentralrats, Frankfurts früherer Bürgermeister Uwe Becker (CDU) sowie Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung und der Akademie – sie alle griffen zum Spaten, um die auf etwa zwei Jahre angesetzten Bauarbeiten symbolisch zu beginnen.

In seinem Grußwort würdigte Josef Schuster zuvor die zahlreichen Unterstützer bei der Realisierung des Akademieprojekts. Für die finanzielle Förderung dankte er dem Bund, dem Land Hessen und der Stadt Frankfurt. Seinem Amtsvorgänger Dieter Graumann dankte der Zentralratspräsident für die «visionäre Kraft, eine Jüdische Akademie zu initiieren».

unterstützung Schuster würdigte zudem die «besonders immense Unterstützung» des Projekts durch die Jüdische Gemeinde Frankfurt, allen voran Harry Schnabel, und durch Uwe Becker, «der sich die Jüdische Akademie zu einer Herzensangelegenheit gemacht hat». Auch die Unterstützung durch Vera Szackamer, Präsidiumsmitglied des Zentralrats, und Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, stellte Schuster heraus.

Sabena Donath und Doron Kiesel würdigte der Zentralratspräsident als inhaltliche Wegbereiter des Vorhabens: «Sie werden unsere bestehende Bildungsabteilung in die Jüdische Akademie überführen.»

In Josef Schusters Grußwort wurden aber auch die inhaltlichen Bezugs- und Schwerpunkte der künftigen Akademie deutlich. Der Zentralrat knüpfe mit dem Projekt an das kulturelle Erbe Frankfurts an. Beispielhaft benannte Schuster das 1920 von Franz Rosenzweig gegründete Freie Jüdische Lehrhaus, an dem bis zur erzwungenen Schließung 1938 unter anderem Martin Buber und Gershom Scholem, Erich Fromm, Bertha Pappenheim und Siegfried Kracauer als Dozenten wirkten.

erbe Man trete dieses Erbe an, so Schuster, «wohl wissend, dass es zum Teil unwiederbringlich verloren ist». «Doch vom Geiste Franz Rosenzweigs wird auch unser Haus etwas atmen», betonte der Zentralratspräsident.

Der Zentralrat will mit dem Projekt an das kulturelle Erbe Frankfurts anknüpfen.

Die Akademie werde ein Ort der religiösen und interreligiösen Debatten sein. Dort werde auch über politische Kultur und Kulturpolitik gesprochen. «Die Diskussionen sollen reichen von jüdischer Philosophie und Ethik bis zu moderner israelischer Literatur und zum Film. Den Blick der Mehrheitsgesellschaft wollen wir bereichern um die jüdische Perspektive», so umriss Schuster das Themenspek­trum und den Auftrag der Akademie.

Damit handele der Zentralrat im Sinne eines Ausspruchs des Religionsphilosophen Martin Buber: «Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus.» Um das «Wie» der Akademiearbeit zu beschreiben, griff Schuster einen Gedanken des Judaisten Ernst Ludwig Ehrlich auf, der die Aufgabe des Judentums darin sah, Selbstzufriedenheit infrage zu stellen.

«Das ist die Aufgabe der Jüdischen Akademie: Selbstzufriedenheit zu erschüttern», sagte der Zentralratspräsident. Sie werde Wissen über die Schoa und die jüdische Gegenwart vermitteln, gesellschaftliche Entwicklungen im Blick behalten und zu Missständen nicht schweigen. «Diese Akademie soll nie schließen müssen», betonte der Zentralratspräsident. Die jüdische Gemeinschaft und das Land sollten, so Schuster, «diesen Ort des jüdischen Denkens und der Freiheit immer behalten».

RESSENTIMENTS Markus Kerber, der Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) vertrat, betonte, es sei der Bundesregierung und dem Bundesinnenministerium eine Ehre gewesen, einen Großteil der Finanzierung für die Jüdische Akademie bereitzustellen. Er stellte die Akademie als einen «Ort der Neugier» heraus. Es sei eine bildungsbürgerliche, zutiefst demokratische Neugier gewesen, die das Freie Jüdische Lehrhaus zu einem wichtigen Ort gemacht habe. «Heute knüpfen wir mit dem Spatenstich an diese Neugier Franz Rosenzweigs und seine Idee von Bildung an», sagte Kerber.

Die Jüdische Akademie werde «ein offenes Haus für eine offene Gesellschaft» sein. Sie sei «dauerhafte Arbeit für den Dialog». Er dürfe, so Kerber, nicht verschweigen, dass rechte Gewalt und antisemitische Ressentiments gegen Juden zunehmen. «Das ist beschämend, inakzeptabel und hat keinen Platz in Deutschland», betonte der Innenstaatssekretär.

Auch Volker Bouffier ging in seinem Grußwort auf die Bedrohung jüdischen Lebens durch den Antisemitismus ein: «Ich möchte, dass Juden vor allem ohne Angst in unserem Land leben können», sagte Hessens Ministerpräsident.

