Ausstellung

Erinnerung im Dazwischen

Ausstellungsbesucher im Gemeindezentrum Foto: Michael Faust

Im Foyer der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main kann man an diesem Abend das Gras rascheln und Insekten surren hören. Mitten im Raum steht eine kleine Datscha, die mit Erinnerungsschnipseln gefüllt ist. Beim Betreten des Innenraums der Datscha öffnet sich ein Leben: Fotos an der Wand, russische Süßigkeiten auf dem Teller, eine elegante Teetasse mit Untersetzer steht auf dem Tisch, und überall liegen Teppiche.

Mit einer dazugehörigen Klanginstallation über Kopfhörer versetzt das Künstlerkollektiv »andpartnersincrime« die Besucherinnen und Besucher in die Erinnerungswelten verschiedener jüdischer Stimmen, die bisher vielleicht zu wenig Gehör bekommen haben.

videoinstallationen In drei Videoinstallationen an den Außenwänden der Datscha werden Interviews gezeigt, die die Journalistin Erica Zingher mit zwölf Personen aus drei Generationen geführt hat. Darin werden die verschiedensten Lebensgeschichten in Episoden erzählt, die von der Entscheidung handeln, die Heimat zu verlassen und ein Leben in einem fremden Land aufzubauen.

Die Geschichten pendeln zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Heimatlosigkeit und doch angekommen sein.

Die Ausstellung Im Dazwischen angekommen? zeigt visuell und auditiv die Gefühlswelten von Jüdinnen und Juden, die zwischen 1989 und 2005, aber auch früher, aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen.

»Für viele war es das erste Mal, dass sie öffentlich oder überhaupt über ihre Erfahrungen gesprochen haben«, sagt Zingher ihrer Eröffnungsrede. Ihr ginge es dabei um die Frage, wie Erinnerungsarbeit vielleicht anders gestaltet werden kann, um ungehörte Stimmen zu Wort kommen zu lassen.

Erinnerungskultur »Mich stört an der deutschen Erinnerungskultur die Dominanz von einzelnen Narrativen«, meint auch Klarina Akselrud (geboren 1994). Es fehle an Geschichten, die nicht geglättet seien und die auch von Jüdinnen und Juden erzählen, die ein schwieriges Verhältnis mit Deutschland haben und auch eine Schuld in der jüngeren deutschen Generation sehen.

Eleonora Volskaya, Jahrgang 1941, erzählt davon, wie schlecht es um die Überlebenden stand, die aus den Lagern in die Sowjetunion kamen, da ihr Überleben als Verrat galt. Aber in Deutschland war es für sie nicht besser – dort war sie immer die Russin und den Kontingentflüchtlingen wurde das Leben allein dadurch erschwert, dass ihre Ausbildungen und Diplome in Deutschland nicht anerkannt wurden. Man fühlte sich ungewollt, fast schon vergessen.

»Warum lässt man Menschen kommen, wenn sie eigentlich nicht erwünscht sind?«

Galina Gostrer

Das Kontingentverfahren hinterließ bei vielen eine anhaltende Heimatlosigkeit. »Warum lässt man Menschen kommen, wenn sie eigentlich nicht erwünscht sind?«, fragt auch die 36-jährige Galina Gostrer, die von dem Schmerz berichtet, den sie lange mit ihrer jüdischen Identität verbunden hatte. Der Antisemitismus, den man in der Sowjetunion erfahren hatte, begegnete einem auch in Deutschland.

Auch wenn die Emigration nach Deutschland für viele eine Entscheidung war, bleibt am Ende doch die Frage, wie frei diese war. In einer Ecke der Datscha flimmert ein kleiner Röhrenfernseher. Man sieht Klaus Kozminski, geboren 1937, der mit zitternden Händen die einzige Geschichte der Ausstellung vorliest, die nichts mit dem Kontingentverfahren zu tun hat, aber mit dem Leben in Deutschland – dem Land der Täter – als Überlebender.

Verbesserung Es ist seine eigene Geschichte, in der es nicht seine Entscheidung war, zurückzukehren. Und doch scheint das Gefühl ein ähnliches: die Hoffnung, ein neues und vor allem besseres Leben in Deutschland aufzubauen war für viele Kontingentflüchtlinge auch stets von der lebendigen Erinnerung an das nationalsozialistische Deutschland und die Verluste und das Leid, was man ertragen musste, begleitet.

Die Interviews zeigen viele Nuancen und Zwischenwelten. Die Geschichten pendeln zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Heimatlosigkeit und doch angekommen sein.

Ein besonderes Dazwischen stellt für Anna Kushnir, 2000, auch die Emigration ihrer Eltern aus der Ukraine vor ihrer Geburt dar. »Verlassen ist nicht das richtige Wort… Sie haben eine Möglichkeit ergriffen, aber sind trotzdem mit dem Herzen immer noch da.«

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