Porträt der Woche

»Ich möchte wieder jung sein«

Hat früher in Moskau viele Sportler zu großen Erfolgen geführt: David Douchman (87) Foto: Christian Rudnik

Porträt der Woche

»Ich möchte wieder jung sein«

David Douchman war Fechttrainer. Heute pflegt er seine alzheimerkranke Frau

von Katrin Diehl  22.03.2010 18:07 Uhr

Bald muss ich operiert werden. Am Knie. Mein Meniskus ist kaputt, ich habe große Schmerzen. Ich bin 87 Jahre alt und habe immer Sport gemacht. Wer wundert sich da? Geboren wurde ich in Danzig, aber in meinem Pass steht Minsk. Meine Mutter ist kurz vor dem Entbindungstermin schnell zu ihren Eltern nach Danzig gereist. Dort kam ich am 19. April 1923 auf die Welt, in der Weidengasse 31. Aber weil sich »Danzig« im Pass nicht gut machte, hat meine Mutter später Minsk als meinen Geburtsort angegeben, wo wir damals wohnten.

Vor der anstehenden Operation habe ich keine Angst. Denn verglichen mit dem, was ich als junger Mann erlebt habe, ist es eine Kleinigkeit. Vom ersten bis zum letzten Tag war ich im Krieg bei der Roten Armee. Ich saß im Panzer. Mir fehlt ein halber Meter Darm, ich habe nur noch eine halbe Lunge, die andere Hälfte wurde mir im Krieg wegoperiert. Ohne Narkose. Ich lag auf der Erde, und vier Leute haben mich festgehalten. Was soll ich da vor einer Meniskusoperation Angst haben? Ich habe ganz andere Sorgen.

Was wird aus meiner Frau? Zoia leidet an Alzheimer. Und obwohl es in meinem Alter besser wäre, sich im Krankenhaus operieren zu lassen, werde ich die Sache wohl ambulant machen lassen. Ich kann meine Frau nicht alleine lassen. Es muss immer jemand bei ihr sein. Vor ein paar Tagen war ich nur ganz kurz beim Zahnarzt, ihre Prothese abholen. Ich sagte zu ihr: »Ich bin gleich wieder zurück. Schau nach den Zwiebeln auf dem Herd!« Als ich wiederkam und die Tür öffnete, stand überall Rauch, alles auf dem Herd war verbrannt, die Leute aus der Nachbarschaft waren schon zusammengelaufen. Als ich einmal nach Moskau gereist bin, habe ich Zoia zu unserem Sohn gebracht, er wohnt mit Ehefrau und Kind nur eine Minute von hier. Aber Zoia hat dort die ganze Zeit geweint.

medaillen Früher bin ich dauernd weggewesen, war jedes Wochenende auf einem Turnier. Ich bin Fechtmeister. Ich habe viele Sportler zu Medaillen geführt. Emil Beck, den kennt man ja in Deutschland, weil er als Trainer den Deutschen viel Gold gebracht hat, der hat bei mir in Moskau gelernt. Wir waren Freunde. Er hat das Fechtleistungszentrum in Tauberbischofsheim aufgebaut, wo ich auch mal war. Tauberbischofsheim war weltweit einmalig. Heute ist dort nichts mehr los. Warum? Es herrscht Anarchie. Jeder macht, was er will. Wie soll das funktionieren?

In meiner Schule ging das so: Ich gab die Befehle, und wer nicht folgte: Raus! Auf Wiedersehen. Anders geht das nicht. Der Erfolg hat mir recht gegeben. Ein Trainer muss absoluter Chef sein und jeden genau kennen. Er muss spüren, was der Einzelne braucht. Das ist die Herausforderung. Zum Beispiel meine beste Schülerin in Russland – sie war mehrfache Weltmeisterin. Manchmal, wenn ich sie korrigiert habe, warf sie mir einen besonderen Blick zu, da wusste ich, jetzt muss ich meinen Mund halten. Zu meinem Münchner Verein gehe ich fast jeden Tag für ein paar Stunden. Ich fahre mit dem Auto, in etwa 20 Minuten bin ich da. Meine Ausrüstung liegt immer im Kofferraum. Aber mit früher kann man das Training dort nicht vergleichen.

