Hörbuch

Gelebte Wurzeln

Max Rubin (M.) mit dem elfjährigen Herbert Rubinstein und seiner Mutter Berta, 1947 Foto: privat

Es ist der Chanukkaball 1961 der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Am Familientisch im Rheingoldsaal der Düsseldorfer Rheinterrassen sitzt der Sohn Herbert. Er ist Mitte 20 und sieht sich im Saal um. Plötzlich sagt seine Mutter zu ihm: »Schau mal, da ist ein hübsches Mädchen in einem roten Kleid mit schwarzen Locken. Warum sitzt du bei uns am Tisch und gehst nicht lieber tanzen?«

Herbert Rubinstein ist irritiert: »Ich habe meiner Mutter zwar gesagt, dass ich alt genug sei, das selbst zu entscheiden.« Doch dann bemerkte er, dass sie offensichtlich einen guten Blick dafür hatte, und »auf einmal stand ich auf, tanzte mit diesem Mädchen, einer wunderbaren Tänzerin, und plötzlich fing unter den Gästen das Getuschel an«. Das war der Beginn der großen Liebe von Ruthi und Herbert Rubinstein im dritten Leben des heute 86-jährigen Düsseldorfers, der in seinem Hörbuch Meine vier Leben unter anderem von ebendiesem legendären Abend 1961 in Düsseldorf erzählt.

Aufnahmen April 2021 im Studio des Musikers Jan Rohlfing: Die Autorin Sabine Schiffner und Herbert Rubinstein sprechen seit vielen Stunden miteinander, sechs sollten es am Ende genau werden. Stunden, in denen Rubinstein von seiner Kindheit in Czernowitz erzählt, seinem Aufwachsen in einem gutbürgerlichen, traditionellen, jüdischen Haus. Er spricht über seine Familie – die Mutter Berta, den Vater Max – und über den immer aggressiver werdenden Antisemitismus, über den Verlust der Existenzgrundlage und die Zwangsrekrutierung des Vaters durch die Rote Armee.

Herbert Rubinstein war vier, als er seinen Vater das letzte Mal sah. Er spricht über das Ghetto, den Mut seiner Mutter, über falsche Papiere und über Max Rubin, der aus Düsseldorf nach Amsterdam geflohen war, verraten wurde, 1945 aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde und nach Czernowitz zu Berta Rubinstein und ihrem Sohn Herbert kam. Max Rubin, sein späterer Stiefvater, war es, der Mutter und Sohn nach Amsterdam holte, dem Ort, an dem Rubinsteins zweites Leben beginnen sollte.

Amsterdam, das klingt für Jan Rohlfing »nach Akkordeon«, sagt der Musiker, dessen Ohren, wie er es im Gespräch beschreibt, bei den Aufnahmen »immer gespitzt« waren. Herbert Rubinstein und Rohlfing kannten sich bereits, sie begegneten sich bei einem Konzert zum Hörbuch Rose Ausländer – Wirf deine Angst in die Luft im Maxhaus in Düsseldorf.

interviewreihe Dass man aus dem Leben Rubinsteins ein Hörbuch machen könnte, das kam dem Produzenten schnell in den Sinn. »So ein weiser Mann wie er hat bestimmt viel zu sagen«, überlegte Rohlfing, der gemeinsam mit seiner Frau die Interview­reihe »Blick in die Zukunft« produzierte. »Als ich dann das Skript in der Hand hatte, ging der Vorhang auf, die Lichter gingen an, mit dem Ziel, der Sache durch die Musik einen würdigen Kontext zu geben.«

Und das sogar mit richtigen Musikern: »Oft werden solche Hörbücher – wenn überhaupt – ausschließlich mit digitaler Musik vertont«, sagt Rohlfing. »Da wir so viele Freunde und Förderer für das Projekt gewinnen konnten, war es mir möglich, erstklassige Musikerinnen und Musiker zu buchen. Somit hatte ich viele musikalische und dramaturgische Gestaltungsmöglichkeiten.«

Und was wurde aus den beiden jungen Tänzern auf dem Chanukkaball 1961? Sie sind dreifache Eltern und mittlerweile auch mehrfache Großeltern.

