Porträt der Woche

»Ich mag Zahlen und Gesetze«

In der Synagoge seiner Gemeinde in Krefeld: Stanislav Kofmann (34) Foto: Alexandra Umbach

Beruflich beschäftige ich mich mit Sachen, die die meisten Leute vielleicht weniger interessant finden. Ich bin Steuerberater für Unternehmen und Konzerne, die weltweit agieren. Ich arbeite bei einer sehr großen, international ausgerichteten Beratungsgesellschaft. Daneben habe ich seit drei Jahren eine eigene Firma. Da kämpfe ich mit den Problemen, die viele Menschen mit der Steuererklärung haben. Die meisten hassen das ja, finden Zahlen und Gesetze langweilig. Aber mich interessiert das, weil es so vielfältig ist.

Deutsches Steuerrecht ist unglaublich kompliziert. Was ich im großen Unternehmen mache, hat sehr selten mit dem zu tun, was ich in meiner eigenen kleinen Firma tue. Im Prinzip muss man alles wissen. Ich tendiere persönlich immer stärker dazu, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und komplett selbstständig zu werden. Mein eigener Chef zu sein, reizt mich. Das sind ganz andere Herausforderungen, es macht sehr viel Spaß. Bei der Selbstständigkeit trägt man natürlich ein Risiko, aber man hat auch viel stärker das Gefühl des Erfolgs, wenn man jemandem geholfen hat. Das Gegenüber ist kein Betrieb, nur mit Name oder Fassade, sondern ein wirklicher Mensch.

Meine Woche sieht in der Regel so aus, dass ich morgens meine dreijährige Tochter in den Jüdischen Kindergarten in Düsseldorf bringe. Ich arbeite dort in der Nähe. Um 8.30 Uhr bin ich dann im Büro. Das normale Geschehen geht etwa bis halb sechs, halb sieben. Meist komme ich nicht vor acht Uhr abends wieder nach Hause. Freitags versuche ich, spätestens um 19 Uhr in der Gemeinde in Krefeld zu sein.

Das Wochenende ist gefüllt mit Aufgaben. Eigentlich gehört es der Familie, aber das ist immer schwierig. Samstags bemühe ich mich, beten zu gehen, aber das klappt nicht so oft. Man muss ja auch irgendwann Zeit für sich selbst, Frau und Kind haben, das geht nicht anders. Sonntags ist wieder viel los, manchmal gibt es Veranstaltungen in der Gemeinde oder ich erledige etwas für die eigene Firma. Oder wir treffen uns mit Freunden.

Gleichgesinnte Die Woche ist zwar sehr voll, aber ich sehe das nicht als Stress. Ich mache momentan viele Dinge, die mir Spaß machen. Zum Beispiel bin ich mit ein paar Gleichgesinnten dabei, einen Verein für Jewish Networking zu gründen. In Nordrhein-Westfalen gibt es ja relativ viele junge berufstätige jüdische Erwachsene. Meine Idee war, dass wir eine Plattform bekommen. Ich denke an Treffen, bei denen man andere kennenlernen kann, Erfahrungen austauscht, vielleicht interessante Vorträge angeboten werden. Im Prinzip ist jeder willkommen, aber zurzeit konzentrieren wir uns auf die drei Städte Krefeld, Düsseldorf und Köln.

Seit fast zwei Jahren bin ich stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Gemeinde Krefeld. Vorher habe ich mich aus vielerlei Gründen nicht so engagieren kön- nen. Während des Studiums war ich in Paderborn, dann war ich in einen neuen Beruf eingestiegen, dazu kam die sehr zeitaufwendige Steuerberaterprüfung. Vor ein paar Jahren habe ich gesagt: Jetzt habe ich ein bisschen Luft, jetzt möchte ich mich auch in der Gemeinde engagieren.

Im Laufe der Zeit bin ich immer öfter in die Gemeinde gegangen. Ich dachte mir, eigentlich kann man außer dem Gebet ja auch andere Sachen machen. Die Synagoge ist zwar das Herz, aber um sie herum gibt es noch mehr, das Gemeindezentrum zum Beispiel. Bei der letzten Wahl haben wir, ein paar junge Leute, uns entschlossen, gemeinsam zu kandidieren. Das ist auch ganz gut gelungen. Wir haben schon einiges verändert und neue Ideen eingebracht.

