Karneval

Ganz schön jeck

Ein Karnevalsprinzenpaar betritt nicht einfach den Raum, es liefert eine Show. Und so zogen unter klingendem Spiel Prinz Marcus I. und Venetia Nicole – das diesjährige Düsseldorfer Prinzenpaar –, flankiert von uniformierten Gardisten und der Tanzgarde, in den Leo-Baeck-Saal des Gemeindezen­trums ein. An den Stehtischen verstummten die angeregten Gespräche zahlreicher Vertreter von Karnevalsvereinen, aus Politik, Gesellschaft und der Jüdischen Gemeinde. Diese hatte am vergangenen Donnerstag das närrische Prinzenpaar zum traditionellen Empfang eingeladen. Für die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ein Symbol ihrer Verbundenheit mit der Stadt.

In den Karnevalshochburgen lief seit Wochen der Countdown zu den Tollen Tagen rund um Rosenmontag. Die Gemeinde Düsseldorf, mit rund 7000 Mitgliedern die drittgrößte in Deutschland, mischt seit Jahren kräftig mit. Doch das frohsinnige Treiben hat auch einen ernsten Hintergrund.

Vielfalt, Toleranz und Menschlichkeit

Der Gemeindevorsitzende Oded Horowitz unterstrich in einer kurzen Ansprache, dass es bei diesem Fest der Begegnung von Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen nicht nur ums ausgelassene Feiern geht. »Karneval erinnert uns daran, dass Werte wie Vielfalt, Toleranz und Menschlichkeit gefeiert und verteidigt werden müssen.«

Dazu nannte Horowitz ein aktuelles Beispiel: »Gerade in diesen Tagen spüren wir, wie wichtig der Zusammenhalt ist, um auch in unserer Stadt gegen antisemitische und demokratiefeindliche Narrative, gegen Hass und Hetze gegen jüdisches Leben und Israel vorzugehen, wie es leider aktuell in der Kunstakademie Düsseldorf zu sehen ist.« Die Hochschule hatte der palästinensischen Filmemacherin Basma al-Sharif trotz Antisemitismus-Vorwürfen ein Forum geboten.

Auf dem Toleranzwagen stehen neben Juden, Muslimen und Christen auch Buddhisten.

Um den wachsenden Antisemitismus einzudämmen, sei gesamtgesellschaftliches Engagement nötig, so Horowitz. Seit 2018 ist die Düsseldorfer Gemeinde beim Karneval der NRW-Landeshauptstadt dabei. Damals nahm sie erstmals mit einem eigenen Wagen am Rosenmontagszug, der mehrere Hunderttausend Zuschauer zählt, teil. Das von Bildhauer Jacques Tilly gebaute, zehn Meter lange Gefährt war dem gebürtigen Düsseldorfer Heinrich Heine gewidmet – eine Idee des langjährigen Gemeindedirektors Michael Szentei-Heise. Den Zuschauern am Straßenrand wurden kiloweise koschere Kamelle zugeworfen. 2018 lud die Gemeinde auch erstmals zum Prinzenpaar-Empfang in den Leo-Baeck-Saal ein.

Interreligiöser Toleranzwagen

Im folgenden Jahr holte die Gemeinde weitere Religionsgemeinschaften mit an Bord. So entstand der interreligiöse Toleranzwagen, der in diesem Jahr zum fünften Mal im großen Zug dabei ist. Inzwischen sind neben Juden, Katholiken sowie Protestanten und Muslimen Vertreter von vier weiteren Religionsgemeinschaften mit an Bord. 2026 beteiligen sich erstmals auch Buddhisten.

