Porträt der Woche

Heilsame Klänge

Schon als Kind wollte sie anderen helfen: Nelly Golzmann (52) aus Berlin Foto: © Gregor Matthias Zielke

Porträt der Woche

Heilsame Klänge

Nelly Golzmann hilft als Musiktherapeutin an Demenz erkrankten Menschen

von Alicia Rust  29.06.2025 06:32 Uhr

Beinahe wäre ich Wissenschaftlerin geworden. Als ich sechs Jahre alt war, haben mich die Sterne fasziniert. Das Weltall. Alles, was unsere Erde umgibt. Nach Einbruch der Dunkelheit saß ich oft auf einer Steinbank, nur unweit von meinem Zuhause entfernt. Dann habe ich den Himmel nach den Sternen abgesucht, die mir in Kiryat Gat in Israel zum Greifen nah schienen. Damals war die Stadt noch nicht so groß wie heute.

Als ich dann im Alter von elf Jahren nach Deutschland kam, besuchte ich die Spreewald-Grundschule in Berlin-Schöneberg. Dort begann ich, ein ganzes Buch über die Sterne zu gestalten, mit Zeichnungen und Beschriftungen und allem, was mir dazu eingefallen ist. Die Leiterin der Schule hat mich deshalb sogar vor der ganzen Klasse gelobt. Zu den anderen Kindern sagte sie: »Schaut mal, da ist ein Mädchen, das noch kaum Deutsch spricht, und sie macht gleich ein ganzes Buch!« Die Begeisterung für die Wissenschaft hat sich bei mir bis heute erhalten.

Geboren wurde ich in Machatschkala, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Dagestan am Kaspischen Meer. Meine Mutter und mein Vater hatten einen jüdischen Hintergrund und erlebten dort Antisemitismus. Ursprünglich wollte meine Mutter Erdölgeologin werden. Doch das war ein reiner Männerberuf. Sie war nicht wirklich glücklich. Mein Vater hatte auch mehrere Berufe. Deshalb waren meine Eltern zeitlebens sehr darauf bedacht, dass wir Kinder unsere Berufung finden, um glücklich zu werden. Ich habe drei Brüder und bin die Zweitälteste.

Israel war damals ein Paradies für Kinder

1978 – ich war fünf Jahre alt – sind wir nach Israel ausgewandert. In unserer Umgebung in Dagestan standen wir, weil wir die Sowjet­union verlassen wollten, als Verräter da.

Israel war damals ein Paradies für Kinder. Auch heute noch habe ich große Sehnsucht danach. Das Leben dort war für meine Eltern nicht ganz einfach, sie hatten mehrere Arbeitsstellen, das Land war teuer. Dann haben sie von Verwandten gehört, dass es in Deutschland sozialer zugeht, dass es gute Schulen, ein funktionierendes Gesundheitssystem und alles, was für uns wichtig war, gibt.

Als ich 21 Jahre alt war, sind wir mit der Familie zu meiner Tante nach Amerika gefahren. Sie lebte in New York, wo wir auch andere Verwandte trafen. Als Erstes fragte mich eine der Tanten: Nelly, was machst du gerade? Als ich sagte, dass ich examinierte Krankenschwester bin, antwortete sie: »Ah, das passt! Schon als du klein warst, bist du immer sofort auf die Menschen zugegangen, wenn jemand geweint hat. Dann hast du sie getröstet und versucht zu helfen.« Und das ist mir bis heute ein großes Bedürfnis: andere bei ihrer Genesung zu unterstützen.

Die Empathie und die soziale Einstellung sind ein wesentlicher Bestandteil meines Berufs. Heute bin ich Musiktherapeutin und arbeite mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind oder die an Folgeerkrankungen leiden. Früher habe ich auch mit Wachkoma-Patienten und mit autistischen Menschen gearbeitet.

Meine Eltern waren darauf bedacht, dass wir Kinder unsere Berufung finden.

Die Ausbildung und das Studium waren hart, denn es ist auch mit viel Selbsterfahrung verbunden. Die Ausbilder und Dozenten müssen sichergehen, dass sie uns auf die Welt loslassen können. Wir haben eine große Verantwortung für andere. Viele Studenten hören bereits nach der Hälfte des Studiums auf. Ich war superglücklich, als ich mit Bestnote bestanden habe. Meine Professorin hat mich zum Abschluss sogar umarmt, da war ich bereits im sechsten Monat schwanger mit meiner heute 15-jährigen Tochter.

Meine Schwiegermutter hat einmal zu mir gesagt: »Nelly, entweder man hatʼs, oder man hatʼs nicht – du hast es.« Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Jetzt habe ich eine Stellung in einer Einrichtung gefunden, in der ich mich gut aufgehoben fühle. Meine Erfahrung als examinierte Krankenschwester – in diesem Beruf habe ich zuvor einige Jahre gearbeitet – war nicht umsonst. Eine gute Grundlage.

