Porträt der Woche

Eine perfekte Kombination

»Das Internet ist kein wirklicher Ersatz für Face-to-Face-Gespräche«: Yoram Biton lebt in München. Foto: Rafael Herlich

Porträt der Woche

Eine perfekte Kombination

Yoram Biton ist Managing Director und freut sich darauf, bald wieder nach Israel zu reisen

von Rivka Kibel  29.11.2020 09:28 Uhr

Wieso ich nach Deutschland gekommen bin? Nun, im Prinzip wegen meiner Familie. Nach meiner Armeezeit habe ich als Sicherheitschef am Toten Meer gearbeitet. Meine heutige Frau – Manuela, eine Deutsche – war dort Rezeptionistin. Ich habe mich gleichzeitig in sie und in die Hotellerie verliebt. So kam es zu meinem dualen Studium: Am Technion in Tel Aviv habe ich meinen Universitätsabschluss in Hotelmanagement und -wirtschaft gemacht und parallel dazu in einem Hotel am Toten Meer gearbeitet.

Nach dem Studium war ich in verschiedenen Häusern tätig und bin bis zum Assistant General Manager aufgestiegen. Von 1998 an hatte ich beruflich viel in Europa zu tun. Wenn Sie für internationale Hotelketten arbeiten, bringt das der Job mit sich.

Manuela und ich hatten mittlerweile eine Familie gegründet. Meine beiden Töchter, heute 21 und 19 Jahre alt, sind in Israel geboren. Während ich ständig in Europa unterwegs war, fehlte mir meine Familie – und ich ihr. Wir wollten mehr Zeit miteinander verbringen.

Deshalb haben wir nach einem Ort in Europa gesucht, der als unser neues Zuhause infrage kam. Es gab da mehrere Optionen: Prag etwa, aber auch Budapest oder Italien. Letztlich ist es dann Deutschland geworden, genauer gesagt München, weil meine Frau am Starnberger See aufgewachsen ist und hier auch ihre Familie lebt.

Früher spielte ich in der Nationalmannschaft – mein erster Berufstraum war Profi-Fußballer.

Seit 18 Jahren leben wir jetzt in München, hier ist auch unser Sohn zur Welt gekommen. Seit 2006 arbeite ich für eine Hotelgruppe, mein aktueller Jobtitel lautet »Managing Director Central Europe«. Zentraleuropa – das hat bis zum März dieses Jahres bedeutet, viel unterwegs zu sein. Zumal mein Büro in Berlin ist.

CORONA Mit dem Corona-Shutdown hat sich das natürlich geändert. Hatte es mich zuvor noch Planerei gekostet, pünktlich zum Schabbat zu Hause zu sein, habe ich plötzlich erfahren, was es bedeutet, Homeoffice zu machen.
Das war anfangs sehr ungewohnt, aber sehr bald hatte jeder von uns zu Hause seine Arbeitsecke eingerichtet, und ich habe mitbekommen, dass ich eine sehr nette Familie habe.

Ich habe auch das Positive daran gesehen: Wir haben viel zusammen gemacht. Und auch das Arbeiten hat funktioniert. Aber trotzdem ist das Internet kein wirklicher Ersatz für Face-to-Face-Gespräche.

Deutlich gefehlt hat uns der Sport. Basketball und Fußball spielen in unserer Familie eine große Rolle. Ich war, bis ich 18 Jahre alt war, ein sehr guter Fußballer. Ich habe sogar in der israelischen Nationalmannschaft gespielt, mein erster Berufstraum war Profi-Fußballer.

Auch unseren Sohn und unsere jüngere Tochter habe ich mit meiner Begeisterung für Fußball angesteckt: Meine Tochter hat lange in der Damen-Mannschaft gespielt. Mein Sohn trainiert beim SV Heimstetten und nimmt an den Makkabiaden teil.

SPORT Meine Leidenschaft für den Sport habe ich in meinen Job eingebracht: So sind wir zahlreiche Partnerschaften mit Sportvereinen eingegangen; im Mai beispielsweise war unser Hotel beim Final-Turnier 2020 der Basketball-Bundesliga exklusiver Partner des FC Bayern München Basketball.

Ein von uns gegründeter Sozialfonds hilft, die Krise abzufedern.

