Porträt

Doppeltes Zuhause

»Ich wollte immer weg aus Deutschland«: Sören Simonsohn (64) Foto: Gregor Matthias Zielke

Porträt

Doppeltes Zuhause

Sören Simonsohn hat Alija gemacht – ist aber nach wie vor Basketballtrainer in Berlin

von Matthias Messmer  26.10.2025 08:12 Uhr

Dass ich jemals Alija machen würde, hätte ich nie gedacht. Vor vier Jahren aber habe ich die israelische Staatsbürgerschaft erworben. Doch der Weg dahin war lang. Ich wollte immer weg aus Deutschland. Als ich zwölf Jahre alt war, bin ich durch die Straßen von Berlin, wo ich lebe, gegangen und habe gedacht: Mindestens jeder Zehnte war mit Sicherheit in der NSDAP. Und wie viele dieser Leute hatten sich freiwillig zur SS gemeldet?
Noch heute sehe ich Täter, als wäre nichts gewesen.

Damals war mir allerdings nicht bewusst gewesen, dass ich mich auf der Seite der Opfer befand. Mit meinen Eltern habe ich darüber nicht gesprochen. Als Jugendlicher war ich sehr aufmüpfig und froh, zwischen 13 und 17 Jahren in einem Internat im Sauerland, weit weg von zu Hause zu wohnen. Ich wollte nie so werden wie meine Eltern. So konservativ. Mein Vater war sehr »deutsch«: Er fand alles toll, was es hier gab: die Bürokratie, die Verwaltung, das Gesundheitswesen. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2022 erzählte er begeistert von seiner Sterbeversicherung, die er in den 40er-Jahren abgeschlossen hatte und die bis zu seinem Tod im Alter von 97 Jahren gültig war.

»Mach mal ein straightes Leben!« Das waren seine Worte, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Er war sehr bestimmend, aber auch sehr menschlich und nicht unbedingt lenkend. Ich bin pazifistisch erzogen worden und wurde von meinen Eltern nie geschlagen. Auch in der Schule wurde die Prügelstrafe gerade abgeschafft. Meine Mutter stammt aus einer kirchlichen Familie, mein Großvater mütterlicherseits war ein evangelischer Pfarrer.

Ich bin pazifistisch erzogen worden

Mein Vater, Gerhard, hatte jahrzehntelang eine Professur für Physik an der Freien Universität Berlin inne, beschäftigte sich aber auch sehr viel mit Religion, Geschichte und Musik. Er galt als »Halbjude« und wurde kurz nach seiner Geburt getauft. Am Ende seines Lebens war er nicht mehr gläubig. Für ihn war das Diktum: »Wo war Gott in Auschwitz?« eine falsch gestellte Frage. Er war der Ansicht, man hätte: »Wo waren die Christen in Auschwitz?« fragen sollen.

Auch mein 1894 geborener Großvater Gustav war stramm national, Frontsoldat im Ersten Weltkrieg und hochdekoriert – sehr deutsch und assimiliert. Seine Vorfahren waren im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen im Jahr 1850 mit einem Treck aus Poznań, dem früheren Posen, in den Westen gelangt und hatten sich in Spandau niedergelassen. Diese Angaben habe ich in einem Buch über das Kaufhaus der Familie Stern gefunden. Darin war auch eine Seite mit Familiennamen jüdischer Zuwanderer aus dem Osten in alphabetischer Reihenfolge abgedruckt. »Simonsohn« stand in unmittelbarer Nähe von »Sternberg«. So setzte sich das Mosaik unseres Stammbaums Stück für Stück zusammen.

Ich möchte erfahren, wie unterschiedlich die Länder mit dem Holocaust umgehen.

Am 1. April 1941 begann mein Vater, der mit 16 Jahren keinen Zugang zum Gymnasium hatte, eine Lehre als Elektriker. Am selben Tag wurde mein Großvater, der seit 1940 Zwangsarbeit bei der Deutschen Reichsbahn leistete, nach einer Auseinandersetzung um einen Urlaubsantrag verhaftet und ins Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht. Mein Vater hatte ihn morgens beim Aufstehen noch gesehen. Tagsüber erfuhr er, der gemäß den Nürnberger Rassegesetzen als »Mischling ersten Grades« zumindest vorübergehend geschützt war, von der Verhaftung. Er ging zum Gefängnis, da sein Vater den Arbeitsvertrag unterschreiben musste. Was er auch tat. Man stelle sich das vor!

Einige Monate später, im September 1941, erhielt meine Großmutter vom Standesamt Weimar den Totenschein ihres Ehemannes per Post – mit dem Vermerk »An einer Lungenentzündung in Buchenwald gestorben«. Neben der Urne waren eine Taschenuhr, ein jüdisches Feldgebetbuch sowie die Habseligkeiten, die er am Körper getragen hatte, inklusive einiger Reichsmark, beigelegt.

Aus irgendeinem Grund habe ich früh Zeitungsartikel gesammelt

Danach war meine Großmutter psychisch gebrochen, und mein Vater musste sich um sie kümmern. »Hilfe, Hilfe, sie wollen mich abholen!«, hörte ich sie häufig aus dem Nebenzimmer schreien. Als Kind verstand ich nicht, warum sie in regelmäßigen Abständen in verschiedene Nervenheilanstalten musste. Erst viel später hat mir mein Vater erklärt, was sich dahinter verbarg. Auch wenn sie selbst, weil sie nicht jüdisch war, nie abgeholt worden wäre, hat meine Großmutter all das auf sich projiziert.

