Porträt der Woche

»Ich lasse meine Seele singen«

»Wegen der Pandemie konnte ich nicht zur Hochzeit meiner Schwester nach Israel reisen«: Shai Terry (29) lebt in Mainz. Foto: Rafael Herlich

Porträt der Woche

»Ich lasse meine Seele singen«

Shai Terry ist Mezzosopranistin und fühlt sich in Deutschland bewusster jüdisch

von Eugen El  25.04.2021 08:31 Uhr

Ich singe schon mein ganzes Leben lang. Meine Eltern erzählen immer, dass ich früher singen als sprechen konnte. Gesang ist für mich einerseits ein Beruf. Seit meinem 18. Lebensjahr mache ich nichts anderes. Aber er ist auch meine Seele. Ob ich ein Motto habe? »Do what you love.« Wenn ich singe, spricht meine Seele.

Mit Gesang kann ich meine besten Eigenschaften und tiefsten Emotionen zeigen. Dabei sind meine Eltern keine professionellen Musiker. Mein Zuhause war dennoch von Musik erfüllt – vor allem von hebräischen Volksliedern. Es war ganz wichtig für meine Eltern, sie mir und meinen drei Schwestern beizubringen, schon von klein auf.

Unterricht Geboren wurde ich im September 1991 in Naharija im Norden Israels. Ich wuchs in Schawei Zion auf, einem kleinen Küstendorf bei Naharija. Professionellen Gesangsunterricht erhielt ich erstmals mit 13 im Konservatorium in Naharija. Dort studierte ich fast sechs Jahre lang – zusätzlich zum regulären Schulunterricht.

Als ich 17 war, traf ich bei einem Solokonzert meine erste Gesangslehrerin. Sie fragte mich nach meinen Plänen nach der Schulzeit. Ich antwortete, dass mich Management oder Ähnliches interessieren würde. Und sie entgegnete, dass ich unbedingt Opernsängerin werden müsse.

Ich durfte bei offiziellen Zeremonien in Israel auftreten.

Diese Begegnung führte dazu, dass ich meine Meinung änderte. Ich begriff, dass ich doch professionell singen sollte. Bis dahin hatte ich Musik eher zum Spaß studiert. Nach dem Abitur bin ich direkt zum Militär gegangen, wie alle Israelis. Meinen zweijährigen Pflichtdienst habe ich als Solosängerin im Militärorchester der Zahal abgeleistet. Dort gibt es drei Solisten und Solistinnen – eine pro Jahr.

Es war etwas ganz Besonderes für mich, diese Anerkennung zu bekommen und so etwas als Militärdienst zu haben. Es war eine sehr große, schöne Erfahrung. Ich habe bei offiziellen Zeremonien gesungen. In dieser Zeit wurde ich auch in die USA geschickt – für Auftritte in New York, Chicago, Las Vegas und San Diego. Ich habe mehrere Benefizkonzerte für die amerikanische Organisation »Friends of the IDF« gegeben, die Spenden für die Soldaten in Israel sammelt.

MEISTERKURS Nach meinem Militärdienst nahm ich ein Musikstudium an der Buchmann-Mehta School of Music an der Universität Tel Aviv auf, einer der zwei Musikhochschulen in Israel, benannt nach dem Frankfurter Mäzen Josef Buchmann und dem Dirigenten Zubin Mehta. Dort habe ich meinen Bachelorabschluss in Gesang bei Anat Efraty gemacht. Schon während des Bachelorstudiums wusste ich, dass es im Ausland mehr Möglichkeiten gibt als in Israel. Mir war klar, dass es schwierig sein würde, mich in Israel als Sängerin, als Mezzosopranistin, zu etablieren. Dort gibt es nur ein Opernhaus. Zudem ist die gesamte Opern-Community viel kleiner.

In einem Meisterkurs für Operngesang in Jerusalem traf ich meine heutige Gesangslehrerin: Claudia Eder aus Wiesbaden. Sie erzählte mir vom Opern- und Konzert-Masterprogramm an der Hochschule für Musik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Bei Frau Eder habe ich dann auch mein Masterstudium abgeschlossen. Sie berichtete damals außerdem von einem besonderen Stipendium, das es in Mainz gibt. Ich bin eine der zwei Stipendiatinnen der Anni-Eisler-Lehmann-Stiftung, einem Programm zur Förderung der Gesangsausbildung jüdischer Studierender in Mainz.

Hier lebe ich seit Oktober 2018. Derzeit mache ich das Konzertexamen.
Es war immer ein kleiner Traum von mir, in Deutschland zu leben. Meine Großeltern haben 20 Jahre lang in Frankfurt gewohnt. Sie hatten dort zwei Fotolabore. Seit etwa elf Jahren sind sie wieder in Israel.

Als Kind war ich immer wieder mit meiner Familie in Deutschland. Meine allerersten Schritte machte ich in Frankfurt. Ich habe immer die Atmosphäre hier gemocht und gehofft, dass ich irgendwann in Deutschland leben, studieren und arbeiten könne.

Ein großes Abendessen am Schabbat mit Kiddusch und Kerzen ist mir wichtig.

