Sessions

Gemeinden und Gemeinschaft

Zum Programm des Gemeindetages gehörten rund 25 Podiumsdiskussionen und Vorträge zu aktuellen Themen. Sie reichten von »Was bedeuten Israel und Zionismus für uns heute?« bis zu »Der Letzte macht das Licht aus«. Rund 180 Referenten waren eingeladen – von B wie Hetty Berg, der neuen Chefin des Jüdischen Museums, bis Y wie Gil Yaron.

Zum Auftakt am Donnerstagnachmittag sprach der Historiker Michael Wolffsohn in seinem Vortrag »In Deutschland zu Hause!?« über die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft von 1945 bis heute. Er zeigte, wie Politik und Gesellschaft das jüdische Leben und damit auch das jüdische Selbstverständnis und die Identifikation mit der Reli-gion beeinflusst haben.

Dabei nahm er politische, soziologische, demografische und ökonomische Fragen in den Blick. In den Zeiten der politischen Ruhe seien Juden 150-prozentige Deutsche gewesen, und die jüdische Identifikation war eher nebensächlich. Die Tragödie des 19. und 20. Jahrhunderts sei eine doppelte gewesen, sagte Wolffsohn. Vor 1930 hatten sich die deutschen Juden immer weniger mit ihrer Religion identifiziert und sich sogar abgewendet. Es folgte ihre physische Vernichtung in der Schoa. »Sie wurden für etwas ermordet, was ihnen gar nichts mehr bedeutete«, so Wolffsohn.

»Wie wir wurden, wer wir sind« wirkte trotz der für Laien oft schwer nachvollziehbaren politischen Vorgänge, angereichert mit persönlichen Erfahrungen, locker und leicht. Grundsätzlich gebe es für Juden in Deutschland nur zwei Sicherheiten: Israel und Amerika, »egal wer dort in der Regierung sitzt«. hso

Flüchtlinge Wie hat sich in den vergangenen fünf Jahren, seit Beginn der Flüchtlingskrise, die Gesellschaft verändert? Wie verorten sich Juden in dem Dilemma zwischen moralischer Pflicht zur Hilfe und Sorge vor muslimischem Antisemitismus? Das wollte die RBB-Moderatorin Gabriela Hermer von den Teilnehmern der Podiumsdiskussion »Flüchtlingskrise – Wo stehen wir heute?« wissen.

Hans-Eckhard Sommer, der Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), gab zu bedenken, dass die Phase der grundsätzlichen Versorgung bewältigt sei, die Krise sei jedoch nicht vorüber.

Der Bundestagsabgeordnete Stefan Ruppert (FDP) erinnerte sich an das Jahr 2015: »800 Menschen kamen innerhalb einer Nacht. Es war eine Abwesenheit staatlicher Ordnung, und das hat auch die vielen helfenden Hände dort sehr verunsichert.« ZWST-Direktor Aron Schuster beschrieb die jüdische Perspektive. »Gerade wir haben ein wiederkehrendes Moment, und das ist Flucht und Vertreibung. Unser Leitbild Zedaka verpflichtet uns, wohltätig zu sein.« Man habe aber auch Sorge gerade wegen des Zuzugs aus dem arabischen Raum, »der Diskriminierung in dieses Land bringt, die sich unter anderem gegen Juden richtet«.

Der Historiker Michael Wolffsohn bemängelte eine falsche Bekämpfung von Fluchtursachen: Wenn man Menschen aus der Dritten Welt aufnehme, um den Fachkräftemangel oder das demografische Ungleichgewicht auszugleichen, sei das eine »Form des Neokolonialismus«, denn man nehme diesen Ländern die Leute weg, die dort dringend gebraucht würden. iw

Boykott »Das wird man doch wohl noch sagen dürfen« – wenn die CDU-Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann diesen Satz hört, sträuben sich ihr die Haare. Mehr als 100 Teilnehmer der Session »Der Bundestag verurteilt BDS – Ist der Kampf jetzt gewonnen?« applaudierten zustimmend. Wie kann Aufklärung über die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions) nachhaltig gelingen? Darüber sprachen Staatsminister Niels Annen (Die Linke), der DIG-Vorsitzende Uwe Becker, Sven-Christian Kindler (Bündnis 90/Die Grünen), Gitta Connemann (CDU) und der Publizist Arye Sharuz Shalicar mit Philipp Peyman Engel.

Könnte es vielleicht mithilfe des Antrags »BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen«, den die Fraktionen von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen am 17. Mai beschlossen haben, geschehen? »Es wäre naiv zu glauben, dass mit einer Resolution des Deutschen Bundestags dieser Kampf gewonnen wäre«, sagte Annen. Arye Sharuz Shalicar betonte: »In den nächsten Jahren wird noch viel auf uns zukommen. Viel mehr, als wir glauben.« kat

Religionsfreiheit Im Panel »Beschneidung der Religionsfreiheit? Wie viel Religionsfreiheit erträgt unsere Gesellschaft?« saßen Hermann Gröhe (CDU), Linda Teuteberg (FDP) und Renée Röske, Bundesvorsitzende des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, auf dem Podium. Kultur brauche Religion, meinte Hermann Gröhe. In der zunehmenden religiösen Vielfalt sieht er eine Chance, die religiöse Frage wachzuhalten.

