Stuttgart

»Etwas bewegen«

Aktiv mit 100: Rachel Dror Foto: Alfred Hagemann

Von graziler Gestalt und mit blitzwachen Augen: Am 19. Januar begeht Rachel Dror ihren 100 Geburtstag. Vermutlich wird sich die Zahl der Gratulanten pandemie-bedingt in Grenzen halten, doch das Telefon wird nicht aufhören zu klingeln, und die Blumengrüße im Wohnzimmer werden sich gegenseitig Konkurrenz machen. Couragiert wehrt Rachel Dror jedes irgendwie anerkennende Wort ab – es muss ihr wie Schmeichelei vorkommen. Und die ist ihr fremd.

»Ich erzähle, was ich kann und was ich nicht kann«, sagt sie und dass sie diese Offenheit vom Vater habe. Mutter und Bruder seien eher »diplomatisch« gewesen. Der Vater, ein Offizier im Ersten Weltkrieg, sei auch danach »immer Offizier« geblieben. Aber es habe ihr gefallen.

Vermutlich deshalb war sie in der Erziehung mit ihrer einzigen Tochter »ziemlich streng«. Lag beim Tischdecken das Besteck nicht in der richtigen Ordnung, habe die Tochter noch einmal von vorn beginnen müssen. Die Tochter wurde ihrerseits Mutter von sieben Kindern, und diese schenkten ihr 27 weitere Nachfahren.

Königsberg Geboren wird Rachel Dror als Rachel Zipora Lewin in Königsberg. Sie besucht das Lyzeum, wird aber als Jüdin 1934 von der Schule ausgeschlossen. Sie beginnt eine Schneiderlehre, schließt sich der Hachschara mit dem Ziel der Auswanderung nach Palästina an und erlebt in Hamburg die Pogromnacht. Schließlich wandert sie ganz allein aus. Die Kosten übernimmt eine Tante.

»Etwas bewegen«, das war von jeher die Intention von Rachel Dror. So wird sie nach der Gründung des Staates Israel dessen erste Polizistin. Die Eltern kommen in Auschwitz ums Leben.

Ihr zweiter Mann war kein Jude, feierte aber dennoch mit ihr die jüdischen Feste.

1951 heiratet sie. »Mein erster Mann war ein großer, schöner Mann, Türke und Jude«, erzählt sie. Die beiden bekommen eine Tochter. Sechs Jahre später kommt Rachel Dror nach Deutschland, wird Lehrerin für Bildende Kunst und Technik an der Sprachheilschule. »Der Umgang mit jungen Menschen tut mir bis heute gut, sie inspirieren mich«, sagt sie.

Als Zeitzeugin ist sie unermüdlich unterwegs, will Wissen über das Judentum vermitteln und sagt: »Ich habe nichts Negatives erlebt, ich fühle mich nicht als Opfer.« Sie will sich mit Menschen anderer Kulturen und Religionen verbinden. »Es war mucksmäuschenstill in der Synagoge, wenn ich auf Fragen der Schüler antwortete«, erzählt die Jubilarin. Noch immer wüssten doch viel zu wenige Menschen in Deutschland etwas über das Judentum.

Auszeichnungen 1996 wird Rachel Dror mit der Otto-Hirsch-Medaille und 2012 mit dem Landesverdienstorden von Baden-Württemberg geehrt. Beide Auszeichnungen gelten ihrem langjährigen Engagement für den christlich-jüdischen Dialog. Auch privat lebt sie die Interreligiosität. »Mein zweiter Mann war nicht jüdisch, ich habe ihm gesagt, er möge bitte anlässlich unserer Eheschließung 1000 Bäume zur Begrünung Israels an den Jüdischen Nationalfonds KKL spenden, er hat es getan.« Doch dabei blieb es nicht: Das Ehepaar feierte auch im Alltag die jüdischen Feste gemeinsam.

Vor fünf Jahren wurde die immer noch aktive, lebhafte Seniorin von einem Schlaganfall überrascht. »Danach wollte unser damaliger Landesrabbiner Netanel Wurmser, dass ich ins Betreute Wohnen ziehe«, sagt Rachel Dror. So richtig begeistert von der Aufgabe ihrer Selbstständigkeit scheint sie noch immer nicht zu sein. Aber sie fügt sich. »Ich rege mich nicht mehr auf.« Und sie bleibt dem Leben zugeneigt, weswegen sie auch nicht zu Beerdigungen geht.

Ihre Tradition, in einen Badeort zu fahren, Tee zu trinken und Kuchen zu essen, möchte Rachel Dror allzu gern wiederaufnehmen.

Kürzlich fand sie einen alten Bekannten wieder. »Wir haben uns Schawua Tow gewünscht und zwei Stunden am Telefon miteinander geredet«, freut sie sich. Wenn die Pandemie es wieder zulässt, will der Freund sie besuchen kommen. Unglücklicherweise hatte Rachel Dror im vergangenen Monat auch noch einen Unfall.

Doch nach Klinik und Kurzzeitpflege ist sie wieder in ihrer Wohnung angekommen, umgeben von vielen Fotos, Büchern, Urkunden, eigenen und fremden Publikationen, Telefon und Handy mit einem unterhaltsamen Fotoarchiv. Was wir ihr zu ihrem 100. Geburtstag wünschen sollen? »Ich möchte gesund 150 Jahre alt werden«, lacht Rachel Dror. In der Nähe von Stuttgart warte in einem Badeort eine Wohnung auf sie. Ihre Tradition, dahin zu fahren, Tee zu trinken und Kuchen zu essen, möchte sie allzu gern wiederaufnehmen.

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