Berlin

Expressionisten in der jüdischen Galerie

Tom hatte sich in letzter Minute dazu entschlossen, beim jüngsten Projekt des Kunstateliers Omanut mitzumachen. An nur einem Tag schaffte er es, sein Gemälde auf die Leinwand zu bringen. Doch damit nicht genug, zusätzlich hat er ein Gedicht verfasst. Es handelt von einem Schiff, wie der junge Künstler in leisen Worten bei der Ausstellungseröffnung erzählt.

Unterdessen drängen sich zahlreiche Gäste in der kleinen jüdischen Galerie im Stadtteil Tempelhof-Schöneberg. Alle hören gespannt zu, als Tom sein Werk vorträgt: »Hamburg. Die Übriggebliebenen der Nacht – Wohin mögen sie wanken? Zum Hafen vielleicht, wo – fest vertäut – ein altes Feuerschiff liegt …«

Die Farbe des Feuers oder ein Sonnenuntergang

Über dem Gedicht hängt eine Leinwand. In expressionistischen Pinselstrichen zieht sich das Dunkelblau der Wellen über den Horizont, davor eine grüne Fläche, die an eine Wiese erinnert, von der sich wiederum ein leuchtendes Rot abhebt. Handelt es sich um die Farbe des Feuers oder um einen Sonnenuntergang? Jeder, der es betrachtet, hat wohl seine eigene Interpretation. Als Grundlage diente das Gemälde »Meer mit zwei kleinen Dampfern« (1946) von Emil Nolde, der bis 1945 noch Sympathien für Hitler hegte. Doch das ist eine andere Geschichte. »Das Schiff hat auch rostige Stellen, die habe ich stehen lassen, auch die hässlichen Flecken dürfen sichtbar sein«, sagt der junge Künstler. Der Zerfall wurde nicht wegretuschiert.

16 künstlerische Laien beteiligten sich an der Ausstellung.

Auftakt für die Ausstellung Impuls. Brücke. Expressionismus, an der sich 16 künstlerische Laien beteiligten, war ein gemeinsamer Besuch im Brücke-Museum, erzählt Judith Tarazi, die das Atelier »Omanut« leitet, was auf Hebräisch »Kunst« bedeutet – ein künstlerisch orientiertes Projekt für Menschen mit geistiger Behinderung und psychischen Erkrankungen. Träger ist die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

»Zu Beginn haben wir über den Expressionismus gesprochen, und schließlich durfte sich jeder ein Bild im Brücke-Museum aussuchen, das wir dann abfotografiert haben«, erklärte Kunsttherapeutin Judith Tarazi.
Die fast postkartengroßen Ausschnitte wurden anschließend mithilfe eines verdünnten Holzleims auf 50 mal 70 Zentimeter große Leinwände gebracht. Jeder der Künstler hat aus den individuell gewählten Motiven mit viel persönlicher Handschrift etwas ganz Eigenes kreiert. Manches erinnert an naive Malerei, anderes könnte fast mit den Vorbildern des Expressionismus mithalten. »Wir machen das hier nicht als Verkaufsausstellung«, sagt Tarazi. Aber wenn sich jemand konkret für ein Bild interessiere, sei der Erwerb durchaus möglich.

»Ich habe mich an überhaupt keine Vorlage gehalten«

Ilka hat einen schlafenden Akt von Pechstein ins Zentrum ihres Gemäldes gestellt. Links und rechts davon platzierte sie springende Pferde. »Ich habe mich an überhaupt keine Vorlage gehalten«, sagt die 63-Jährige über ihre eigenwillige Interpretation von Pechsteins weiblichem »Akt mit Katze«, wie das Original aus dem Jahr 1919 heißt. Sie habe alles völlig frei interpretiert. Auch was den Titel betrifft: »Der Mann, der nach der Frau schielte«, nennt Ilka ihr Werk.

Omanut bietet kostenlose Tagesbetreuung mit künstlerischen Aktivitäten sowie umfassende Beratung zu Arbeits-, Wohn- und Freizeitmöglichkeiten in einem jüdischen Umfeld. Die Jüngsten sind um die 30 Jahre alt, die Ältesten über 70. Über die Kunst treten alle miteinander in einen Dialog. Praktikantin Nele schaut zufrieden aus. »Ich habe die Ausstellung mitkonzipiert und es war eine tolle Erfahrung, die Teilnehmer zu motivieren und an diesem schönen Projekt mitzuwirken«, so die 23-jährige Kulturpädagogik-Studentin.

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