Nach reiflichem Nachdenken ist mir klar geworden, dass die patriarchalen und obrigkeitsgläubigen Strukturen es den Nationalsozialisten leichter gemacht haben, die Macht zu übernehmen und ihre Ziele »durchzuprügeln«. Ein Beispiel dafür ist die Gewalt gegen Kinder, die es in dieser Form anderswo nicht gab. Darin sehe ich die eigentlichen Ursachen dafür, dass etwas wie der Holocaust mit all seinen Folgen überhaupt geschehen konnte – mit Millionen Toten auf der ganzen Welt aufgrund dieses »Deutschseins«.

Schon als Kind habe ich mich für Geschichte interessiert. Aus irgendeinem Grund habe ich früh Zeitungsartikel gesammelt. Auch über Israel, obwohl ich damals noch nichts von der Vergangenheit meines Vaters wusste.
Mit 21, nach dem Abitur in Berlin und dem Beginn eines Studiums der Fächer Englisch, Publizistik und Geografie, bin ich in einen Kibbuz gegangen. Zum einen lockte mich das sonnige Wetter, zum anderen trieb mich in diesen Zeiten auch die Frage um: »Wie funktioniert Kommunismus?« Der Kibbuz war ja zumindest anfänglich eine kommunistische Oase in einem kapitalistischen Umfeld.

Für meinen Großvater habe ich einen Stolperstein anfertigen lassen.

Wenige Wochen nach meiner Ankunft in Israel begann der Libanonkrieg. Ich sah, wie die ersten Raketen der PLO im Nachbarkibbuz einschlugen, blieb aber trotzdem. Fünf Jahre später war ich erneut in demselben Kibbuz. Damals traf ich mich auch mit Ralph Klein, dem Basketball-Guru und ehemaligen Trainer der israelischen und deutschen Nationalmannschaft. Ich hatte bei ihm, als jüngster Anwärter überhaupt, die A-Trainer-Lizenz in Deutschland erworben, und er wollte mich zu Maccabi Tel Aviv holen. Aus familiären und beruflichen Gründen entschied ich mich jedoch dagegen.

Bis vor wenigen Jahren glaubten wir, dass mein Großvater nach seiner Festnahme am 1. April 1941 direkt vom Polizeigefängnis nach Buchenwald deportiert wurde. Dank eines Besuchs im Archiv von Yad Vashem – mein Vater hatte der Gedenkstätte noch mit fast 90 Jahren seine Dokumentation über Physiker im Dritten Reich und speziell über die »deutsche« oder »arische Physik« übergeben, woraufhin mich der Archivdirektor nach Jerusalem eingeladen hatte – konnte ich herausfinden, dass mein Großvater erneut als Zwangsarbeiter für einige Monate an einen rüstungsrelevanten Betrieb in Marienfelde im Südosten Berlins »ausgeliehen« wurde.

Ich habe für ihn einen Stolperstein anfertigen lassen. Anschließend haben wir eine kleine Feier in Spandau veranstaltet und fünf weitere Steine für ermordete Mitglieder der Familie Simonsohn verlegt.

Ein einziges Mal in meinem ganzen Leben habe ich meinen Vater weinen sehen. Das war, als ich mit ihm allein nach Weimar gefahren bin und er, sich unbeobachtet wähnend, vor den Urnen im Krematorium des KZ Buchenwald stand. So etwas bleibt einem fürs Leben im Gedächtnis! Er zeigte sonst nie Emotionen, war immer sachlich und wollte keine Schwäche gegenüber seinen Kindern zeigen. Mein Vater war sehr stark. Schließlich war er mit 16 Jahren praktisch allein auf der Welt. Später hat er übrigens all seine früheren Schulkollegen in Schutz genommen. Außer einem wirklich harten SS-Mitschüler hätte ihm in seiner Spandauer Jugend niemand Böses antun wollen.

Ich bin immer sehr daran interessiert zu erfahren, wie unterschiedlich in den verschiedenen Ländern mit der Geschichte des Holocaust umgegangen wird. Bei meinen Reisen frage ich die Leute oft, was sie über die Mitschuld von Teilen ihrer eigenen Bevölkerung denken. Gerade habe ich angefangen, Hebräisch zu lernen.

Ich habe das Recht auf die israelische Staatsbürgerschaft während der Pandemie erworben

Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Basketballtrainer bei CITY Basket Berlin, wo ich für die Damen der Regionalliga sowie für den Kinder- und Jugendbereich zuständig bin.

Und jetzt zurück zur Alija: Ich habe das Recht auf die israelische Staatsbürgerschaft während der Corona-Pandemie erworben. Nach einer Ergänzung im Rückkehrgesetz Anfang der 70er-Jahre hat Israel das Einreise- und Niederlassungsrecht auf Menschen mit mindestens einem jüdischen Großelternteil ausgeweitet. Nach eineinhalb Jahren, in denen ich unter anderem meinen Stammbaum vorzuweisen und ein äußerst vielgestaltiges und humorvolles Gespräch mit einem konservativen Rabbiner führen durfte, flog ich Ende 2021 nach Tel Aviv.

Angesichts der Pandemie entschuldigte sich der Einwanderungsbeamte für die wenig feierliche Zeremonie und bat mich dann, bei der Religionszugehörigkeit ein Kreuzchen zu machen. »Du wirst sowieso israelischer Staatsbürger. Du kannst also Protestant, Katholik oder Muslim oder was auch immer ankreuzen. Auch Jude, dann bist du eben Jude.« Das habe ich gemacht. Das wollte ich unbedingt, auch aus Ehrerbietung gegenüber meinem ermordeten Großvater.

Bereits beim Tel Aviv Marathon 2016 bat ich die Veranstalter, mir die Startnummer 2894 zu geben. Das war seine Häftlingsnummer in Buchenwald. Über die Symbolik bin ich immer sehr nah mit der jüdischen Seele verbunden.

Aufgezeichnet von Matthias Messmer

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