Geburtstag

»Ich glaube nur an mich«

Masal Tow und bis 120: Inge Deutschkron Foto: Marco Limberg

Inge Deutschkron feiert ihren 90. Geburtstag. In den vergangenen Tagen gab es so viel Trubel, dass sich die Journalistin heute ganz auf ihren Ehrentag konzentriert. Nur ein kleines Fest, mehr nicht. Nach Jahren des Pendelns zwischen Tel Aviv und Berlin lebt die Journalistin, die am 23. August 1922 in Finsterwalde geboren wurde, in Charlottenburg.

Bekannt ist Inge Deutschkron vor allem wegen ihres Buches Ich trug den gelben Stern. Darin erzählt sie, wie sie und ihre Mutter als »U-Boote« in Berlin die Verfolgungen überlebten. Der Titel erschien in über 20 Auflagen, das Theaterstück Ab heute heißt du Sara, eine Adaption des Stoffes, wurde am Grips-Theater seit 1989 fast 300-mal gespielt.

Das Theaterstück von Volker Ludwig war der Anlass, warum Deutschkron nach mehr als 15 Jahren in Israel wieder nach Deutschland zog: Nach der Premiere bekam sie so viele Anfragen von Lehrern und Schülern, über ihr Leben zu erzählen, dass sie nach ihrer Pensionierung bei der Tageszeitung Maariv in Israel eine neue Aufgabe sah. »So bin ich zum Pendler zwischen zwei Welten geworden und mache mir vor, dass die Schönheit einer jeden mein Leben erfüllt«, schreibt sie in ihrem Buch Leben nach dem Überleben.

Resonanz Doch vor etwa zehn Jahren wurde ihr der ständige Wechsel zu viel. Seitdem hat sie sich in Berlin eingerichtet. »Berlin war nie so ›Nazi‹ wie die anderen Städte in Deutschland, das sehen Sie noch an den Wahlergebnissen von 1932. Davon abgesehen, es gibt in keiner Stadt so viele Menschen, die überleben konnten mit der Hilfe anderer. In meinem Falle waren es 20 Berliner Familien, die dazu beitrugen, dass meine Mutter und ich überleben konnten. Das kann man auch nicht vergessen«, sagt die Journalistin. In keiner anderen Stadt erlebe sie so viel Resonanz unter jungen Menschen auf ihr Buch, das Theaterstück und natürlich die Ausstellung in der Blindenwerkstatt Otto Weidt. Mit der »Inge-Deutschkron-Stiftung« hat sie eine Einrichtung geschaffen, die die jüngere Generation über den Geschichtsunterricht hinaus Informationen über die Schrecken des Nationalsozialismus geben möchte.

»Ich bin sehr kämpferisch erzogen worden«, sagt Inge Deutschkron über sich selbst. Ihr Vater, ein Lehrer, wurde als Sozialdemokrat bereits 1933 aus dem Schuldienst entlassen. Von ihrem Judentum erfuhr sie erst mit etwa zehn Jahren. »Und da ich damals schon völlig ohne Religion erzogen wurde, ist nie was dazugekommen. Außer, dass ich natürlich während der schrecklichen Zeit die Nase hoch getragen habe.« Der Vater konnte kurz vor Kriegsausbruch nach England emigrieren, während Inge und ihre Mutter in Deutschland ums Überleben kämpften.

Sechs Jahre lang bestand der Kontakt zum Vater nur in kurzen Briefen. 1946 waren sie und ihre Mutter nach England gereist, wo Deutschkron mehrere Jahre als Sekretärin für die Sozialistische Internationale arbeitete. Doch über persönliche Dinge spricht Deutschkron eher ungern. Die Frage, ob es ihr später in Israel schwergefallen sei, als Frau alleine zu leben, beantwortet sie mit einem kurzen »Nö«. Lieber erzählt sie kichernd, wie ihre Bekannten ständig versuchten, doch noch eine »gute Partie« für sie zu finden – zum Beispiel einen ordentlich verdienenden Zahnarzt.

Korrespondentin Inge Deutschkrons Karriere als Journalistin ist ungewöhnlich: 1955 wurde sie, obwohl sie kein Wort Hebräisch sprach, Deutschland-Korrespondentin der israelischen Tageszeitung Maariv. Sie schrieb auf Englisch, ihre Texte wurden in Tel Aviv übersetzt. Sie beobachtete den Auschwitz-Prozess in Frankfurt und berichtete später in Israel über Nahost-Friedensverhandlungen. In Bonn litt Deutschkron sehr darunter, dass viele hochrangige Posten in Ministerien mit alten Nazis besetzt waren. Fast noch mehr litt sie unter der Tendenz, diese Tatsache unter den Teppich zu kehren.

Sie selbst ging keiner Auseinandersetzung aus dem Weg: Bei einer Karnevalsveranstaltung im Bonner Presseclub ohrfeigte sie 1960 einen Kollegen, der sich ihrer Ansicht nach als »Jude« verkleidet hatte, obwohl der Journalist das später bestritt: »Er behauptete, er wollte einen griechischen Teppichhändler darstellen. Was natürlich völliger Quatsch war, er hatte so einen Umhang wie einen Tallit und auch noch ein Käppchen auf und er redete auch so, mit den Händen, was man immer den Juden so andichtet. Und ich konnte es einfach nicht ertragen. Ich habe ihm einfach ein paar in die Fresse gehauen«, sagt sie und lacht.

Hebräisch Unter deutschen Kollegen machte der Vorfall sie nicht beliebter. Zu Hause fühlte sich Deutschkron nur bei Asher Ben-Natan, der 1965 als erster israelischer Botschafter in die Bundesrepublik kam und sein Haus in eine Art »Kibbuz« verwandelte. Die familiäre Atmosphäre dort war es auch, die Deutschkron den Anstoß zur Einwanderung nach Israel gab – abgesehen vom zunehmenden Anti-Israelismus bei der deutschen Linken. Doch auch nach ihrer Übersiedlung nach Israel 1972 blieb sie Individualistin, lernte privat Hebräisch (»der Ulpan war nichts für mich, da wird man zum Papagei erzogen«) und rieb sich an den Vorschriften der Einwanderungsbürokratie.

Inge Deutschkron zieht keine Vergleiche zwischen 1933 und der heutigen Zeit. Die Demokratie in Deutschland hält sie für stabil genug, mit Neonazis fertig zu werden: »Wenn man darauf achtet, dass die Jugend informiert ist und die Symptome erkennt, dann können wir beruhigt sein.« Mitglied in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist die säkulare Jüdin nicht: »Ich sage immer, ich glaube nur an mich. Und dazu habe ich allen Grund.« Am 23. August wird Inge Deutschkron 90 Jahre alt. (mit kat)

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026

Köln

»Russisch gehört zum Familienleben«

Hana Fischer bietet in der Kulturakademie Sprachkurse für Kinder an. Ein Gespräch über spielerisches Lernen, Vokabeln und das beliebte Bingo-Alphabet

von Christine Schmitt  26.06.2026

Dresden/Gohrisch

Sächsische Schostakowitsch Tage eröffnet

Das Festival widmet sich bis Sonntag jüdischen Einflüssen auf das Werk des russischen Komponisten

 26.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026