Porträt der Woche

»Ich mag ausgefüllte Tage«

Inbal Levertov Foto: Gregor Zielke

Porträt der Woche

»Ich mag ausgefüllte Tage«

Inbal Levertov ist Opernsängerin und arbeitet seit Anfang des Jahres in einer Galerie

von Christine Schmitt  04.01.2016 17:43 Uhr

Für mich beginnt nicht nur ein neues Jahr, sondern auch ein neues Berufsleben, denn ich werde meinen Job wechseln. Ich freue mich schon sehr darauf – obwohl es mir auch schwerfiel, Ende Dezember meinen Schreibtisch beim israelischen Verkehrsbüro zu räumen.

Immerhin habe ich dort sechs Jahre lang gearbeitet. Ich habe in dieser Zeit so viel gelernt, was ich nun bei meiner neuen Arbeit in der Kreuzberger Kunstgalerie CIRCLE 1 einsetzen kann.

galerie Mit den Zielen der Galerie kann ich mich identifizieren – es soll eine Plattform für junge Künstler sein, die wir besser vernetzen wollen. Für mich ist es eine perfekte Aufgabe, denn ich kann sowohl meine Büro-Erfahrungen als auch meine künstlerischen Neigungen einbringen.

Wir wollen Nachwuchskünstler in die Szene integrieren und einen interkulturellen und multidisziplinären Dialog fördern. In den Galerieräumen zeigen wir Arbeiten zeitgenössischer Künstler. Zudem gibt es Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen und Gespräche.

Am 15. Januar wird eine neue Ausstellung eröffnet, da habe ich vorher noch einiges zu tun, denn ich muss viel organisieren und Texte schreiben. Ich mag es, zu arbeiten und zu denken – so fühle ich mich wohl. Nichtstun ist für mich anstrengender als ein ausgefüllter Tag. Meiner Arbeit in der Galerie kommt auch zugute, dass ich eigentlich Musikerin bin, denn ich habe Gesang studiert.

Kibbuz Leidenschaft für Musik hatte ich bereits als Kind. Ich wuchs in einem Kibbuz in Obergaliläa auf – der war damals noch so traditionell, dass meine drei Schwestern und ich im Kinderhaus schliefen. Es war damals das letzte Kinderhaus in Israel.

Meine Eltern stammen beide aus größeren Städten. Für sie war es ein Traum, einen Kibbuz mit aufzubauen und dort zu leben. Für mich kommt es nicht infrage, aber eine meiner Schwestern lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern noch immer dort. Im Kibbuz wird viel Wert auf Bildung und Förderung gelegt. So bekam ich als kleines Mädchen schon die Möglichkeit, Cello zu spielen.

Meine Eltern sind überhaupt nicht musikalisch, lieben aber Musik. Sie liehen mir also ein Instrument, und ich erhielt Unterricht – 13 Jahre lang. Ich spielte beim Young Israel Philharmonic Orchestra, sang in einem Kinderchor. Doch mit der Zeit spürte ich, dass mein eigentliches Instrument mein Körper ist. Mein Herz wollte singen, obwohl es ein schwerer Beruf ist.

Mein Cellolehrer gab mir jedoch freie Hand. Er meinte, ich solle es ausprobieren. Wenn ich merke, dass es nicht funktioniert, könne ich ja zurückkommen. Die »Affäre« mit dem Cello zu beenden, fiel mir dennoch nicht leicht.

studium So studierte ich also Gesang in Jerusalem – als Sopranistin. Die deutsche Sprache zog mich schon damals an, vielleicht lag es auch an den deutschen Liedern, obwohl ich damals noch gar nicht wusste, dass ich nur wenig später nach Deutschland gehen würde – mit einem Jahresstipendium für die Musikhochschule Karlsruhe.

Die Hochschule ist in einem Schloss untergebracht, was sehr schön ist. Ich lernte dort auch Körperbeherrschung, hatte Sprecherziehung und merkte, dass ich unbedingt richtig Deutsch lernen muss, da meine Lehrerin kein Englisch sprach. In Berlin, wo ich mittlerweile seit sechs Jahren lebe, ist es anders. Hier sprechen fast alle gut Englisch.

Nach der Zeit in Karlsruhe ging ich zurück nach Israel. Dort lernte ich meinen späteren Ehemann Naaman kennen und kam mit ihm wieder nach Deutschland. Er studierte in Hannover Klavier und ich in Leipzig Gesang – wir hatten glücklicherweise beide Plätze bekommen und pendelten von Berlin aus zu unseren Hochschulen. Zugleich fing ich im Büro des israelischen Verkehrsbüros in Berlin mit einer halben Stelle an zu arbeiten.

gesang In Moabit fanden wir eine Wohngemeinschaft – mitsamt einem dort abgestellten Flügel, den wir möglichst viel spielen sollten. Das war für uns natürlich ein Leichtes. Nach zweieinhalb Jahren holte der Besitzer ihn leider ab. Zuerst lebten wir mit anderen Israelis zusammen, dann auch mit einer Deutschen, die sehr gut Italienisch sprach. Von ihr lernte ich Italienisch.