Am Thema Kippa und Kopftuch im öffentlichen Raum entzündeten sich
die Gemüter.

Doch vor allem am Thema Kippa und Kopftuch im öffentlichen Raum entzündeten sich die Gemüter. Man könne Kippa und Kopftuch nicht gleichsetzen, meinte Gröhe, da die Kippa in keinem Spannungsverhältnis stehe, mit dem Kopftuch jedoch eine Sexualisierung von Mädchen und Frauen einhergehe. Renée Röske widersprach: Nicht jede Lehrerin mit Kopftuch habe eine politische Agenda. Eine Akademikerin mit Kopftuch stelle nicht automatisch die Neutralität des öffentlichen Raums infrage. ksh

Gewissensprüfung »Wir müssen alle Hochschulen anschreiben und ihnen die jüdischen Feiertage vor den Latz knallen, und zwar sofort.« Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, meldete sich in der Session »Gewissensprüfung – Examen an jüdischen Feiertagen« als Zuhörerin zu Wort.

Auf dem Podium saßen der Frankfurter Gemeinderabbiner Avichai Apel, Volker Beck, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen, Markus Grübel, Beauftragter der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, und Mischa Ushakov, Vorsitzender der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Es moderierte Detlef David Kauschke, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen.

Die Diskussion spitzte sich auf die Frage zu: Ist das Zufall, oder hat es Methode? Markus Grübel forderte, das Thema politisch aufzugreifen, schließlich würde man auch keinen Christen dazu zwingen, an Weihnachten ein Examen abzulegen, und fügte hinzu.

Der Grünen-Politiker Volker Beck sagte, wenn Dialog nicht helfe, müsse man den juristischen Weg gehen. Rabbiner Avichai Apel betonte: »Wir müssen Verständnis, Respekt vor der Religion an sich einfordern und die Frage breiter anlegen.« Mischa Ushakov sah in der Diskussion beim Gemeindetag zumindest einen Ansatz, die öffentliche Debatte anzuregen. hso

Israel-Solidarität »Die deutsche Staatsräson mehr als nur ein Lippenbekenntnis? Was ist die Israel-Solidarität noch wert?«, fragte der Journalist Gil Yaron den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert und die Politikberaterin Melody Sucharewicz. Klar und deutlich sagte Kühnert: »In einer Zeit, in der die Vereinten Nationen als Schutzmacht für den Staat Israel ausfallen – weil es einen Kreis von Staaten und Regierungen gibt, die auf eine obsessive Art die Bühne der UN nutzen, um dort auch von ihren eigenen Menschenrechtsverstößen abzulenken –, ist die innenpolitische Diskussion in Deutschland eine Stellvertreterdiskussion für den globalen Umgang mit dem Staat Israel.«

Melody Sucharewicz sprach das Paradox an, auch mit Regimen zu reden und Wirtschaftsbeziehungen zu pflegen, die Israels Existenzrecht infrage stellen. Doch aus ihren Gesprächen mit deutschen Politikern sei sie sicher: »Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern mit der tief sitzenden Überzeugung, man müsse sich nur an einen Tisch setzen und könne über alles reden.« Kühnert wies darauf hin, dass die Jusos als Jugendorganisation mit einem Bildungsauftrag bereits seit 25 Jahren einen Austausch mit Israel pflegen. Eine Arbeit, die heute, wo es notwendiger denn je sei, Früchte trägt. ksh

Zukunft »Der Letzte macht das Licht aus«: Bei dem gleichlautenden Podiumsgespräch diskutierten am Sonntag Marat Schlafstein, Jugendreferent beim Zentralrat, Chajm Guski, jüdischer Blogger und Publizist aus Gelsenkirchen, Anja Olejnik, Programm-Managerin beim American Jewish Joint Distribution Committee in Deutschland, und Marc Grünbaum, Kultur- und Jugenddezernent sowie Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Laura Cazés, Beraterin der Zentralwohlfahrtsstelle, moderierte.

Werden wir in 20 Jahren das Licht ausmachen müssen? »Ich hoffe, nein, und wenn es so wäre, dann haben wir etwas falsch gemacht«, sagte Schlafstein. Guski forderte dazu auf, sich Statistiken genau anzusehen und daraus Schlüsse zu ziehen. Seine Prognose für 2040: »Kleinere Gemeinden werden zu größeren zusammengelegt werden müssen.« Anja Olejnik rief dazu auf, »positive Zukunftsstrategien zu erarbeiten. Wir müssen dazu mit allen sprechen«. Auch Grünbaum ging nicht davon aus, dass es bald keine jüdischen Gemeinden mehr gibt. Die Fragen sollten aufrütteln. Grünbaum sah die Einheitsgemeinde als das »Modell der Zukunft«. hso

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