Porträt der Woche

Ich bin dankbar

Sprach jüngst bei einer Podiumsdiskussion in der Gedenkstätte »Topographie des Terrors«: Svitlana Petrovska (90) aus Berlin Foto: Nora Erdmann

Porträt der Woche

Ich bin dankbar

Svitlana Petrovska überlebte die Nazis – und floh vor Putins Krieg nach Berlin

von Rob Savelberg  06.04.2026 00:10 Uhr

Nie hätte ich gedacht, dass ich, eine Jüdin aus Kyjiw, nach Deutschland fliehen würde. Ausgerechnet nach Berlin, in die Stadt, in der die Nazis 1941 den Terror gegen meine Landsleute planten. Ich bin jedoch dankbar, dass ich hier nun eine Unterkunft gefunden habe.

Ich wohne in Charlottenburg. Der Senat versorgt uns gut. Allerdings steht immer ein Polizist vor der Tür, wegen des Antisemitismus. Ich gehe gern raus in die Stadt, vor allem, um Musik zu hören, weil ich nicht mehr so gut sehen kann. Klezmer mag ich gern, ich besuche die Staatsoper oder das Konzerthaus. Der wichtigste Ort für mich in Berlin ist aber Gleis 17, der Gedenkort am Bahnhof Grunewald. Da muss ich stets weinen. Von dort wurden im Zweiten Weltkrieg viele Jüdinnen und Juden deportiert. Ich führe meine Besucher immer an diesen Ort. Insgesamt finde ich es sehr gut, wie sich die Deutschen an die Vergangenheit erinnern.

Mein Vater Vasiliy kommt aus der damaligen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Gerade hier in Berlin ist die Geschichte überall zu spüren. Neulich durfte ich im Dokumentationszentrum »Topographie des Terrors« sprechen. Dort waren früher die Räume von Gestapo, SS und SA untergebracht, ihre Kommandozentrale. Die Mauer der DDR ist auch noch nicht vollständig verschwunden. Ich interessiere mich für diese Geschichte, weil sie auch mit meinem eigenen Leben verbunden ist.

Mein Vater Vasiliy kommt aus der damaligen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, er wurde in der Nähe von Sumy geboren, wo heute viele Bomben fallen. Er hat als Beamter für das Ministerium eine Kolchose geleitet, einen landwirtschaftlichen Betrieb. Meine Mutter Rosa ist jüdisch, kommt aus Warschau und war Lehrerin. Im Ersten Weltkrieg kam sie gemeinsam mit ihrem Vater nach Kyjiw. Er war Direktor eines jüdischen Waisenhauses.

Für mich ist Russland heute ein faschistisches Imperium.

Vor meiner Geburt hatte Stalin Terror durch eine Hungersnot verübt. Das war der Holodomor. Seine Truppen nahmen uns alles, was es zu essen gab. Mehrere Millionen Menschen kamen ums Leben. Später wurden bei Charkiw Dichter, Sänger und Schriftsteller ermordet, um die Erinnerung an die ukrainische Sprache auszulöschen.

Wir lebten mitten in Kyjiw mit Opa und Oma in einer Mehrgenerationenwohnung, dort, wo 2014 der Maidan-Aufstand stattfand. Als die Nazis 1939 Polen attackierten, starb mein Opa bei uns zu Hause, er war so verängstigt gewesen, weil seine alte Mutter noch in Warschau wohnte. Als 1941 Hitlers »Operation Barbarossa« begann, wurde mein Vater in die Rote Armee eingezogen. Er veranlasste noch, dass wir gen Osten evakuiert wurden. In einem Lkw für Viehtransporte.

Ich hatte nur einen Koffer mit zwei Kleidern mitnehmen können. Ich erinnere mich an die Bomben. Es gab keine Toilette, und wir sind fast verdurstet, aber überlebten so den Naziterror. Wir wurden nach Tscherkassy im Oblast Samara gebracht. Meine Mutter hat dort ein Waisenhaus für sehr kranke Kinder aus dem belagerten Leningrad geleitet.

Wir litten im Krieg als Vertriebene östlich der Wolga viel Hunger.

Wir waren assimilierte Juden, sprachen nicht Jiddisch, sondern Ukrainisch und Russisch. Vor dem Angriff der Wehrmacht war ein Viertel unserer Stadt jüdisch gewesen. Unsere Stadt wurde im Juni kampflos eingenommen, im September wurden an zwei Tagen mehr als 30.000 Menschen ermordet. Die Soldaten zwangen Tausende, sich vor ihrer Ermordung auszuziehen. Sie wurden in die Schlucht von Babyn Jar getrieben. Die Wehrmacht ließ die bröckelnden Ränder der Schlucht in die Luft sprengen, um die Verbrechen zu vertuschen.

Eine der Ermordeten war meine Großmutter. Deshalb zeige ich gern ein Porträt meiner Babuschka. Meine Schwester wollte den Brief, in dem man uns ihren Tod mitteilte, zuerst gar nicht meiner Mutter geben. Nach dem Krieg besuchten wir Babyn Jar heimlich. Denn Stalin war antisemitisch, meinte, dass die Juden Kosmopoliten, US-Imperialisten und Bourgeois seien. Schlimm war ebenso das Schicksal meines Vaters. Er kam als Kriegsgefangener ins KZ Mauthausen. Anfang September 1945 klopfte er an unsere Tür in Kyjiw. Ich erkannte ihn nicht. Nach einigen Minuten sagte er zu mir: »Kleines Küken, ich bin dein Vater.«

Dann hat der Geheimdienst der Sowjets, der NKWD, ihn wieder mitgenommen und in ein Lager gesteckt. Das war ein Gulag bei Moskau, wo er zwei Jahre blieb. Als er zurückkehrte, war er psychisch sehr mitgenommen. Er zog nach Lwiw, wo ich ihn im Sommer besuchte. Nachts weinte er oft. Erst 1978 zog er wieder zu meiner Mutter zurück.