Italienische Opern liebe ich sehr, vor allem Tosca und Madame Butterfly, aber auch deutschsprachige Opern singe ich gern, darunter die Pamina aus Mozarts Zauberflöte und die Susanne aus der Hochzeit des Figaro.

Leider kann ich Gesang nicht so viel üben, wie ich es gerne täte und wie es meinem Naturell entspricht, denn die Stimme darf nicht überfordert werden. Es gibt immer vieles, was ich beim Singen beachten muss: weder morgens zu üben noch nach dem Essen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es gerade einmal fünf Minuten am Tag gibt, an denen alles perfekt ist und ich singen kann.

zettel Vor meiner Abschlussprüfung habe ich sicherheitshalber einen Tag lang kein einziges Wort gesagt, um kein Risiko einzugehen. Stattdessen schrieb ich alles auf Zettel. Wichtig für mich als Sängerin war und ist es, regelmäßige Beschäftigung zu haben.

Nach Konzertauftritten fiel ich oft in ein Loch, weil ich mich wieder um ein neues Engagement kümmern musste. Das empfand ich als sehr ermüdend. Nun genieße ich es, mit Naaman, der mittlerweile Konzertpianist ist, und Freunden Musik zu machen und ab und an Konzerte zu geben.

Derzeit interessieren mich Lieder. Die Werke von Schumann, Schubert und Hugo Wolff haben mich schon viele Jahre begleitet. Demnächst möchte ich mich auf Stücke von russischen Komponisten konzentrieren – Tschaikowsky, Rimsky-Korsakov und Rachmaninow haben so schöne Literatur geschrieben. Zwischendurch habe ich Russisch gelernt, aber ich muss gestehen, dass ich fast alles vergessen habe.

Familie Seit einem Jahr leben wir nun zu zweit in einer eigenen Wohnung. In unserem Musikzimmer haben wir wieder einen Flügel, der auch schön klingt, aber nicht so gut ist wie der in Moabit. Wenn mein Mann zeitgenössische Literatur spielt, dann klopfen die Nachbarn. Mozart hingegen scheint ihnen zu gefallen.

Ich genieße das Leben in Berlin. Im Kibbuz kennt jeder jeden. Hier in der Großstadt mag ich die Anonymität. Auch meine Eltern kommen mich sehr gerne besuchen und mögen es, hier zu sein.

Meine Oma, die leider schon verstorben ist, stammte aus Karlsruhe und ist bereits vor dem Krieg nach Palästina gezogen. Sie hat in der Schoa viele Verwandte verloren, aber trotz der Vergangenheit hatten meine Eltern nie ein Problem mit Deutschland. Sie freuen sich, dass wir zufrieden sind.

Meine Schwestern leben in New York und Tel Aviv. Mehrmals im Jahr fahre ich nach Israel, um meine Familie und Freunde zu besuchen. Meistens gebe ich auch ein paar Konzerte.

hochzeit Auch zu unserer Hochzeit sind meine Eltern gekommen. Wir haben standesamtlich in Berlin geheiratet mit weniger als 20 Leuten. Es war total komisch, sozusagen »auf Deutsch« zu heiraten. Es war im Mai vor knapp drei Jahren an einem unglaublich heißen Tag, und ich war sehr aufgeregt. Ich habe einfach immer »Ja« gesagt.

Danach feierten wir in einem Schiffsrestaurant. Mit meinem Mann bin ich nun seit sieben Jahren zusammen. Seitdem gehört die Küche ihm, denn ich bin eine miserable Köchin. Wir mögen es auch, zum Essen auszugehen und uns mit Freunden zu treffen. Und wir besuchen gerne Konzerte und die Oper.

Ich bin eine Saisonleserin, denn ich lese eigentlich nur im Winter, wenn ich mit der U-Bahn zur Arbeit fahre. Auf Hebräisch lese ich anspruchsvolle Literatur, auf Deutsch billige Krimis, um die Sprache noch besser zu lernen. Wenn ich mich in der Galerie gut eingelebt habe, dann möchte ich wieder täglich singen. In letzter Zeit bin ich nicht mehr dazu gekommen. Dabei muss ich es täglich üben, sonst verliere ich die Kondition. Wer weiß? Vielleicht gebe ich auch einmal in der Galerie ein Konzert.

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