Oldenburg

»Es ist gesund, wenn nicht alles von nur einem Rabbiner abhängt«

Herr Rabbiner Olhoeft, Sie sind bereits seit fünf Jahren als Rabbiner in Oldenburg tätig. Wie hat sich die Gemeinde seitdem entwickelt?
Netanel Olhoeft: Mir war damals besonders wichtig, die Lernmöglichkeiten auszubauen. Heute sind wir eine Gemeinde, die im Lernen wächst, in der es einen großen Wissensdurst gibt und – das ist mir zunehmend aufgefallen – auch ein Bedürfnis, das theoretisch Gelernte in die Praxis zu übersetzen. Das ist eine graduelle Entwicklung, zu der auch mein Kollege Levi Ufferfilge beiträgt, indem er viele weitere Lernmöglichkeiten geschaffen hat.

Levi Israel Ufferfilge: Bereits 2020 hatte ich angefangen, in der Gemeinde Online­unterricht zu geben, zum Beispiel für Bar- und Batmizwa. Seit ich vor Ort wohne, habe ich die Gemeinde noch intensiver kennengelernt. Und es stimmt: Sie ist eine lernende Gemeinde. Das ist auch sehr wichtig für ihr Selbstverständnis. Es ist außergewöhnlich, wie viele Angebote hier angenommen werden: zwei wöchentliche Schiurim, Hebräischunterricht, jüdischer Religionsunterricht für Kinder sowie Workshops.

Herr Rabbiner Ufferfilge, Sie sind Ende 2024 als zweiter Rabbiner nach Oldenburg gekommen. Wie funktioniert die Arbeit in dieser »Doppelspitze«?
Ufferfilge: Wir haben offiziell zwei grob getrennte Bereiche: Netanel Olhoeft macht »Religion« und ich »Lehrhaus«.

Olhoeft: Trotzdem gibt es viele Überschneidungen. Für unsere Mitglieder wird sich wahrscheinlich noch herauskristallisieren, wer sich mit welchen Fragen lieber an den einen oder anderen wendet. Ich glaube, es ist prinzipiell gesund für eine Gemeinde, dass es keine so starke Konzentration auf einzelne Personen gibt – dass also nicht alles an diesem einen Rabbiner hängt, sondern es eine Vielfalt gibt, nicht nur in den Lernmöglichkeiten, sondern auch in der Seelsorge und im Sozialen.

Manche Gemeinden in Deutschland haben keinen Rabbiner, Oldenburg gleich zwei. Warum?
Ufferfilge: Oldenburg klingt jetzt erst mal nicht riesig, aber wir betreuen ein großes Einzugsgebiet. Bei der Amtseinführung habe ich von jemandem gelernt, dass es nur etwas kleiner ist als Zypern. Westlich von uns gibt es bis zur niederländischen Grenze keine weitere jüdische Gemeinde. Das heißt: Wenn ein Jude auf einer Nordseeinsel Urlaub macht oder in Papenburg, Emden oder Vechta lebt, sind wir zuständig. Natürlich werden wir auch oft für externe Veranstaltungen in diesem Gebiet angefragt.

Das Einzugsgebiet der Gemeinde ist nur etwas kleiner als Zypern.

Olhoeft: Ich fahre jetzt zum Beispiel nach Winsen bei Hamburg. Dort gibt es einen jüdischen Friedhof, und ich spreche bei einer Gedenkveranstaltung. Zwei Rabbiner zu haben, ist für Oldenburg nicht ungewöhnlich; die Gemeinde pflegt schon seit einiger Zeit diese Tradition. Bei anderen Gemeinden fehlt es manchmal an finanziellen Grundlagen, oder es gibt interne Spannungen. Nicht selten haben sie so viele Spaltungen erlebt, dass sie sich nur schwer darauf einigen können, welche Art von Rabbiner oder Rabbinerin zu ihnen passt. In Oldenburg haben wir das Glück, dass trotz vergangener Spannungen ein Großteil der Gemeinde zusammenbleibt und einen über Jahrzehnte geebneten Weg weitergeht.

