Freiburg

»Es war sehr aufregend«

Rabbiner Avraham Yitzhak Radbil Foto: Stephan Pramme

Freiburg

»Es war sehr aufregend«

Rabbiner Avraham Yitzhak Radbil über sein erstes Amtsjahr

von Julia Nikschick  28.08.2012 09:14 Uhr

Herr Rabbiner Radbil, glauben Sie, dass Ihre Herkunft aus der Ukraine ein Vorteil war, sich in der Gemeinde einzufinden?
Bisher ja, denn unsere Gemeinde besteht zu 95 Prozent aus russischen Muttersprachlern. Für sie ist es, wie für jeden anderen Menschen auch, einfacher, ihre Anliegen in ihrer Muttersprache zu formulieren. Seelsorge und Gespräche mit älteren Menschen werden leichter, da Russisch auch meine Muttersprache ist. Einige kommen nun zum ersten Mal in die Religionskurse, weil ich sie auch auf Russisch anbieten kann.

Wie haben Sie Ihr erstes Jahr hier erlebt?
Diese Zeit ist sicherlich der Höhepunkt meiner bisherigen Karriere – es war sehr aufregend. Jede Woche gibt es Vorträge im Rahmen des Moraschaprogrammes, zu dem rund 20 junge Erwachsene kommen, um etwas über das Judentum zu lernen. Ein großes Projekt ist der jüdische Kindergarten, welcher im März 2013 eröffnet werden soll. Mittlerweile gibt es in sechs Freiburger Bäckereien koscheres Brot, und wir bemühen uns zudem, dass in Zukunft auch koscheres Fleisch zu einem günstigen Preis erworben werden kann. Gerade wird unsere Mikwe renoviert. Wir hoffen, dass die Arbeiten bis Rosch Haschana abgeschlossen sind. Und im September bieten wir ein Seminarwochenende für Jugendliche an.

Worum geht es bei dem Seminar?
Es ist eine Vorbereitung auf die Hohen Feiertage. Wir haben Michael Blume eingeladen, Religionswissenschaftler aus Stuttgart, der über die Verknüpfung von Wissenschaft und Religion spricht. Landesrabbiner Moshe Flomenmann redet über die Hohen Feiertage, und ich referiere über die Bedeutung des Schofar.

Richtet sich das Seminar nur an orthodoxe Jugendliche?
Nein, die meisten Teilnehmenden sind liberal, obwohl sie wissen, dass unsere Gemeinde orthodox geführt wird. Ich gestalte den Gottesdienst nach diesen Richtlinien, dennoch melden sich viele Jugendliche für das Seminar an. Liberal und orthodox, das muss kein Hindernis sein.

Wird es eine Wiederholung geben?
Ich wünsche mir, dass das Seminar keine einmalige Sache bleibt, sondern regelmäßig stattfindet. Am liebsten alle drei Monate. Wenn jüdische Jugendliche an Freiburg denken, sollen sie an einen Ort denken, wo sie einen koscheren Schabbat feiern können, mit interessanten Vorträgen und einer lebhaften Gemeinde. Das ist mein Ziel.

Was hat es mit dem von Ihnen erwähnten jüdischen Kindergarten auf sich?
Es soll ein gemischter Kindergarten werden, jüdische und nichtjüdische Kinder, der schon früh zur Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen betragen soll. Im Kindesalter ist es noch am leichtesten, gegen Vorurteile zu arbeiten. Dieses Projekt ist besonders wichtig, da wir die jüdischen Kinder schon früh an das Judentum und seine Traditionen heranführen wollen.

Sie sind in der Kinder- und Jugendarbeit sehr engagiert. Ist das Ihr Plan für die Zukunft?
Mein Wunsch für die Zukunft ist eine Verjüngung der Gemeinde – Freiburg für junge jüdische Familien attraktiv zu gestalten, damit sie sich hier niederlassen. Da wir eine Einheitsgemeinde sind, die orthodox geführt wird, können wir Anlaufstelle für alle religiösen Ausrichtungen des Judentums sein: orthodox, liberal oder säkular. Bei uns sind alle willkommen.

Mit dem Rabbiner der Israelitischen Gemeinde Freiburg/Br. sprach Julia Nikschik.

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 30. April bis zum 7. Mai

 29.04.2026

Düsseldorf

Zwei Familien, eine Freundschaft

Die Rubinsteins und die Spiegels erlebten wichtige Momente gemeinsam. Erinnerungen an einen Freund

von Herbert Rubinstein  29.04.2026

Erinnern

»Paul, du fehlst«

Vor 20 Jahren am 30. April starb Paul Spiegel. Als Zentralratspräsident hat er das Land geprägt und sich für Verständigung eingesetzt. Wie würde er auf das Heute blicken? Gedanken von Gisèle Spiegel

von Gisèle Spiegel  29.04.2026

Jubiläum

»Wir richten den Blick nach vorn«

Toby Axelrod über 20 Jahre Limmud Deutschland, Herausforderungen und eine ganz besondere Aktion

von Christine Schmitt  28.04.2026

Militär

Für Deutschland kämpfen?

Nach der Schoa war es für Juden unvorstellbar, wieder in einer deutschen Armee zu dienen. Doch wie blickt die jüdische Gemeinschaft heute auf die Bundeswehr?

von Joshua Schultheis  28.04.2026

Gedenken

17 neue Stolpersteine für Magdeburg

Seit dem Jahr 2007 wurden in Magdeburg mehr als 860 Stolpersteine für Opfer der Verfolgungen in der Zeit des Nationalsozialismus verlegt. Am 4. Mai kommen weitere 17 Steine an den Wohnorten von jüdischen Mitbewohnern hinzu

 28.04.2026

Berlin

Festakt zur Umbenennung in Margot-Friedländer-Platz

Der Vorplatz des Berliner Abgeordnetenhauses wird zum 7. Mai umbenannt

 28.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026