München

Gefeiert und vergessen

Der erste Band des Biographischen Gedenkbuchs der Münchner Juden 1933–1945 enthält ein Porträt über Karoline (Carry) Brachvogel mit Hinweisen auf ihre zahlreichen Veröffentlichungen. Nach dem Unfalltod ihres Mannes 1892 hatte die nun Alleinerziehende zu schreiben begonnen. Aus dem Broterwerb wurde in den folgenden drei Jahrzehnten eine Bestsellerschmiede. Allein 39 Romane, Biografien und Einzelbände führt das Werkverzeichnis der höchst lesenswerten Biografie von Judith Ritter über Die Münchner Schriftstellerin Carry Brachvogel: Literatin, Salondame, Frauenrechtlerin auf.

Passenderweise stellte Ritter, eine der vielen erfolgreichen Absolventen des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität, ihr Buch kürzlich in der Monacensia vor, der Spezialbibliothek für alles Kulturelle rund um München. Ritters Buch ist der zwölfte Band der ambitionierten Reihe Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern, herausgegeben von Michael Brenner und Andreas Heusler.

Profil Als Abschlussarbeit hatte Judith Ritter ein jüdisches Frauenporträt aus München im Sinn. Die Wahl fiel auf Carry Brachvogel. Ein Foto, das um 2004 im ehemaligen Jüdischen Museum in der Reichenbachstraße hing, faszinierte Ritter. Die Pose der rauchenden Frau im Profil an ihrem Schreibtisch animierte sie, mehr über diese als »feingebildete Jüdin voller boshaftem Witz« bezeichnete emanzipierte Frau herauszufinden.

In ihrer Privatkorrespondenz erwies sich Brachvogel als empathisch, herzlich, leidenschaftlich, und ihre konservative Grundhaltung ließ sich mit ihrem Eintreten für Frauenrechte durchaus vereinbaren. Sie hatte eine differenzierte Einstellung zum Judentum und zu ihrem eigenen Jüdischsein. Da sie sich als areligiös begriff, kam für sie eine Konversion zum Christentum nie in Betracht. Ihr erstes Kind, eine Tochter, blieb ungetauft. Ihr Leben sei, so resümierte Brenner in seiner Einführung, »ein Zeugnis für die starke Integration des Münchner jüdischen Bürgertums in das Leben der Stadt – und seiner Ausgrenzung während der Nazizeit«.

1924, zu ihrem 60. Geburtstag, gratulierte der Münchner Oberbürgermeister noch persönlich; ab 1933 galt für Brachvogel Publikationsverbot. 1913 hatte sie den »Verein Münchner Schriftstellerinnen« mitbegründet, seit 1925 war sie Vorsitzende, im Mai 1933 beschlossen die anderen Frauen ihren Ausschluss in Abwesenheit. 1942 wurde sie – gemeinsam mit ihrem Bruder, dem Historiker und ehemaligen Universitätsprofessor Siegfried Hellmann – nach Theresienstadt deportiert. Vier Monate später waren beide tot.

Feuilletons Das Totschweigen jedoch reichte über das Jahr 1945 weit hinaus. Inzwischen gibt es eine kleine Brachvogel-Renaissance. Seit 1992 trägt ein Salon in der Seidlvilla in Schwabing ihren Namen. 2012 beschloss der Stadtrat, eine Straße in Bogenhausen nach ihr zu benennen. Ihre Werke werden, so zum Beispiel Im weiß-blauen Land. Bayerische Bilder. Feuilletons (1923), im Münchner Allitera-Verlag wieder aufgelegt.

Die Chansonnière Susanne Weinhöppel dichtete einen »Abgesang auf Carry Brachvogel«, in dem es heißt: »Warst beliebt und hast uns zum Lächeln gebracht/Deine Bücher haben München Ehre gemacht/Die kennt fast keiner mehr/Niemand vermisst dich sehr/ Wo deine Knochen sind/Das weiß der Wind«.

Judith Ritter: »Die Münchner Schriftstellerin Carry Brachvogel«. De Gruyter, Berlin 2016, 195 S., 29,95 €

Programm

Hawdala, ein rotes Sofa und das Geheimnis der Königin: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. April bis zum 23. April

 15.04.2026

München

»Die Stimmung ging sofort in Richtung Aufbruch«

Grigori Dratva über einen Anschlag auf das Restaurant »Eclipse Grillbar«, Solidarität und den Blick nach vorn

von Luis Gruhler  15.04.2026

Erinnerung

Blockiertes Gedenken

Wie sich in einer kleinen Stadt in Niedersachsen bei der Planung eines Benefizkonzerts für Terroropfer in Israel die Menschlichkeit durchsetzte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.04.2026

Jom Haschoa

Narbe gegen das Vergessen

Wir, die Nachkommen der Zeitzeugen und der Ermordeten, dürfen das Leid unserer Großeltern nicht verstecken – wir müssen dafür sorgen, dass es unseren Kindern erspart bleibt

von Eugene Korsunsky  14.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  13.04.2026

Gedenken

Zwischenrufe bei Weimer-Rede in Buchenwald

Schon im Vorfeld hatte es Kritik am Auftritt des Kulturstaatsministers beim Buchenwald-Gedenken gegeben. Auch vor Ort gab es Gegenwind. Das sagt Weimer selbst dazu

 13.04.2026

Gedenken

»Für mich steht sein ›Hochverrat‹ heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit«

Hape Kerkeling sprach anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des KZ Buchenwald über seinen Großvater Hermann, der dort fast drei Jahre inhaftiert war. Wir dokumentieren seine Rede

 13.04.2026

Berlin

Trauer um Rabbiner Avraham Golovacheov

Der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin ist am Montag nach schwerer Krankheit gestorben. Vor 18 Jahren war er als Chabad-Gesandter in die deutsche Hauptstadt gekommen

 07.04.2026

Porträt der Woche

Ich bin dankbar

Svitlana Petrovska überlebte die Nazis – und floh vor Putins Krieg nach Berlin

von Rob Savelberg  06.04.2026