Ufferfilge: Die Gemeinde wurde im ersten Jahrzehnt nach ihrer Gründung religiös von der Masorti-Rabbinerin Bea Wyler geprägt und hatte mit Sara-Ruth Schumann auch eine Frau als Vorsitzende.

Sie verstehen sich ebenfalls beide als Vertreter dieser Strömung, die weder klassisch orthodox noch liberal ist. Was bedeutet »Masorti« im Gemeindealltag?
Olhoeft: Das zeigt sich vor allem darin, wie dezentral es bei uns zugeht. Wir sind eine Mitmach-Gemeinde. Bei den Gottesdiensten liegt der Fokus nicht nur auf den Rabbinern. Viele Gemeindemitglieder übernehmen aktiv Rollen, vieles wird von Frauen angeleitet.

Viele Gemeindemitglieder übernehmen aktiv Rollen, vieles wird von Frauen angeleitet.

Ufferfilge: Wir sind egalitär, was bedeutet, dass Frauen das religiöse Leben mittragen und die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer. In unseren Gottesdiensten würde man liturgisch zu einem orthodoxen Gebet wohl kaum Unterschiede erkennen, aber man würde sofort bemerken, dass Männer und Frauen gemeinsam sitzen und gleiche Aufgaben übernehmen. Wir setzen bei der Tradition nicht den Rotstift an, sondern versuchen, sie nur für alle Geschlechter zu öffnen.

Gibt es Situationen, in denen Sie das erklären müssen?
Olhoeft: Bei Gästen kommt das schon vor – etwa bei Israelis oder Besuchern aus anderen Gemeinden, die überrascht sind, wenn Frauen zur Tora aufgerufen werden.

Ufferfilge: Die Reaktionen sind aber meist sehr positiv. Viele erleben unser Modell als besonders familienfreundlich: Mama, Papa, Oma und Opa können zusammensitzen. An Feiertagen oder bei Veranstaltungen kommen viele Eltern mit ihren Kindern vorbei.

In Deutschland kämpfen außerhalb der großen Zentren fast alle Gemeinden mit Überalterung. Die Hälfte der Mitglieder aller Gemeinden ist über 60 Jahre alt.
Olhoeft: Auch Oldenburg leidet unter dem demografischen Wandel. Doch unsere Zahlen sind vergleichsweise gut. Und wir versuchen aktiv, neue Mitglieder zu finden. Wir binden zum Beispiel israelische Familien ein, die zufällig in den Umkreis Oldenburg gekommen sind.

Auch Oldenburg leidet unter dem demografischen Wandel.

Ufferfilge: Eine weitere Investition in die Zukunft ist der jüdische Religionsunterricht, den ich seit diesem Schuljahr nachmittags an einem Oldenburger Gymnasium anbiete. Ein Dutzend Schülerinnen und Schüler kommt jahrgangs-, schul- und städteübergreifend. Einige pendeln sogar aus Jever, Varel oder Verden – mit bis zu 90 Minuten Anfahrtsweg. Sie erhalten jüdische Bildung, die sie idealerweise über viele Jahre begleitet, und können eine Beziehung zur Gemeinde aufbauen. Beim Schulgottesdienst konnten sie kürzlich bereits zeigen, dass sie wissen, was in der Synagoge passiert, und aktiv mitmachen.

Wie blicken Sie auf die Zukunft jüdischen Lebens in Oldenburg?
Olhoeft: Ich möchte weiter das jüdische Bewusstsein und den Lernwillen der Menschen stärken. Die Umsetzung des Gelernten bleibt den Individuen überlassen. Die Gemeinde muss nur den Boden dafür bereiten.
Ufferfilge: Langfristig ist entscheidend, dass die nächste Generation gut gebildet, resilient und stark in ihrer Identität ist. Ich bin in Ostwestfalen in einer Gemeinde mit nur 100 Mitgliedern aufgewachsen und weiß: Auch kleinere Gemeinden können in der jüdischen Sozialisation einen essenziellen Beitrag leisten.

Mit den beiden Rabbinern der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg sprach Mascha Malburg.

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