Nachruf

»Hej då, lieber Walter Frankenstein«

Walter Frankenstein sel. A. (1924–2025) Foto: Uwe Steinert

Zwei Wochen vor seinem Tod hat sich Walter Frankenstein ein letztes Mal an die Sportfans gewandt. Bei einer Begegnung von Tennis Borussia Berlin (TeBe) und dem TuS Makkabi anlässlich des 100. Geburtstags von Hans Rosenthal am 2. April berichtete er via Anzeigetafel über seine Freundschaft mit dem Showmaster. Und darüber, dass diese einmal pro Woche für 90 Minuten pausiert hätten – immer dann, wenn im Radio die Fußballübertragungen stattfanden und Frankensteins Hertha und Rosenthals Borussia um die Berliner Vorherrschaft rangen, so der Verein.
Am 21. April ist der Schoa-Überlebende in seiner Wahlheimat Stockholm gestorben. Er wurde 100 Jahre alt.

»Frankenstein war ein enger Jugendfreund des späteren TeBe-Präsidenten Hans Rosenthal«, heißt es bei dem Sportverein. Sie hatten sich in Berlin im Auerbachʼschen Waisenhaus kennengelernt, entkamen 1943 den Deportationen und überlebten die Schoa im Untergrund. Walter Frankenstein verließ mit seiner Familie 1945 Deutschland Richtung Palästina. In Tel Aviv bauten sie sich eine Existenz auf, 1956 zogen sie nach Stockholm um. Dort begann Frankenstein mit über 40 ein Studium, um anschließend als Ingenieur zu arbeiten. Die Freundschaft mit Hans Rosenthal hielt bis zu dessen Tod im Jahr 1987.

Geboren wurde Walter Frankenstein 1924 in der heute in Polen gelegenen Kleinstadt Flatow (Złotów). Mit zwölf Jahren kam er ins Waisenhaus. Sein Interesse am Sport wurde geweckt, als er miterlebte, wie der Fußballverein Hertha BSC 1930 und 1931 Deutscher Meister wurde.
Frankenstein fühlte sich im Waisenhaus wohl. Er konnte Sport treiben, absolvierte eine Maurerlehre und lernte seine spätere Frau Leonie kennen. Wie auf einer geschützten Insel sei das Leben dort lange gewesen, abseits der Nazigräuel, sagte er. 1943 nahmen die Nazis die letzten jüdischen Zwangsarbeiter fest – da waren Leonie und Walter bereits mit ihrem Sohn Peter-Uri untergetaucht.

Er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, möglichst vielen Menschen von seinen Erfahrungen zu erzählen

Es folgten zwei Jahre im Versteck, in denen sie überwiegend getrennt lebten. Leoni schaffte es, ihren zweiten Sohn Michael auf die Welt zu bringen. »Dass wir da durchkamen, beruhte auf vier Pfeilern. Keine Angst, frech sein, gute Freunde und viel, viel Glück«, erklärte Frankenstein gern. Leonie starb 2009, Michael 2024.

Nach seiner Pensionierung studierte Walter Frankenstein in Schweden Neuere Geschichte Europas und hielt regelmäßig Vorträge über seine Erfahrungen mit der Judenverfolgung in Schweden und Deutschland. Er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, möglichst vielen Menschen von seinen Erfahrungen zu erzählen. In Deutschland setzte er sich für die Anbringung von Gedenktafeln und die Würdigung seiner früheren Helfer ein, besuchte die Spiele von Hertha.

Jahrzehnte nach Kriegsende ernannte der Verein ihn zum Ehrenmitglied. »Dass Frankensteins Liebe zu Hertha BSC den Krieg und die harten Jahre im Untergrund überlebte, war keine Selbstverständlichkeit – insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Verein als einer von vielen spätestens 1940 alle jüdischen Mitglieder ausgeschlossen hatte.« Frankenstein habe dem Verein, den er später als »Teil meines Lebens« bezeichnete, verziehen, heißt es bei Hertha. Der Verein »verneigt sich vor einem außergewöhnlichen Menschen und vor einem großen Herthaner«. Für seine Erinnerungsarbeit wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Um wählen zu können, nahm er die deutsche Staatsangehörigkeit wieder an

Zur Europawahl 2024 unterzeichnete Walter Frankenstein gemeinsam mit sieben weiteren Zeitzeugen einen Offenen Brief: »Ich weiß, dass es vor der Schoa eine ähnliche Entwicklung gab wie heute: eine schwache demokratische Regierung und eine Partei, die die Leute sammelte, die unzufrieden waren. Deshalb dürfen heute junge Leute nicht sagen: ›Ja, ich weiß nicht, wen ich wählen soll, also gehe ich lieber gar nicht.‹ Unsere Demokratie muss immer wieder neu verteidigt werden.«

Um wählen zu können, nahm Walter Frankenstein die deutsche Staatsangehörigkeit wieder an, so Sandra Witte, Mitarbeiterin der israelischen Botschaft. »Seit vielen Jahren gehörte Walter zu meinem Leben dazu. Wir trafen uns regelmäßig in Berlin oder Stockholm – oder, wie er zu sagen pflegte: ›Berholm‹ und ›Stocklin‹. Wir haben viel miteinander geredet, zusammen gekocht, er war mein Ratgeber und oft Vorbild.« Walter Frankenstein sei immer für einen Scherz zu haben gewesen, »sein Kopf war auch im Alter von 100 Jahren noch total klar. Ich habe einen sehr guten Freund verloren und werde ihn sehr vermissen. Aber vor allem werde ich immer dankbar sein für viele wunderbare Momente, die uns verbinden. Hej då, lieber Walter!«, so Witte.

»Nun ist Walterchen tot. Er war wie ein Opa, den ich nie hatte, für mich«, sagt Uwe Neumärker, der Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. »Bei meinem letzten Besuch Anfang April war Walter sehr schwach. Es war absehbar, dass dieser Jahrhundertzeuge, einer der letzten, bald von uns gehen wird. Dennoch: Der Verlust kam plötzlich. Ich habe geweint, vermisse ihn und werde seinen Blick zum Abschied niemals vergessen: Walter lächelte vor Glück.«

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