Marcus I. und Venetia Nicole fühlten sich im Leo-Baeck-Saal sichtlich wohl. Der Prinz – im prächtigen rot-weißen Ornat – erzählte von der Vorstellung des diesjährigen Toleranzwagens am Tag zuvor: »Da steht drauf: Toleranz ist das Fundament des Friedens – und das ist ja auch, was der Karneval darstellt. Hier feiern alle zusammen, völlig egal, ob du aus Düsseldorf, Köln oder Australien kommst. Wir alle haben dieses karnevalistische Feeling im Herzen.«

Sichtlich interessiert war der Prinz, mehr über das anstehende Purimfest zu lernen: »Jetzt weiß ich auch, warum Kinder noch Anfang März kostümiert sind, wenn Karneval längst vorbei ist.« Für den Rosenmontagszug mit dem interreligiösen Wagen wünschte sich Marcus I. »20 Grad und Sonne«.

»Da müssen wir durch. Da stehen wir zusammen«

Uwe Willer, Geschäftsführer des Comitee Düsseldorfer Carneval (CC), der Dachorganisation der Düsseldorfer Frohsinns-Vereine, ist regelmäßig beim närrischen Empfang der Gemeinde. »Es fühlt sich für mich an wie ein Besuch bei Freunden.« Willer betonte die Bedeutung des Gemeindeempfangs als Kontaktbörse. »Wir haben dieses Jahr den Circus Roncalli im Rosenmontagszug. Dieser Kontakt wäre nicht entstanden, wenn ich nicht hierhergekommen wäre.« Auch Willer betonte die Bedeutung des Zusammenhalts. »Wir als freie Gesellschaft werden von Putin bedroht. Da müssen wir durch. Da stehen wir zusammen, schaffen analoge Erlebnisse und rufen trotzig Helau!«

Natürlich verliehen das Prinzenpaar und das CC auch manche Karnevalsorden an den Gemeindevorstand sowie Rabbiner Schimon Lewin. Auftritte von Tänzern der Prinzengarde Blau-Weiß und Gesang von Jens Lier rundeten das von Walter Schuhen gekonnt moderierte Programm ab.

Für den Rosenmontag wünscht sich das Prinzenpaar Sonne und 20 Grad.

Mittendrin Marcus Creutz, Präsident der Benrather Schlossnarren, dessen eleganter Gehrock im Rokoko-Stil unter den Uniformen und Kostümen der Karnevalisten modisch herausstach. Creutz begrüßt es sehr, dass die Gemeinde im Karneval aktiv ist und die Möglichkeit zum Treffen mit den Karnevalisten bietet. »Ich bin in einer Nebenstraße der Düsseldorfer Synagoge aufgewachsen. Als Kind habe ich mich immer gefragt: Was ist da wohl drin? Erst 2019 bin ich durch diesen Empfang zum ersten Mal hereingekommen.«

Aber nicht nur seit Jahren aktive Vereine waren dabei. Schwer zu übersehen war eine Gruppe schwarz gekleideter Frauen, jede mit einem goldfarbenen Dreizack. Den Mitgliedern des erst am 11. November 2024 gegründeten Vereins »Rheintöchter Düsseldorf« war es wichtig, dabei zu sein. »Dieser Empfang ist schon etwas Besonderes«, sagen Heike, Dani und Ingrid und lassen gleich ein Lob auf das koschere Fingerfood folgen – man ist im Karneval ansonsten eher Mettbrötchen gewohnt.

Herzliche nachbarschaftliche Rivalität

Düsseldorf und das nahe Köln pflegen eine herzliche nachbarschaftliche Rivalität, vor allem im Karneval. Witze über die rheinische Nachbarstadt und das dort beliebte Bier – Stichwort »Altbier versus Kölsch« – sind bei Karnevalssitzungen Pflicht. Beim jüdischen Engagement im Karneval ist das etwas anders, da wirkt der rheinische Frohsinn verbindend.

Die Düsseldorfer schauen mit großem Respekt auf die Domstadt, in der sich 2017 mit den Kölsche Kippa Köpp die bislang einzige jüdische Karnevalsgesellschaft etabliert hat. Und Vertreter des Kölner Vereins kamen im Gegenzug gern zum Empfang nach Düsseldorf. Alles Weitere wird sich dann am Rosenmontag finden.

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