Nun bin ich seit mehr als zwei Jahren hier und versuche weiterhin, alle Traditionen, die Feiertage und den Schabbat beizubehalten. Ein großes Abendessen am Schabbat mit Kiddusch und Kerzen ist mir wichtig. Ich versuche, Tradition und Religion zu trennen. Für mich sind es zwei unterschiedliche Dinge in meinem Herzen.

Ich habe mehrere Freunde kennengelernt, die begeistert von diesen Traditionen waren. Sie haben mich gefragt, ob sie mit mir Schabbat feiern können. Sie wollen zum Beispiel auch lernen, was Chanukka ist. In Deutschland bin ich vielleicht etwas bewusster jüdisch. Schabbat zu feiern, ist für mich hier noch wichtiger geworden.

FAMILIE Ich war schon seit eineinhalb Jahren nicht mehr in Israel und konnte meine Familie nicht sehen. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich so weit weg von meiner Familie bin. Gott sei Dank haben wir Medien, die es uns erlauben, miteinander zu kommunizieren. Wenn man aber nicht dorthin fliegen darf, ist die Distanz noch größer. Wenn ich zuvor meine Familie vermisst habe, konnten sie zu mir kommen, oder ich konnte kurzfristig einen Flug nach Israel buchen. Jetzt ist es aber nicht möglich.

Im vergangenen August habe ich daher die Hochzeit meiner Schwester verpasst. Sie haben bei uns zu Hause in Israel eine kleine Chuppa gefeiert. Eine große Feier war wegen der Pandemie nicht möglich. Es wurde ursprünglich mit 600 Gästen geplant, letztlich waren es nur die erlaubten 25. Ich habe die Hochzeit mit meinem Partner von Mainz aus per Zoom verfolgt. Es war schon schwer.

Man muss viel Technik lernen, um eine gute Opernsängerin zu sein. Aber ich habe außer dem klassischen Gesang auch andere Leidenschaften. So ist es eine weitere Passion, auf Hebräisch zu singen. Das habe ich immer parallel gemacht. Also einerseits die klassische Musik- und Opernwelt, aber auch Volkslieder, israelische Musik und Pop. Beide Richtungen waren für mich immer sehr wichtig.

In Deutschland hatte ich mehrere Auftritte in jüdischen Gemeinden und auf Festivals – als Duo mit meinem Pianisten Adi Bar. Wir haben viele Einladungen von Gemeinden aus ganz Deutschland bekommen. Ich habe da eine besondere kleine Nische gefunden. Dass ich Israelin bin, auf Hebräisch singe und die Menschen in den jüdischen Gemeinden genau das sehr zu schätzen wissen, macht mich glücklich.

POP-BAND Ich singe auch in der Pop-Opera-Band »Kol Esperanza«. Wir sind fünf Israelis und treten in jüdischen und christlichen Gemeinden auf. Unser Konzept ist, eine Stimme der Hoffnung zu sein. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatten wir Auftritte in den USA, meist in Florida. Diese Tour wurde mittendrin wegen der Pandemie abgebrochen. Mein erstes Konzert seitdem fand erst sechs Monate später, in der jüdischen Gemeinde in Celle, statt. Es war etwas Besonderes für mich. Diese sechs Monate waren die längste Zeit in meinem ganzen Leben ohne Auftritte.

Viele Stellen sind für junge Sänger wie mich nicht mehr verfügbar. Wir sollen in den Beruf kommen, aber es geht nicht wegen der Pandemie.

Viele Konzerte wurden wegen der Pandemie abgesagt. Einige fanden online statt – als Live-Übertragung oder per Zoom. Man kann es nicht mit dem richtigen Gefühl, im Saal vor Publikum zu singen, vergleichen. Das Online-Feeling habe ich nicht so gemocht.

Anfangs war auch die Musikhochschule komplett geschlossen, sodass wir zu Hause üben mussten. In letzter Zeit kann man die Hochschule wieder betreten. Zu Hause musste man alles immer mit den Nachbarn absprechen. Denn Operngesang ist schon laut.

Ich möchte versuchen, bald in mehreren Städten vorzusingen und irgendwo eine Stelle zu bekommen. Es ist sehr schwierig, jetzt, in der Corona-Pandemie, etwas zu planen. Viele Stellen sind für junge Sänger wie mich nicht mehr verfügbar. Wir sollen in den Beruf kommen, aber es geht nicht wegen der Pandemie. Die Welt hat sich geändert. Ich hoffe, in der kommenden Zeit mehrere Konzerte im Pop- oder Folklorebereich zu machen.

NORMALITÄT Momentan würde ich gern in Deutschland bleiben, auch wegen meines Partners. Wir möchten irgendwann heiraten. Ich würde auf jeden Fall gern eine Familie gründen. Das war immer ein Wunsch. Aber auch aus beruflichen Gründen will ich erst einmal hierbleiben, um meine Karriere als Opern- und Popsängerin voranzutreiben. Ich bin gespannt, was kommt. Ich wünsche mir, dass wieder Normalität eintritt und ich wieder Motivation durch mein Publikum bekomme. Das vermisse ich stark. Die Konzertroutine fehlt. Man verliert etwas. Wenn man auf der Bühne steht, gibt man alles, was man hat. Und es ist schwierig, das wiederzufinden.

Aufgezeichnet von Eugen El

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