Bildung

Erste Klasse

Willkommensklassen gehören in vielen Schulen zum Integrationskonzept. Foto: Rolf Walter

Viel zu tun gibt es derzeit für die Pädagogen an den Berliner Schulen. In der letzten Ferienwoche, der sogenannten Präsenzwoche, werden die Klassenzimmer eingerichtet, die in den vergangenen Wochen renoviert und gereinigt wurden. Heike Michalak, Leiterin der Grundschule und des Gymnasiums Jüdische Traditionsschule Or Avner (Trägerschaft Chabad Lubawitsch), steht an diesem Montag in einem Klassenzimmer und überlegt, was noch zu tun ist.

In naher Zukunft kommen zu den bestehenden noch zwei weitere Herausforderungen auf sie zu: Die Schule wird innerhalb der nächsten zehn Monate umziehen – und es sollen vier bis fünf Willkommensklassen für ukrainische Kinder, die wegen des russischen Angriffskriegs aus ihrer Heimat geflohen sind, eingerichtet werden. »So ganz genau können wir noch nicht sagen, wie viele es werden, da manche Kinder vielleicht zurückgegangen oder weitergezogen sind.«

Das Gymnasium wird 70 statt 35 Schüler haben, die Grundschule 100.

Mit den Willkommensklassen haben die Pädagogen und Schüler Erfahrung, denn eine wurde schon im Frühjahr angeboten, die zweite sechs Wochen später, weil der Bedarf so hoch war. »Viele jüdische Gemeinden sind in der Ukraine aufgelöst worden, und etliche Mitglieder sind nach Berlin gezogen«, sagt Heike Michalak. Das Gymnasium wird dann 70 statt 35 Schüler haben, die Grundschule 100 statt 60. Neben den Willkommensklassen wird auch eine Regelklasse mit 18 Schülern eingerichtet.

Container Damit überhaupt genug Platz in der Schule am Spandauer Damm vorhanden ist, wurde der Kindergarten, der die untere Etage der alten Villa bis dahin für sich hatte, ausgelagert in die Münstersche Straße. Die dortige Kita wurde mit Containern aufgestockt, dadurch konnten neue Räume geschaffen werden. Nun haben die Erstklässler bis zu den Abi­turienten das ganze Haus und den Garten für sich. Etwa 30 Lehrer und Erzieher sind für sie im Einsatz.

Wenn die Kinder in Deutschland die Aufenthaltserlaubnis bekommen haben, sind sie auch schulpflichtig. Bis zu zwölf Kinder gehen in eine Willkommensklasse. Aber Michalak bevorzugt altersgemischte Lerngruppen. Und überhaupt, es soll so viel wie möglich Integration stattfinden. Im Sport- und Hebräischunterricht ginge das beispielsweise sehr gut. Vier neue Kollegen hat die Schulleiterin finden können, von denen zwei auch Ukrainisch sprechen, die beiden anderen nur Deutsch. »Ich bin gespannt, welche Klasse am Ende vorne ist«, sagt sie.

Da es eine Ganztagsschule ist, wird den Kindern auch täglich ein Mittagessen angeboten. Manche Kinder seien immer noch traumatisiert, einige hätten aber eine Affinität zu Deutschland entwickelt. Für die jüngeren Kids sei die Situation leichter als für die älteren, so die Schulleiterin. Die meisten Mädchen können besser mit der derzeitigen Lage umgehen als die Jungen. »Denen geht es viel schlechter, denn sie werden noch auf eine andere Art und Weise mit dem Krieg konfrontiert. Sei es, dass ihr älterer Bruder als Soldat kämpft oder ihr Vater.« Da kommen viele Traumata zutage.

Bis zu zwölf Kinder sind in jeder Willkommensklasse.