Als ich meinen Mann kennenlernte, habe ich mich sehr für Psychologie interessiert. Ursprünglich wollte ich dieses Fach studieren. Mein Mann ist Geiger und hat damals als Musiklehrer gearbeitet. Von meinem jetzigen Beruf habe ich durch Zufall erfahren – und zwar durch meine heutige Schwiegermutter. Sie ist Musiktherapeutin und -erzieherin. Bei ihr durfte ich über mehrere Jahre Praktika machen. Es hat mich jedes Mal emotional berührt, wie sich Kinder mithilfe von Musik erreichen lassen.

Nach meiner Ausbildung habe ich zunächst einige Jahre als Musikerzieherin gearbeitet. Doch ich wollte das noch vertiefen. Wenn man so viel Positives bei gesunden Menschen bewirken kann, wie wäre es dann mit Kranken? Also habe ich Musiktherapie studiert.

Ich singe gern und viel. Als Jugendliche war ich in verschiedenen Chören

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich mehrere unterschiedliche Dinge im Leben gemacht habe, bis ich das Richtige für mich gefunden habe. Ein Baustein griff dabei in den anderen. Jetzt mache ich, was ich schon immer wollte. Dabei gibt es viele Schnittstellen. Mir ist wichtig, den Menschen nicht nur als Körper zu betrachten, zum Menschen gehört immer auch die Seele.

Die Musik ist nicht nur Teil meiner Arbeit, sie ist auch dasjenige Element, das mich über all die Jahre getragen hat. Ich singe gern und viel. Als Jugendliche war ich in verschiedenen Chören. In Berlin-Mitte sind wir sogar im Theater aufgetreten, aber das konnte noch nicht alles sein. Mir ging es nie darum, nur auf der Bühne zu stehen.

Mein Können setze ich heute bei Menschen ein, die es ohnehin sehr schwer haben auf der Welt, die körperliche Gebrechen haben oder etwa an Demenz leiden. Sie haben oft mit Depressionen oder psychischen Begleiterscheinungen zu kämpfen. In meinem Beruf geht es darum, es ihnen leichter zu machen. Damit sie aus sich herauskommen. Ich beschäftige mich viel mit menschlichen Ängsten. Ich möchte den Patienten helfen, mit ihnen besser umzugehen. Manchmal begleite ich den Gesang auch mit der Gitarre. Bewegung als Bestandteil der Therapie ist ebenfalls wichtig. Sie fordert Patienten, auch einmal aus sich herauszugehen. Dabei bin ich immer nahe am Menschen dran.

Meinem Mann bin ich erstmals in der Synagoge begegnet. Er hat gesagt: die oder keine. Ich war 23 Jahre alt, er 25. Lustigerweise hatten wir sogar zum Teil dieselben Freunde. Doch niemand war auf die Idee gekommen, uns einander vorzustellen. Seine Eltern wollten ihm die ganze Zeit ein jüdisches Mädchen vermitteln, aber er wollte das nicht. Meinen Eltern war wichtig, dass ich meinem Herzen nachgehe und glücklich bin.

Seit unserer Hochzeit lebe ich orthodox. Diese Entscheidung habe ich nie bereut. Es war ein schleichender, aber bewusster Prozess, bei dem mich Rabbiner Yitshak Ehrenberg sehr unterstützt hat. Er wusste die Antworten auf alle meine Fragen in Bezug auf das Judentum. Die religiöse Prägung war immer da, aber im Kaukasus, wo ich geboren wurde, war sie verschüttet.

Mein Ururgroßvater mütterlicherseits war Rabbiner in der großen Synagoge von Derbent

Meine Vorfahren sind sehr fromm gewesen. Meine Urgroßmutter Senem Bat Shalum wurde von ihren Hausangestellten Chanum genannt. Sie hat niemals Fleisch angefasst, das nicht koscher war. Mein Ururgroßvater mütterlicherseits war Rabbiner in der großen Synagoge von Derbent. Das Stadtviertel, in dem sich die Synagoge befindet, ist ein historisch jüdisches Viertel und trug den Namen Kele-Kutsche (Große Straße).

Die jüdische Gemeinde von Derbent im Kaukasus gilt auch heute noch als die älteste und ist eine von fünf weiterhin existierenden jüdischen Gemeinden in Dagestan. Da ungefähr 30 Prozent der Bergjuden in Derbent lebten, galt die Stadt schon früh als deren religiöses und kulturelles Zentrum. Wie meine Mutter hat auch die Seite meines Vaters einen rabbinischen Hintergrund.

Wir knüpfen an die Tradition unserer Vorfahren an. Wir essen koscher, und unsere Kinder erziehen wir so, dass wir mit ihnen im Gespräch bleiben. Ich bin der Meinung, dass Zwang eher zum Gegenteil führen kann. Die Kinder sollen selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Mir ist nur wichtig, dass die Liebe zu unserem Volk und zur Religion nicht kaputtgeht und dass sie glücklich sind und gesund bleiben. Meine beiden Ältesten sind inzwischen ausgezogen und studieren bereits, meine jüngste Tochter kommt demnächst in die Schule. Wenn ich einmal etwas mehr Zeit habe, möchte ich mich wieder mit den Sternen beschäftigen. Ein Teleskop ist schon da, es wartet nur noch darauf, zusammengebaut zu werden.

Aufgezeichnet von Alicia Rust

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