Erinnern

»Paul, du fehlst«

Paul und Gisèle Spiegel Foto: picture-alliance / SCHROEWIG/Dirk Holst

Es sind 20 Jahre vergangen, seit mein Mann Paul nicht mehr unter uns ist. Es ist eine Zeitspanne, die sich kaum greifen lässt. Einerseits liegt so viel Leben dazwischen. Andererseits ist er in meinem Alltag bis heute präsent – in Gedanken, in Erinnerungen, in Sätzen, die er gesagt hat. Sein Humor, seine Klarheit, seine Haltung – all das begleitet unsere Familie bis heute.

Wenn ich auf diese 20 Jahre zurückblicke, empfinde ich vor allem eines: STOLZ! Stolz auf das, was er in so wenigen Jahren als Präsident des Zentralrats erreicht hat. Stolz darauf, dass seine Stimme nicht verstummt ist, dass sein Name bis heute für etwas steht!

Er war kein lauter Mensch. Aber er war klar. Und er war erreichbar.
Vielleicht war genau das seine besondere Stärke, dass er Menschen nicht von oben begegnet ist, sondern auf Augenhöhe. Dass er zuhören konnte – und gerade deshalb auch gehört wurde! Paul war ein zutiefst positiver Mensch. Kein naiver Optimismus – sondern eine bewusste Entscheidung.

Er hatte früh erfahren, was Menschen einander antun können. Er musste als dreijähriges Kind ohne Eltern bei Bauern in Belgien versteckt sein und verlor in dieser Zeit seine Schwester, die nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

Und trotzdem wurde er kein verbitterter Mensch. Er war überzeugt davon, dass man das Erlebte nicht in Bitterkeit, sondern in Verantwortung und Aufklärung verwandeln muss, dafür sorgen muss, dass sich Geschichte nicht wiederholt.

Lesen Sie auch

Besonders wichtig war ihm der Austausch mit jungen Menschen.
Er wollte erklären, zuhören, Fragen zulassen. Nicht belehren – sondern erreichen. Er war sicher: Dort entscheidet sich, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen wird.
Ein Satz von ihm ist mir bis heute geblieben: »Wer wegschaut, macht sich mitschuldig. Nur wer hinschaut und handelt, verändert die Welt.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Wenn ich heute auf das Ganze blicke, was in der Welt passiert – insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 –, frage ich mich oft, was Paul sagen würde. Ich glaube, er wäre erschüttert nicht nur über das Ausmaß des Hasses, sondern darüber, wie offen dieser Hass wieder sichtbar geworden ist.

Wie schnell Grenzen verschoben werden. Wie schnell Dinge sagbar werden, die lange als unsagbar galten.
Was mich besonders beschäftigt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Antisemitismus heute wieder auftritt – auf der Straße, in sozialen Medien, manchmal auch in vermeintlich intellektuellen Kreisen.

Es ist nicht mehr nur das Offensichtliche. Es ist oft das Subtile, das Relativierende, das Wegsehen. Paul hätte das klar benannt.

Aber er hätte nicht nur verurteilt. Er hätte versucht zu verstehen, woher diese Entwicklungen kommen – ohne sie zu entschuldigen. Und er hätte den Dialog gesucht. Gerade dann, wenn es schwierig wird.

Paul hat immer daran geglaubt, dass Deutschland seine Heimat ist. Er hat gesagt: »Wir können langsam unsere Koffer auspacken.« So wie auch der Titel seines Buches Wieder zu Hause? lautet.

Leider bekommt dieser Satz heute ein anderes Gewicht. Vielleicht wäre Paul heute vorsichtiger. Vielleicht nachdenklicher.

Aber ich bin überzeugt: Er würde diesen Glauben nicht einfach aufgeben.

Dafür hat er zu sehr an die Möglichkeit von Veränderung geglaubt.
Gleichzeitig hätte ihn die aktuelle Entwicklung tief getroffen.
Die Bilder, die Sprache, die Radikalität – all das widerspricht dem, wofür er gearbeitet hat.

Und doch bin ich sicher: Er hätte sich nicht zurückgezogen.
Er hätte gesprochen.
Er hätte eingeordnet.
Und er hätte nicht aufgehört, an eine bessere Entwicklung zu glauben.

Erinnerung allein reicht nicht. Sein Vermächtnis ist kein stilles Gedenken. Es ist eine Aufgabe.
Nicht wegzuschauen.
Nicht leiser zu werden.
Und nicht zuzulassen, dass das, wofür er stand, an Bedeutung verliert!

Gerade heute braucht es Menschen, die Haltung zeigen, ohne zu spalten.
Die klar sind, ohne laut zu werden.
Und die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – im Kleinen wie im Großen.

Und bei alldem darf man eines nicht vergessen: Paul hatte einen großen Humor. Er liebte das Leben, trotz allem.
Genau so bleibt er für mich und für uns!

Paul, du fehlst!

Baden-Württemberg

»Voices of Hope« - Stuttgart ist Bühne für Jewrovision

Die Veranstalter sprechen vom größten jüdischen Gesangs- und Tanzwettbewerb Europas: Am Freitag startet die Jewrovision in Stuttgart. Vorbild ist der ESC, der parallel in Wien stattfindet - jedoch mit anderen Tönen

von Leticia Witte  12.05.2026

Monacensia

Münchner Schau zum Archiv von Rachel Salamander

Dem Jüdischen wieder Präsenz geben in der Gesellschaft: Das war das Ziel, das die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander mit ihrer Buchhandlung erreichen wollte. Nun wird ihr Archiv nach und nach erschlossen

von Barbara Just  11.05.2026

Jewrovision

»Wir eröffnen die ganze Sache …«

Unsere Autorin war bei den Proben des »Juze Emet Nürnberg. Am Echad Bayern« dabei. Nur über den Auftritt darf sie noch nichts verraten

von Katrin Diehl  11.05.2026

Porträt der Woche

Berlinerin mit Klartext

Lala Süsskind ist wie die Jüdische Allgemeine Jahrgang 1946. Sie war Gemeindechefin, WIZO-Präsidentin – und engagiert sich weiterhin

von Christine Schmitt  11.05.2026

Zentrum

Jüdische Präsenz

Mit der neuen Hauptsynagoge »Ohel Jakob« ist die jüdische Gemeinde ins Herz der Stadt zurückgekehrt

von Luis Gruhler  11.05.2026

Berlin

Jüdische Gemeinde übt massive Kritik an Antisemitismus-Papier der Linken

Der Gemeinde-Vorsitzende Gideon Joffe bezeichnet das Konzept der Partei als »feige« und spricht von einem »Feigenblatt«

 11.05.2026

Berlin

Gedenken zum ersten Todestag von Margot Friedländer

Zum ersten Todestag von Margot Friedländer gibt es auf dem jüdischen Friedhof eine Gedenkveranstaltung. Berlins Regierender Bürgermeister findet emotionale Worte zum Jahrestag

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Gedenken

»Beklemmende Aktualität«

Charlotte Knobloch und Josef Schuster sprachen zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau

von Vivian Rosen  10.05.2026