Ein Vorteil sei der gemeinsame Glaube und dass sie alle Hebräisch beherrschen. »Sie wollen alle lernen«, hat Michalak bei den zwei Willkommensklassen beobachtet. Allerdings konnten sie es in der kurzen Zeit nicht schaffen, bereits komplett in eine Regelklasse zu wechseln. Natürlich kennt Michalak alle Kinder und freut sich, ein Lächeln in ihren Gesichtern zu sehen, wenn sie sie mit Namen anspricht.

Wartelisten Die andere Herausforderung wird der Umzug auf den »Pears Jüdischer Campus« sein, der im kommenden Jahr fertig sein soll. Mittlerweile gibt es Wartelisten von Kindern, die dort zur Schule gehen sollen. »Aber die Plätze sind rar.«

Auch in der Lauder Schule Beth-Zion werden nach wie vor weitere ukrainische Flüchtlingskinder aufgenommen, so Anna Chernyak Segal, Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel. Insgesamt sollen 20 Kids in der Gemeinde-Kita und in der Schule Platz finden. Da sie alle unterschiedlich alt seien, wäre eine Willkommensklasse nicht geeignet, sondern die Jungen und Mädchen werden in die Regelklassen integriert, berichtet Chernyak Segal.

Ein Integrationslehrer, der für Schüler und Eltern Ansprechpartner ist, wurde eingestellt, ebenso eine Schulpsychologin, die auf Traumata spezialisiert ist. Da aber viele Schüler Russisch können, sei es für die Geflüchteten ein »sanfter Prozess«, nun dort zur Schule zu gehen. »Denn sie können miteinander kommunizieren.« Die Familien würden aus starken jüdischen Gemeinden in der Ukraine stammen, weshalb die Kinder auch Hebräisch beherrschen.

freundschaften Viele Freundschaften sind bereits entstanden. Da die neuen Schüler auf die Regelklassen verteilt werden, gibt es keine Raumnot. Die Kita verfügt über 100 Plätze, an der Schule gibt es jetzt sogar mehr als 120, so die Geschäftsführerin.

Einige junge Schüler konnten bereits in die Regelklassen wechseln.

»Wir werden sehen, wer am Montag tatsächlich kommt«, sagt Gesa Biffio, Leiterin der Masorti-Grundschule. Bereits im Frühjahr hatte die Schule zwei Willkommensklassen initiiert. Am Ende des Schuljahres haben auch die ukrainischen Schüler ihre Zeugnisse bekommen, und es hätte Gespräche mit den Eltern gegeben, in denen über die Perspektiven der Kinder gesprochen wurde.

Es sei aber manchmal schwer für sie, in eine Regelklasse zu wechseln, da würden doch noch Sprachkenntnisse fehlen. Deshalb hat die Masorti-Grundschule in den Sommerferien auch einen Deutsch-Intensivkurs angeboten, der von zwölf Mädchen und Jungen besucht wurde. Einige der jüngeren Schülerinnen und Schüler haben bereits im Frühsommer in die Regelklassen der Masorti-Grundschule gewechselt. »Als Übergangslösung steht uns das sogenannte Drehtürmodell zur Verfügung, also Integration in einzelnen Fächern wie Sport, Musik, Kunst und Englisch«, so Gesa Biffio. »Wahrscheinlich bleiben wir bei zwei Willkommensklassen.«

bezirksamt Das zuständige Bezirksamt fordere die Schulleitung immer wieder auf, zu überprüfen, ob es noch weitere Plätze geben könnte, und diese dem Amt dann zu melden. Denn für die Flüchtlingskinder ist es nicht leicht, einen Schulplatz zu finden. »Deshalb kann es sein, dass uns dann noch Kinder geschickt werden.« Bisher kamen nur jüdische Schüler. »Aber als Schulleiterin bin ich für alle da.« Allerdings müsse dann irgendwann geschaut werden, ob das Profil der Schule zu dem nichtjüdischen Kind passen würde.

Ebenfalls lernen zwölf ukrainische Flüchtlinge in der Heinz-Galinski-Schule in einer Willkommensklasse, die bereits im April eingerichtet wurde.

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