Sogar Aaron Malinsky, der Kantor der Düsseldorfer Gemeinde, ist darunter. Musik und Episoden aus Rubinsteins Leben wechseln sich ab, greifen immer wieder ineinander, nehmen Gedanken und Stimmungen auf und tragen sie in das nächste Kapitel. Gesprochen werden Rubinsteins Passagen sehr gefühlvoll von Axel Gottschick.

philosophie »Ich musste mich erst einmal in die Philosophie von Jan hineindenken, und dann fing ich an, mich mit dieser Musik anzufreunden. Etwas Neues, denn diese Musik bezeichne ich als zweckgebunden, passend zum jeweiligen Text auf der CD. Also Text und Musik als eine Einheit«, sagt Herbert Rubinstein, der privat jiddische und israelische Musik hört, dessen Herz als Jugendlicher für die Beatles und immer schon für Jazz schlug und der »die Melodien der Gesänge aus dem aschkenasischen G’ttesdienst« sein musikalisches Zuhause nennt. Alles das erkannte er bei Rohlfing wieder. »Meine Geschichte ist ein roter Leitfaden, und die Musik ist es auch«, sagt er.

Ein Gedanke lässt den Düsseldorfer nicht los: »Ich musste immer daran denken, dass wir alle Flüchtlinge gewesen sind und dass Juden ein Lied verbindet: ›Vi ahiin zol ikh geyn‹. Auch jetzt müssen Menschen wieder flüchten. Es ist so unnötig und barbarisch, was an vielen Stellen auf der Erde geschieht, besonders in der Ukraine.«

Und auch Czernowitz, die Bukowina, die für den Musiker nach Birkenwälder, nach dem Pruth klingt, bei der er »Geigen, kleine Ensembles, Akkordeon, Gesänge und den Klezmereinfluss« hört, ist zentraler Punkt in Meine vier Leben.

Parallelliebe Als am 10. März die Städtepartnerschaft Düsseldorf–Czernowitz einstimmig vom Rat der Landeshauptstadt beschlossen wurde, kamen Herbert Rubinstein die Tränen: »Das war für mich ein Zeichen, dass es eben nicht nur ein Lippenbekenntnis ist.« Czernowitz war ein Kapitel, eine Vergangenheit, wie Rubinstein erzählt, von der er dachte, »sie abgeschüttelt zu haben«. Doch immer wieder tauchten Verbindungen auf. »Durch meinen Cousin in Raanana bin ich mit anderen ehemaligen Czernowitzern in Kontakt gekommen, und es entstand eine Art Parallelliebe.«

Viele junge Czernowitzer besuchten Düsseldorf, besuchten das Albert-Einstein-Gymnasium, gingen in die Mahn- und Gedenkstätten, und Herbert Rubinstein war immer häufiger dabei. So bekam er einen Bezug zum jungen Czernowitz und dachte sich: »Vielleicht kann ich behilflich sein.« Und: »Als ich Czernowitz besuchte, auch das Museum für Jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina, sah ich vieles, was mich an meine Vorfahren erinnerte. Und diese Wurzeln fingen an, sich zu melden.« Rubinstein hat sie gehört und erzählt von ihnen, lebt sie.

Und was wurde aus den beiden jungen Tänzern auf dem Chanukkaball 1961? Sie sind dreifache Eltern und mittlerweile auch mehrfache Großeltern. »Seit diesem Abend lieben meine Frau und ich uns nicht nur, wir sind auch immer noch sehr verliebt ineinander.« Wie das funktioniert? »Meine liebe Frau ist Stier, und ich bin Fisch, und anscheinend passen diese beiden Sternzeichen gut zusammen. Ich war öfters so ein Träumer, und sie hat mich immer gepusht.« Sie sei diejenige, die die Zügel in der Hand halte, »und die mich in unserem sehr schönen Leben gesteuert hat und es auch heute noch immer tut«.

Herbert Rubinstein: »Meine vier Leben. Aus Czernowitz über Amsterdam nach Düsseldorf«. Griot Hörbuch, Stuttgart 2022, 19,80 €

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