Wir litten im Krieg als Vertriebene östlich der Wolga viel Hunger. Meine Mutter fragte damals Soldaten und in den Kolchosen nach Essen. Nach dem Krieg gab es wieder eine Hungersnot, weil Stalin alles Brot nach Osteuropa transportieren ließ, obwohl die Ukraine der größte Weizenproduzent war. In den 50er-Jahren lernte ich meinen mittlerweile verstorbenen Mann Miron kennen.

Derzeit befürchte ich, dass meine ehemaligen Schüler in Putins Feldzug sterben werden.

Er war Philologe und wurde als Jude diskriminiert. Der Kreml wollte nicht, dass er studierte. Als Literaturkritiker blieb er Freiberufler. Der KGB hatte sein Haus durchsucht und ein Buch von Boris Pasternak gefunden, das unter der Hand verbreitet wurde, als sogenannte Samisdat-Literatur. Sie sahen ihn als Dissidenten an, sagten, er würde Boogie-Woogie ohne Kleider tanzen und sei konterrevolutionär. Mein Mann war zwei Tage im Knast. Später bekam er Arbeitsverbot. Er zog nach Moskau.

Trotz allem fühlte ich mich als Sowjetmensch, nicht als Jüdin. Ich glaubte an Stalin, obwohl es diese antijüdische Propaganda in der »Prawda« gab. Sie sagten, wir gehören nach Sibirien. Meine Schuldirektorin, ich arbeitete als Lehrerin, drohte mir als Schwangere, ich solle nicht des Massakers bei Babyn Jar gedenken, sonst würden meine Schüler keine Zeugnisse bekommen. Erst 1991, nach der Unabhängigkeit, wurde es lockerer.

Heute ist die Ukraine frei, Präsident Selenskij ist Jude und legitim gewählt. Ich bin ohne Hass und Angst, aber ich kann die russische Sprache nicht ablegen. Die Ukraine kämpft heute verzweifelt. Meine Nichte Oleksandra lebt noch da, eine Musikerin, die trotz der Bombenangriffe weiter arbeitet. Meine Kinder lebten bereits vor Putins Angriff im Ausland. Meine Tochter Katja ist Schriftstellerin, zweifache Mutter und lebt seit 1999 in Berlin. Sie hat einen deutschen Mann geheiratet. Für ihre Geschichte Vielleicht Esther hat sie den Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen. Mein Sohn Johannan Stern lebt in Chicago, ist vierfacher Vater und Professor für Literatur. Ich habe also sechs Enkelkinder – und bin sehr stolz.

Unsere Flucht wurde von der jüdischen Gemeinde organisiert.

Derzeit befürchte ich, dass meine ehemaligen Schüler in Putins Feldzug sterben werden. Ich bin stolz auf sie, weil sie unser Land verteidigen. Wir wollen unsere Freiheit und Demokratie bewahren. Dafür tun wir alles. Unsere Soldaten an der Front und die Bürger im ganzen Land. Ich behalte ein Foto meines Lieblingsschülers Alexej. Er wurde Banker, war sehr reich und zog nach Moskau. Aber als Putins Invasion begann, kehrte Alexej sofort in seine Heimat zurück. Er wurde als Freiwilliger an der Front bei Charkiw getötet. Ich denke an all die Bürger, die im Winter in der eisigen Kälte zitterten. In Kyjiw war lange der Strom ausgefallen, das Wasser funktionierte nicht. Die Lebensbedingungen für die Bevölkerung sind menschenunwürdig. Kinderkrankenhäuser werden bombardiert. Meine Schüler werden jetzt in Bunkern unterrichtet. Aber das normale Leben geht trotzdem weiter. Es gibt Theater, Ausstellungen, viele Freiwillige sind sehr aktiv.

Zu Beginn der Invasion im Februar 2022 wollte ich nicht fliehen. Aber als Putin Soldaten nach Kyiw schickte, überlegte ich es mir anders. In einer solchen Situation kann ich als ältere Frau mit meiner Krankenakte nicht bleiben.

Unsere Flucht wurde von der jüdischen Gemeinde organisiert. Als wir aus Kyjiw flohen, waren viele Straßen kaputt. Der Fahrer musste kreuz und quer über Land fahren. Von einem Bus voller schreiender Kinder und sie beruhigender Mütter aus sah ich ein brennendes und bombardiertes Land. Wir fuhren zunächst nach Ungarn. In Budapest habe ich Dutzende Eintrittskarten für den Zirkus ergattert – für die Kinder. Denn es musste etwas geben, das Hoffnung und Freude machte.

Für mich ist jeder in der Ukraine ein Held. Sie trotzen der schrecklichen Situation. Und Putin handelt unmenschlich, wie andere Potentaten früher im Weltkrieg. Russland ist heute ein faschistisches Imperium.

Aufgezeichnet von Rob Savelberg

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