Hamburg

Hauptsache kontrovers?

Ehrung in Hamburg: Rabbiner Andreas Nachama, Meron Mendel, Saba-Nur Cheema, der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher, Kirsten Fehrs, Friedhelm Pieper und Margaretha Hackermeier (v.l.) Foto: IMAGO/epd

Seit über 30 Jahren findet es jeden Montag um 17 Uhr in Dresden statt: das Friedensgebet. Texte und Ansprachen sollen Orientierung geben für ein Miteinander in der Stadt. Am vergangenen Montag aber stand die Veranstaltung noch ganz unter dem Eindruck der Eröffnung der »Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit 2025 – 5785/5786« etwas weiter nördlich an der Elbe in Hamburg.

Die ehemalige »Woche der Brüderlichkeit« des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) trägt in diesem Jahr den Titel »Füreinander streiten« und will dazu einladen, das Thema in vielfältigen Veranstaltungen und Konzerten zu vertiefen. Eine Veranstaltung ist das Friedensgebet in der Dresdner Kreuzkirche.

In vielen regionalen Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) wird es zudem in den kommenden Monaten Veranstaltungen geben, die sich mit dem christlich-jüdischen Dialog auseinandersetzen. Wie zum Beispiel am 30. März, bei einer Exkursion in die Düsseldorfer Synagoge sowie zur Chagall-Retrospektive in das K20 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. In Freiburg wiederum findet im Juni und im Juli eine Seminarreihe »Gemeinschaft bei Martin Buber – Dialogphilosophie entdecken« mit Wilhelm Schwendemann in der Matthias-Claudius-Kapelle statt – Abwechslung ist also garantiert.

Eröffnungsfeier für die Reihen, Besichtigungen und Seminare

Die Eröffnungsfeier für die Reihen, Besichtigungen und Seminare fand am vergangenen Sonntag im Festsaal des Hamburger Rathauses statt, und damit auch genau dort, wo sich 1952 erstmals Hamburger Juden und Christen zusammengefunden und die »Woche der Brüderlichkeit« gegründet hatten. Sieben Jahre nach dem Ende der Schoa wollten Christen und Juden einander wieder begegnen, miteinander sprechen.

Mendel und Cheema wurden für ihr Wirken im interreligiösen Dialog geehrt.

Vor allem auch über Deutschlands schwere Schuld, über den industriellen Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden und darüber, dass sich so etwas nie wiederholen dürfe. Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister von Hamburg und damit Hausherr sowie Gastgeber der Eröffnungsfeier, die die NDR-Journalistin Julia Westlake moderierte, verwies auf die Anfänge der Christlich-Jüdischen Gesellschaften und auf das wohl wichtigste jüdische Projekt in der Hansestadt: »Um das über Jahrhunderte gewachsene Leben der Jüdischen Gemeinde in Hamburg zu achten und zu pflegen, unterstützen Senat und Bürgerschaft der Hansestadt den Wiederaufbau der 1938 zerstörten Bornplatz­synagoge; wir wollen jüdisches Leben in Hamburg sichtbarer machen.«

Jahres-Thema »Füreinander streiten«

Mittelpunkt des Festaktes war die Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille 2025 und die Auszeichnung weiterer Aktiver, die sich in die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit eingebracht haben. Die in diesem Frühjahr mit der Buber-Rosenzweig-Medaille Ausgezeichneten sind die Politologin, Pädagogin und Publizistin Saba-Nur Cheema sowie ihr Ehemann, der Historiker und Pub­lizist Meron Mendel. Nach Einschätzung des DKR stehe das Paar sinnbildlich für die produktive Seite des kontroversen Debattierens und sei somit ein gutes Beispiel für das Jahres-Thema »Füreinander streiten«.

Die Bekanntgabe der Verleihung der Medaille an Meron Mendel und Saba-Nur Cheema blieb in der jüdischen Gemeinschaft nicht ohne Widerspruch. Scharfe innerjüdische Kritik kam vergangenes Jahr vom Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, in einem internen Brief, der über einige Medien bekannt wurde. Das Schreiben war an die Mitglieder des Präsidiums des Koordinierungsrates und an dessen Generalsekretär Jan-Ulrich Spies gerichtet.

Der Zentralrat der Juden wirft Mendel mangelnde Expertise und untragbare Positionen vor.

Schuster warf Mendel darin »umstrittene und zum Teil untragbare Positionierungen« vor. Und: Als Historiker und Co-Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt bekomme Mendel in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit und nehme eine »Sprecherposition ein, die als eine vermeintlich repräsentative jüdische Position weitertradiert wird«. Mendel äußere »jedoch nicht selten Ansichten zu Themen, zu denen ihm einerseits einschlägige Expertise fehlt und die weit über seinen Verantwortungsbereich in der Bildungsstätte hinausgehen«.

Diese Ansichten seien in der jüdischen Gemeinschaft »nicht mehrheitsfähig«. Mendels Meinung verschaffe Einblick in eine »linke, israelische (und israelkritische) Minderheiten-Positionierung, die im Diskurs leider zu oft als allgemeingültige jüdische Meinung missverstanden« werde, kritisierte Schuster, der dem Kuratorium des Koordinierungsrats angehört.

»Der wichtigste Meilenstein gegen Antisemitismus«

Andreas Nachama, jüdischer Präsident des Koordinierungsrats, eröffnete das neue Jahr der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit, wobei er eingangs Peter Tschentscher zum Sieg seiner Partei bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen gratulierte und betonte: »Das Funktionieren der Demokratie ist der wichtigste Meilenstein gegen Antisemitismus.«

Nachama verwies gleichfalls auf die Gründung der Christlich-Jüdischen Gesellschaften als eine besondere Pionierleistung: »Nur sieben Jahre nach der Schoa blieb die christlich-jüdische Zusammenarbeit keine Utopie. Aber auch heute ist das alles leider immer noch keine Selbstverständlichkeit.« Antisemiten seien auch stets Antidemokraten. Wie seine Vorredner sprach auch Na­cha­ma das Massaker der Terroristen am 7. Oktober 2023 in Israel an: »Leider gibt es noch immer Geiseln in der Hand der Terroristen.«

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportlerinnen und Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026