Olam

Hallo, Welt!

Karaoke-Auftritte zur Wiedereröffnung Foto: Uwe Steinert

Es gab eine Zeit, da gingen jüdische Kinder und Jugendliche in Berlin nahezu täglich ins Jugendzentrum in der Joachimsthaler Straße 13. Das war die Zeit, als die sogenannte Zweite Generation, die Kinder von Schoa-Überlebenden, jung war. Noch heute erinnern sich viele Ältere an die Aktivitäten dort zu einer Zeit, als an anderen Orten die Generation der Flakhelfer gefeiert wurde und die Schoa noch kein Thema war. Damals war das jüdische Jugendzentrum ein geschützter Raum. In späteren Jahren war dieser Ort für die jungen Leute der Jüdischen Gemeinde zu Berlin nicht mehr täglich geöffnet; ab März 2020 war er komplett geschlossen. Daran war Covid-19 schuld.

Am vergangenen Sonntag öffnete das Jugendzentrum Olam am alten Ort im zweiten Stock des Gartenhauses wieder – und trotz Platzregen und Unwetterwarnung gab es zeitweise längere Schlangen dort, wo ehrenamtliche Helfer die Impfpässe oder Testergebnisse kontrollierten.

Das Treppenhaus war zur Feier des Tages mit weißen und blauen Luftballons geschmückt. Oben angekommen, beschlich diejenigen, die auch früher hier verkehrten, ein vertrautes Gefühl. Vom Büro der Leitung gleich links kann durch die großen Fenster sowohl der Eingangsbereich eingesehen werden als auch der große Sportraum.

Alle brauchen einen Ort, an dem sie nicht »die anderen« sind.

An der großen Tischtennisplatte stehen sich an diesem Nachmittag zwei Herren gegenüber, die altersmäßig nicht mehr zur Zielgruppe gehören – ganz im Gegensatz zu jenen jungen Burschen, die im Hintergrund trainieren, einen großen Ball in einen Basketballkorb zu werfen.

Wenige Mädchen nur sind hier zu sehen. Im Nebenraum hingegen bilden sie die Majorität, dort, wo auf einem Laptop die Entscheidung getroffen werden kann, ob das Zentrum mit Popmusik oder Rap beschallt werden soll. In einem weiteren Raum wird mit den Kleinsten gemalt und werden unter Anleitung mit kleinen bunten Steinchen allerlei Schmuckstücke hergestellt.

LEITERIN Im Juni dieses Jahres hat Shelly Schlafstein hinter jenen großen Scheiben auf dem Stuhl der Leiterin Platz genommen. Die 36-jährige Mutter von drei Kindern war selbst schon hier spielen, als sie noch Grundschülerin war. Nach dem Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaftslehre hat sie in den vergangenen Jahren für das Projekt »Meet a Jew« beim Zentralrat der Juden in Deutschland als Koordinatorin gearbeitet. Nun also leitet sie das Jugendzentrum Olam.

Der Jüdischen Allgemeinen erklärt die gebürtige Berlinerin, was ihr das bedeutet: »Ich freue mich auf die Arbeit mit den Kindern und den jüdischen Eltern hier, wo ich selbst groß geworden bin und als Kind meine komplette Freizeit verbracht habe.« Hier habe sie später sogar ihren Mann kennengelernt.

»Nun sind meine Kinder in dem Alter, in dem ihnen die verschiedenen Aktivitäten angeboten werden. Jüdische Jugendarbeit war für mich schon immer eine Herzensangelegenheit«, sagt Schlafstein.

KURSE Ältere Juden und vor allem Jüdinnen, jene Angehörigen der Zweiten Generation, empfinden retrospektiv oft, ihre Kindheit und Jugend in einer Blase verlebt zu haben, mit wenig Kontakt zu nichtjüdischen Altersgenossen. Shelly Schlafstein sieht eine solche Gefahr heutzutage »in keinster Weise« für gegeben.

So gebe es neben den Kindern, die eine jüdische Schule besuchen, auch solche, die auf öffentliche Schulen gehen. Alle aber benötigen nun einmal einen vertrauten Ort, an dem sie ihr Jüdischsein ausleben können, einen Platz, an dem sie nicht »die anderen« sind.

»Hier können sie sie selbst sein und müssen sich keine Gedanken machen, wie sie sich äußern. Sie können einfach loslassen – und das unabhängig davon, welche Freunde man im Schulalltag hat«, sagt Schlafstein. Man könne auch mal nichtjüdische Freunde ins Jugendzentrum mitbringen, man freue sich über jeden, der Interesse zeigt, sagt Shelly Schlafstein. Die Kurse aber seien lediglich für Kinder und Jugendliche gedacht, die der Jüdischen Gemeinde angehören.

NEUJAHR Darüber hinaus bestehe der Wunsch, auch die Kinder von in Berlin lebenden israelischen Eltern »mit ins Boot zu holen«. Shelly Schlafstein hat deshalb auch schon Kontakt zu einer Gruppe israelischer Jugendlicher aufgenommen, die ein eigenes Freizeitprogramm anbieten. Es sei jedoch noch viel zu früh, um bereits von einer Zusammenarbeit zu sprechen.

Die 20-jährige Sonja Shafranova ist Studentin der Zahnmedizin. Im Jugendzentrum hat sie auch vor der Schließung schon als Madricha die Kleinen betreut, also die Sechs- bis Achtjährigen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, neben dem kindlichen Spaß auch bestimmte jüdische Werte zu vermitteln. Aktuell spricht sie mit ihnen über Rosch Haschana und darüber, warum die Juden an einem anderen Tag das Neujahrsfest feiern als alle anderen. Wie aber macht man das kindgerecht?

Man kann jedes klassische Spiel so umwandeln, dass man es mit jüdischen Traditionen verbindet.

»Man versucht, die Themen in Spiele einzubauen«, sagt Sonja Shafranova. »Man kann jedes klassische Spiel so umwandeln, dass man es mit jüdischen Traditionen verbindet.« Es gebe schließlich noch immer viele Kinder, die öffentliche Schulen besuchen, wo das nicht vermittelt wird. Und wenn es auch im Elternhaus nur eine geringe Rolle spiele, sehe sie hier für sich eine Aufgabe.

PLÄNE Die derzeitige Öffnungszeit ist noch sonntags von 13 bis etwa 17 Uhr. Derzeit besteht aber der Plan, das Jugendzentrum auch wieder unter der Woche täglich zu öffnen, etwa für Nachhilfeunterricht, Religionsunterricht und Hausaufgabenbetreuung. Es stehen geschulte Pädagogen und auch Kunstlehrer zur Verfügung.

Ferner ist geplant, eine Werkstatt zu organisieren, um handwerkliche Fertigkeiten zu erwerben. Vor allem wird es Workshops geben, in denen die jungen Leute lernen sollen, mit den Sozialen Medien umzugehen. Sie sollen befähigt werden, Podcasts und YouTube-Videos zu erstellen, auch Instagram-Stories. Das alles sollen sie hier in einem geschützten Raum ausprobieren können. Gleichzeitig kann dann all das genutzt werden, um die Aktivitäten des wiedereröffneten Jugendzentrums im Internet zu präsentieren.

Die Welt verändert sich. Nicht erst seit der Pandemie. Olam hat sich darauf eingestellt. Und bleibt dennoch der geschützte Ort für jüdische Gemeinschaft – wie schon für die Generationen zuvor.

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