Inzwischen ist anderes für mich wichtig geworden: der Alltag. Ich muss einkaufen, kochen, meiner Frau beim Waschen helfen, und ich gehe mit ihr spazieren. Das ist viel Arbeit. Und es ist nicht lustig. Aber was kann ich machen? Ich bin ein alter Hund, das Leben wird nicht leichter. Wir sind auf Hilfe angewiesen. Einmal in der Woche kommt eine Frau zu uns, um sauber zu machen, eine andere geht mit Zoia spazieren, und eine dritte wäscht sie.

Kochen Was mir großes Vergnügen bereitet, ist zu kochen. Ich kann alles kochen, auch wenn mir manchmal bestimmte Zutaten fehlen. Ich mache Gans, Ente, verschiedene Suppen, Lamm mit Knoblauch und vieles andere. Ich liebe das, es lenkt mich ab.

An das Leben in Deutschland habe ich mich noch nicht gewöhnt, obwohl ich schon einige Jahre hier bin. Vermutlich werde ich mich auch nicht mehr daran gewöhnen. Es ist eine andere Mentalität. Ich erinnere mich an keinen Tag meiner Kindheit, an dem wir alleine zu Mittag gegessen hätten. Immer waren Gäste da. In Deutschland ist das anders. Hier ist mein Haus, da ist dein Haus – Schluss. Andererseits bin ich natürlich dankbar, hier zu sein. Ich habe eine Wohnung, Geld, habe zu essen. Aber es fehlt etwas. Etwas für die Seele. Fahre ich dann nach Russland, will ich nach zwei Tagen wieder zurück. Alle meine Freunde sind tot. Ich bin der Letzte. Wenn ich durch Moskau gehe, finde ich mein Haus nicht mehr, denn die Stadt ist ganz neu geworden.

Einmal im Monat gehe ich in die Gemeinde zum Veteranenklub. Da sitzen lauter alte Leute, die davon erzählen, was ihnen weh tut. Ich bin unzufrieden mit den deutschen Gemeinden. Auf der ganzen Welt wird das Ende des Zweiten Weltkriegs groß gefeiert. Dieses Jahr ist es 65 Jahre her! Aber hier passiert fast nichts. Das ist nicht korrekt. Einige Juden verdanken uns Veteranen ihr Leben. Ich saß im Panzer und war bei der Befreiung von Auschwitz dabei. Im Mai lädt uns Aeroflot zu einem Flug nach Moskau ein. Ich sehe das als Gelegenheit, mich einmal wieder mit meinen Fechtschülern zu treffen.

Als ich nach Bayern kam, musste ich zum Rabbiner. Der fragte: »Welchen jüdischen Feiertag kennen Sie, welche jüdische Speise, waren Sie in der Synagoge?« Na, wie denn wohl? Wenn ich mich in Russland einer Synagoge auch nur auf hundert Meter genähert hätte, wäre ich auf der Stelle meine Arbeit los geworden. Es gab kein jüdisches Leben. Ich frage mich: Welche Vorstellungen hatte man hier eigentlich?

Einmal in der Woche bekomme ich mit der Post eine russische Zeitung, und im Fernsehen schaue ich die russischen Nachrichten an. Es ist und bleibt eine Katastrophe mit Russland. Dabei hat es alles: Meere, Flüsse, Berge, Wälder, Gold, Öl. Aber das Volk bleibt bitterarm, ist zufrieden, wenn es einen Hering auf dem Teller hat und ein Gläschen Wodka dazu. Die Reichen sind regelrechte Banditen. Wie kann es auch anders sein? Heute noch ein normaler Mensch und morgen Millionär. Die Korruption beherrscht das Land.

Rauchen Ich lese sehr gern. Eigentlich alles. Einzige Bedingung: Es muss russisch sein. Bin ich in Moskau, gehe ich in einen Buchladen, gebe der Verkäuferin meine Tasche und sage: »Bitte vollmachen«. Bücher und Zigaretten entspannen mich. Das Rauchen ist mir ein Vergnügen, keine Sucht. Fragen Sie meine Frau!

Neben ihrer Krankheit spüre ich bei Zoia eine große Traurigkeit. Bei mir ist es eher Wut. Unsere Enkelin ist bei uns groß geworden. Wir waren zu ihr wie Eltern. Meine Frau war ihr Mutter und Großmutter. Sie hat ihr alles gegeben. Jetzt ist sie verheiratet und lässt nichts mehr von sich hören. Nichts mehr. Sie weiß, dass meine Frau krank ist und ruft noch nicht einmal zu ihrem Geburtstag an. Meine Frau bringt das immer wieder zum Weinen.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte? Ich möchte wieder jung und meine Frau soll wieder gesund sein. Das ist alles.

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