Es sind 20 Jahre vergangen, seit mein Mann Paul nicht mehr unter uns ist. Es ist eine Zeitspanne, die sich kaum greifen lässt. Einerseits liegt so viel Leben dazwischen. Andererseits ist er in meinem Alltag bis heute präsent – in Gedanken, in Erinnerungen, in Sätzen, die er gesagt hat. Sein Humor, seine Klarheit, seine Haltung – all das begleitet unsere Familie bis heute.
Wenn ich auf diese 20 Jahre zurückblicke, empfinde ich vor allem eines: STOLZ! Stolz auf das, was er in so wenigen Jahren als Präsident des Zentralrats erreicht hat. Stolz darauf, dass seine Stimme nicht verstummt ist, dass sein Name bis heute für etwas steht!
Er war kein lauter Mensch. Aber er war klar. Und er war erreichbar.
Vielleicht war genau das seine besondere Stärke, dass er Menschen nicht von oben begegnet ist, sondern auf Augenhöhe. Dass er zuhören konnte – und gerade deshalb auch gehört wurde! Paul war ein zutiefst positiver Mensch. Kein naiver Optimismus – sondern eine bewusste Entscheidung.
Er hatte früh erfahren, was Menschen einander antun können. Er musste als dreijähriges Kind ohne Eltern bei Bauern in Belgien versteckt sein und verlor in dieser Zeit seine Schwester, die nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.
Und trotzdem wurde er kein verbitterter Mensch. Er war überzeugt davon, dass man das Erlebte nicht in Bitterkeit, sondern in Verantwortung und Aufklärung verwandeln muss, dafür sorgen muss, dass sich Geschichte nicht wiederholt.
Besonders wichtig war ihm der Austausch mit jungen Menschen.
Er wollte erklären, zuhören, Fragen zulassen. Nicht belehren – sondern erreichen. Er war sicher: Dort entscheidet sich, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen wird.
Ein Satz von ihm ist mir bis heute geblieben: »Wer wegschaut, macht sich mitschuldig. Nur wer hinschaut und handelt, verändert die Welt.«
Wenn ich heute auf das Ganze blicke, was in der Welt passiert – insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 –, frage ich mich oft, was Paul sagen würde. Ich glaube, er wäre erschüttert nicht nur über das Ausmaß des Hasses, sondern darüber, wie offen dieser Hass wieder sichtbar geworden ist.
Wie schnell Grenzen verschoben werden. Wie schnell Dinge sagbar werden, die lange als unsagbar galten.
Was mich besonders beschäftigt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Antisemitismus heute wieder auftritt – auf der Straße, in sozialen Medien, manchmal auch in vermeintlich intellektuellen Kreisen.
Es ist nicht mehr nur das Offensichtliche. Es ist oft das Subtile, das Relativierende, das Wegsehen. Paul hätte das klar benannt.
Aber er hätte nicht nur verurteilt. Er hätte versucht zu verstehen, woher diese Entwicklungen kommen – ohne sie zu entschuldigen. Und er hätte den Dialog gesucht. Gerade dann, wenn es schwierig wird.
Paul hat immer daran geglaubt, dass Deutschland seine Heimat ist. Er hat gesagt: »Wir können langsam unsere Koffer auspacken.« So wie auch der Titel seines Buches Wieder zu Hause? lautet.
Leider bekommt dieser Satz heute ein anderes Gewicht. Vielleicht wäre Paul heute vorsichtiger. Vielleicht nachdenklicher.
Aber ich bin überzeugt: Er würde diesen Glauben nicht einfach aufgeben.
Dafür hat er zu sehr an die Möglichkeit von Veränderung geglaubt.
Gleichzeitig hätte ihn die aktuelle Entwicklung tief getroffen.
Die Bilder, die Sprache, die Radikalität – all das widerspricht dem, wofür er gearbeitet hat.
Und doch bin ich sicher: Er hätte sich nicht zurückgezogen.
Er hätte gesprochen.
Er hätte eingeordnet.
Und er hätte nicht aufgehört, an eine bessere Entwicklung zu glauben.
Erinnerung allein reicht nicht. Sein Vermächtnis ist kein stilles Gedenken. Es ist eine Aufgabe.
Nicht wegzuschauen.
Nicht leiser zu werden.
Und nicht zuzulassen, dass das, wofür er stand, an Bedeutung verliert!
Gerade heute braucht es Menschen, die Haltung zeigen, ohne zu spalten.
Die klar sind, ohne laut zu werden.
Und die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – im Kleinen wie im Großen.
Und bei alldem darf man eines nicht vergessen: Paul hatte einen großen Humor. Er liebte das Leben, trotz allem.
Genau so bleibt er für mich und für uns!
Paul, du fehlst!