Gastronomie

Feine Küche, große Last

»Das Restaurant machte uns nicht reich. Wir haben rund um die Uhr sehr hart gearbeitet«: Sternekoch Gal Ben Moshe Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Gal Ben Moshe hat so ziemlich alles erreicht, wovon andere Menschen vermutlich nur träumen können: eine Frau, mit der er seit acht Jahren das mit einem Michelin-Stern prämierte Restaurant »Prism« in Charlottenburg betreibt, drei Kinder im Teenager­alter, übersprudelnde Kreativität und reichlich Erfolg. Seit 13 Jahren lebt der gebürtige Israeli nun schon in Berlin – in der Stadt, die er liebt, die sein Zuhause ist, wie er sagt.

Außerdem ist er Inhaber sowie Teilhaber mehrerer Restaurants in Israel. Dazu kommen weitere Restaurant-Pop-ups in London und demnächst auch eine gastronomische Kooperation mit einem Hotel in Prag. In wenigen Tagen wird Ben Moshe 40 Jahre alt. Weder habe er finanzielle Sorgen, noch verspüre er Druck, wie er betont. Und dennoch wird er Ende des Monats die Pforten des Prism, seines Herzensprojektes, schließen. Warum?

»Ein Restaurant, in dem sich jeder auf Anhieb wohlfühlt«

»Die Restaurantszene in Berlin ist kompliziert«, weiß Ben Moshe zu berichten. »Als wir das Prism 2018 an dieser Stelle eröffneten, wollten wir ein richtig schönes nachbarschaftliches Restaurant erschaffen, in dem sich jeder auf Anhieb wohlfühlt«, sagt der gebürtige Israeli. Es sollte eine Art erweitertes Wohnzimmer für die Menschen im Kiez sein. Und natürlich für alle, die richtig gutes Essen zu würdigen wissen.

Es sollte eine Art erweitertes Wohnzimmer für die Menschen im Kiez sein.

Zuvor hatten er und seine Frau Jacqueline Lorenz – eine waschechte Berlinerin und vielfach prämierte Sommelière – fünf Jahre lang gemeinsam das Restaurant »Glass« in der Uhlandstraße betrieben. »Dort gab es ein ganz anderes Publikum«, erzählt Ben Moshe. »Ich liebe diese Ecke hier in Charlottenburg, weil sie so bodenständig ist.«

2020 erhielt er für seine Kochkunst schließlich 16 Punkte im »Gault&Millau«. Sie stehen für das hohe Niveau der Küche, für die Kreativität der Gerichte und für eine sehr gute Qualität – ein wahrer Ritterschlag. Das veränderte alles. »Wir hatten immer weniger Zeit, und die Ausgaben wurden immer größer«, resümiert Ben Moshe. Anfangs gab es ein Flower-Catering mit kunstvollen Blumen-Arrangements, hinzu kamen Reinigungskosten für die Tischwäsche, feinstes Porzellan, erlesene Gläser und dergleichen mehr. Das findige Unternehmerpaar kümmerte sich um vieles persönlich. Und das kostete Zeit und natürlich viel Energie.

Auch die stagnierende gesamtwirtschaftliche Lage machte sich zunehmend bemerkbar. »Die Leute geben inzwischen nicht mehr so viel für gehobene Gastronomie aus«, sagt der passionierte Koch. Man spüre die Folgen der Rezession. »Das Restaurant selbst macht uns nicht reich – aber man darf nicht auch noch draufzahlen«, so Ben Mo­she. »Wir haben wirklich sehr hart gearbeitet, rund um die Uhr.«

Dabei ist das Prism ein echter Geheimtipp. Es befindet sich mitten in Charlottenburg in einer Wohngegend, die von der Gentrifizierung noch unberührt scheint. Gleich um die Ecke liegt die auf den ersten Blick wenig attraktive Kantstraße mit ihren zahlreichen asiatischen Restaurants und Imbissen, deshalb gern auch Berlins inoffizielles »Chinatown« genannt.

48 Leute passen maximal in das Prism

Der Verkehr lässt den Kiez in ein nervöses Grundrauschen eintauchen, doch hier in der Fritschestraße, wo levantinische Fusion-Kitchen auf Spitzenniveau angeboten wird, kommt man sofort zur Ruhe. Vom Tresen aus wird man sehr freundlich begrüßt.

Während sich in der kleinen Restaurantküche und im Service sieben Mitarbeiter um das Wohl der Gäste bemühen, treffen nach und nach weitere Besucher ein, bis fast der letzte Platz gefüllt ist. 48 Leute passen maximal in das Prism. »Viele sind aus der Nachbarschaft, wir haben ein treues Stammpublikum, es kommen junge Leute ebenso wie Ältere, Einheimische und Touristen«, so Ben Moshe nicht ohne Stolz.

Fairerweise muss das Preisniveau erwähnt werden. Der kunstvoll zubereitete Adlerfisch in Curry-Bisque mit Tomaten schlägt mit 32 Euro zu Buche. Die Perlhuhn-Ballotine an Blumenkohl kostet 38 Euro. Hinzu kommen die Vorspeisen, ausgesuchte Weine und Desserts. Die Portionen sind klein, aber fein. »In unserem Sortiment führen wir 530 verschiedene Weine, 70 davon importieren wir direkt aus Israel«, betont der Chefkoch. Unterdessen berät Sommelière Jacqueline Lorenz die Gäste, lässt sie hier und dort einen der Weine probieren und erzählt etwas über den Anbau oder die Lage des Weinbergs.

Ben Moshe hat bereits an zahlreichen Orten gelebt und gekocht. Auch in Chicago und London.

»Das Prism ist nicht ganz preiswert«, sagt Ben Moshe. Doch diese Art der Küche sei etwas Besonderes. Dass alle Zutaten ganz frisch, regional und saisonal sind, verstehe sich für ihn von selbst. »Acht Mal im Jahr kreiere ich neue Menüs, alles davon ist komplett neu«, erklärt Ben Moshe. »Obwohl wir bald schließen, präsentieren wir in den letzten Tagen noch ein neues Dessert.« Er zählt die Zutaten auf: Aprikosen, Maronen, Avocado und Schokolade.

»Jede erste Woche im Monat bin ich in Israel«

Ben Moshe hat bereits an zahlreichen Orten gelebt und gekocht, außer Israel und Berlin waren das unter anderem Chicago und London. Auch heute noch ist er beruflich viel unterwegs. »Jede erste Woche im Monat bin ich in Israel«, erzählt er. Und erst am Abend zuvor sei er aus der britischen Hauptstadt zurückgekehrt. »In meiner Abwesenheit managt meine Frau hier das Restaurant.« Ohne sie wäre der Betrieb unmöglich. »Aber wir verbringen viel zu wenig Zeit mit der Familie«, sagt der Spitzengastronom – und die sei ihm heilig.

»Wir arbeiten rund um die Uhr, seit über neun Jahren haben wir keinen gemeinsamen Urlaub mehr gemacht.« Die beiden Zwillingssöhne sind inzwischen elf Jahre alt, die Tochter bereits zwölf. »Die Entscheidung, das Prism zu schließen, haben wir der Familie zuliebe getroffen«, sagt Ben Moshe. »Ich will noch etwas von meinen Kindern mitbekommen, bevor sie erwachsen sind und ihre eigenen Wege gehen.«

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