Orte Ich bin nach Deutschland gekommen, als ich knapp 14 Jahre alt war. Das war 1990, damals gab es die UdSSR noch. Aufgewachsen bin ich in der Stadt Gomel in Weißrussland. Zuerst kam meine Familie nach Kempen, eine kleine Stadt am Niederrhein. Nach wenigen Monaten haben wir uns nach Krefeld orientiert. Dort waren die beruflichen Möglichkeiten besser. Seitdem bin ich mehr oder weniger durchgehend hier geblieben. Wirtschaftswissenschaften habe ich fünf Jahre lang in Paderborn studiert. Aber es stand für mich immer außer Frage: Was meine Arbeit betrifft, wollte ich schon immer Richtung Düsseldorf. Ich fühle mich hier in der Region sehr wohl. Meine Frau arbeitet auch in Düsseldorf, sie ist Software-Entwicklerin.

Ich habe viele Verwandte in Israel. Sie sind alle mehr oder weniger gleichzeitig mit uns weggegangen. Israel ist für mich das Land, wo ich mich sehr gut erholen kann. Nach Möglichkeit machen wir dort Urlaub. Meine Frau ist begeistert und kommt gern mit. Ich glaube, ich konnte sie überzeugen, dass es dort durchaus etwas Besonderes ist.

Erziehung Dass meine Tochter in einen jüdischen Kindergarten geht, ist uns Eltern sehr wichtig. Es gab anfänglich viele Leute, die uns Fragen gestellt haben, weil es ja mit einer 20-minütigen Autofahrt nach Düsseldorf verbunden ist. Meine Frau, die aus Lettland kommt, hat ein bisschen mehr von der Religion mitbekommen, ich selbst bin nicht so aufgewachsen. Aber ich halte die religiöse Erziehung für wichtig. Das ist ja das, was uns definiert. Ich möchte nicht, dass meine Tochter sich eines Tages irgendetwas zusammenreimen muss, so wie es mir ging.

Ich hatte das Glück, mit 15 Jahren ein Machane, ein Sommerlager in Israel, mitzumachen. Es hat mich fasziniert, auch das Land. Das war ja eine ganz andere Welt. Und diese Begeisterung ist zwar irgendwie eingeschlafen, aber nie ganz weg gewesen. Irgendwann bin ich immer öfter in der Synagoge gewesen. Dann habe ich ein paar Leute kennengelernt, die das auch intensiver machen und das Judentum wirklich praktizieren. Es hat sich dann auch bei mir nach und nach so entwickelt, dass ich immer größeren Wert darauf gelegt habe.

Bei der Arbeit spielt es kaum eine Rolle, dass ich jüdisch bin. Hier gibt es so gut wie keine Berührungspunkte. Ich habe nie versucht, Verständnis bei meinen Vorgesetzten zu entwickeln, zum Beispiel für die Hohen Feiertage, aber das muss auch nicht sein. Wenn dringende Arbeit vorliegt, dann erwartet man von mir, dass ich sie erledige. Auf persönliche Verhältnisse wird nicht unbedingt Rücksicht genommen. Die Kollegen wissen Bescheid, dass ich jüdisch bin, ich spreche auch ganz offen darüber.

Das Judentum spielt im Alltag schon eine Rolle für mich. Wir bemühen uns sehr. Aber ich wage nicht zu sagen, dass ich religiös bin. Ich kenne einige Leute in Krefeld, die es wirklich sind. Vor ihnen habe ich höchsten Respekt. Aber das könnte ich momentan gar nicht so nachmachen. Im Alltag ist das schon so, dass man sich dafür Zeit nehmen muss. Wir leben nicht in Israel, sondern in Deutschland.

Es ist zum Beispiel sehr schwierig für mich, mir den Samstagvormittag freizuhalten, um in die Synagoge zu gehen. Und den ganzen Samstag freizunehmen, um wirklich Schabbat zu halten, das ist fast undenkbar. Das ist mitunter sehr schade. Aber ich muss auch irgendwie klarkommen mit den vielen Aufgaben. Da ich unter der Woche vor 20 Uhr kaum zu Hause bin, gibt es irgendwann noch Sachen zu erledigen, wofür dann eben leider nur am Wochenende Zeit bleibt. Meine Frau ist ebenfalls berufstätig. Auch sie hat nicht immer die Möglichkeit, an den Werktagen alle notwendigen Dinge abzuarbeiten, und sei es auch nur, zur Post zu gehen. Die alltäglichen Pflichten müssen eben auch bewältigt werden. Das beschäftigt mich, aber ich sehe keine andere Möglichkeit.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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