Der Spatenstich für eine Jüdische Akademie heute sei «ein Kontrapunkt gegen Gleichgültigkeit und Antisemitismus», sagte Bouffier. Es sei ein Tag der Freude «für die jüdische Gemeinschaft, aber auch für unser Land». Der CDU-Politiker zitierte Salomon Korns Ausspruch aus dem Jahr 1985: «Wer ein Haus baut, will bleiben.» Dieses Haus solle, so Bouffier über die Jüdische Akademie, «nicht nur bleiben, es soll blühen».

«Den Blick der Mehrheitsgesellschaft wollen wir bereichern um die jüdische Perspektive.»

Zentralratspräsident Josef Schuster

Es gebe keinen besseren Ort für diese Akademie, «hier, in der jüdischsten Stadt Deutschlands», sagte Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Er stellte den demokratischen und bürgerschaftlichen Geist der Stadt heraus, den die jüdische Bevölkerung entscheidend mitgeprägt habe. Die Pflicht zum bürgerschaftlichen Engagement bestehe heute mehr denn je, mahnte Feldmann.

ANFÄNGE Der vom Anlass sichtlich bewegte Doron Kiesel berichtete von den Anfängen der Jüdischen Akademie, die bis zu einem Spaziergang durch Frankfurt mit Ignatz Bubis zurückreichen, bei dem Kiesel ihn fragte, warum die Katholiken und Protestanten eine Akademie hätten, Juden aber nicht. Der frühere Zentralratsvorsitzende habe ihn, so Kiesel, damals zu Geduld ermahnt. Kiesel erzählte dann von einem Anruf des damaligen Zentralratspräsidenten Dieter Graumann, der ihn für den Aufbau der Akademie gewinnen wollte. Er würdigte zudem Josef Schusters Rolle beim Zustandekommen des Projekts und die Unterstützung von vielen Seiten.

Sabena Donath erinnerte an die Motivation der Gründer des Freien Jüdischen Lehrhauses um 1920. Sie seien assimiliert gewesen, und es sei ihnen darum gegangen, «ihr Judentum wiederzufinden». «Wir sind auch ein bisschen auf der Suche nach dem verlorenen Judentum», sagte Donath. «Wir haben sehr viel verloren», betonte sie in Bezug auf die Schoa.

Das Projekt werde eine große Aufgabe sein. Auch Doron Kiesel zeigte sich der Dimension bewusst: «Sie legen uns eine Verantwortung in die Hände, und wir hoffen, dass wir diesen Erwartungen gerecht werden können.»

ARCHITEKTUR «Der Ort wird sich in den nächsten Wochen und Monaten nachhaltig verändern», kündigte der federführende Architekt Zvonko Turkali an. Er lieferte einen architektonischen Ausblick auf die künftige Jüdische Akademie. Im Erdgeschoss des 1910/11 errichteten und nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten Altbaus werden ein Café und ein Besprechungsraum eingerichtet, im Obergeschoss fänden Verwaltung und Bibliothek Platz.

Ein Verbindungsbau werde die Villa mit dem Neubau zusammenführen und den Eingang beherbergen. Im Erdgeschoss des Neubaus werde es einen multifunktionalen Raum geben, darüber einen Veranstaltungs- und Festsaal. Eine Ebene höher werden laut Turkali Seminarräume untergebracht. Die begehbare Dachterrasse werde einen Blick auf die Frankfurter Hochhaus-Skyline bieten.

Die begehbare Dachterrasse wird einen Blick auf die Frankfurter Hochhaus-Skyline bieten.

An Zentralratspräsident und Bauherr Josef Schuster gewandt, versprach Turkali: «Wir vom Planungsteam werden uns in den nächsten Wochen und Monaten besonders anstrengen.»

SEGEN Musikalisch umrahmt wurde die gesamte Zeremonie von Sergio Katz an der Violine und Ilona Plumettaz-Sándor am Klavier. Sie boten Werke von Anton Rubinstein, Franz Schubert und Edward Elgar dar. Bevor es gegen 15.30 Uhr so weit war und die Anwesenden zum symbolischen Spatenstich schritten, sprachen Rabbiner Julian-Chaim Soussan als Vertreter der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland sowie Andreas Nachama für die Allgemeine Rabbinerkonferenz und segneten den Spatenstich.

Soussan erinnerte an einen Ausspruch von Rabbiner Jonathan Sacks zum Stellenwert des Lernens: «Um ein Land zu verteidigen, braucht man eine Armee. Aber um die Freiheit zu verteidigen, braucht man Bildung.» Die Zitadellen der Freiheit seien die Studienhäuser, betonte der Frankfurter Gemeinderabbiner.

Rabbiner Andreas Nachama sagte, die Jüdische Akademie sei zwar kein traditionelles Lehrhaus, «aber warum sollten nicht die Mitglieder der beiden Rabbinerkonferenzen zuweilen hier sitzen, um miteinander zu lernen und zu streiten, wenn schon nicht gemeinsam entscheiden». Wie schon seine Vorredner betonte der Rabbiner der Berliner Synagoge Sukkat Schalom den offenen Charakter der im Bau befindlichen Akademie: «Aber auch alle anderen Jüdinnen und Juden, Nichtjüdinnen und Nichtjuden, Säkulare wie Religiöse – sie alle mögen kommen.»

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