So, wie sich meine sportliche Vergangenheit mit meinem Job als Hotelmanager verbindet, spiegeln sich auch sonst unsere israelischen Wurzeln wider: Im Dezember stellen wir in den Lobbys unserer Hotels nicht nur einen Weihnachtsbaum auf, sondern auch eine Chanukkia. Wir haben Kippot zum Ausleihen, auf dem Frühstücksbuffet finden sich Speisen wie Hummus, und Gäste können koscheres Essen bestellen.

Unser Hauptaugenmerk liegt momentan allerdings – wie könnte es anders sein – auf dem Thema Hygiene. Unsere Häuser tragen nun das extern vergebene Prüfsiegel »Clean & Safe« – wir nehmen das sehr ernst.

KURZARBEIT Ich persönlich bin derzeit vor allem mit Krisenmanagement beschäftigt. Unser guter Name macht sich nun bezahlt: Banken, Vermieter und der Markt vertrauen uns. Und die Mitarbeiter arbeiten voller Power, auch wenn viele in Kurzarbeit sind. Ein von uns gegründeter Sozialfonds hilft, das abzufedern.

Wir planen für das nächste Jahr sogar fünf Neueröffnungen: in Warschau, Barcelona, Eschborn, Nürnberg und Augsburg. Trotzdem agieren wir sehr kurzfristig. Was ich heute sage, kann nächste Woche schon wieder falsch sein.

In Deutschland zu leben, gefällt mir. Das Land ist gut zu uns, Antisemitismus habe ich persönlich nie erlebt. Auch nicht auf dem Fußballplatz. Aber wir hängen natürlich auch an Israel. Bis Januar war ich jeden zweiten Monat dort, seitdem nicht mehr. Ich kann es kaum noch abwarten, wieder nach Israel zu fliegen.

Seit Januar müssen wir uns auf Feste per Videokonferenz beschränken, auch die Hohen Feiertage haben wir so gemeinsam begangen.

Allein schon, um meinen Vater, meine Geschwister und deren Familien zu sehen. Mein Bruder Erez ist ein in Israel bekannter Sänger. Am Schabbat singen wir für meinen Vater – meine Mutter ist vor drei Jahren gestorben – immer ein, zwei Schabbatlieder. Und dann gehen wir in Richtung Beatles und zu modernen israelischen Songs über.

SCHABBAT Wir spielen alle Gitarre. Mein Vater ist Ende vergangenen Jahres 80 Jahre alt geworden. Wir haben für ihn in Beer Sheva einen großen Schabbat mit der ganzen Familie organisiert – das waren 30 Leute. Es war für ihn das schönste Geburtstagsgeschenk, das wir ihm machen konnten! Seit Januar müssen wir uns auf Feste per Videokonferenz beschränken, auch die Hohen Feiertage haben wir so gemeinsam begangen.

Als ich nach Deutschland gekommen bin, wurde ich von einigen gewarnt, dass die Deutschen verschlossen und unkreativ seien. Das sehe ich überhaupt nicht so. Klar, sie sind im Job anders als wir. Israelis geben mächtig Gas und sind eher aggressiv, wenn es ans Kaufen oder Verkaufen geht. Uns können Verhandlungen nicht schnell genug gehen. Die Deutschen sind nicht so impulsiv und pushy: Sie gehen organisierter und systematischer vor, sie sprechen und überdenken mehr. Beide Mentalitäten passen aber prima zusammen.

Sogar mit dem Wetter in Deutschland komme ich gut zurecht. Als ich 22 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Schnee geschippt. Das war ziemlich aufregend für mich.

SPRACHEN Bis ich nach Deutschland kam, konnte ich bereits fünf Sprachen: neben Iwrit auch Englisch, Französisch, Italienisch und Rumänisch. Mein Deutsch habe ich mir nach dem Motto »Learning by talking« beigebracht. Ich habe zwar auch einen Kurs besucht, aber das hat mir nicht so viel gebracht. In erster Linie habe ich es von meiner Frau und meiner Schwiegermutter gelernt. Dank meiner Schwiegermutter habe ich auch ein weiteres Lieblingsgericht auf meiner Liste: Leber mit Zwiebel und Apfel. Das ist mein Hit!

Vielleicht hat es mir in der Beziehung zu Deutschland auch geholfen, dass meine Familie von der Schoa verschont geblieben ist.

Vielleicht hat es mir in der Beziehung zu Deutschland auch geholfen, dass meine Familie von der Schoa verschont geblieben ist. Meine Mutter stammt aus Frankreich, mein Vater aus Marokko.

Als die Nazis die Macht ergriffen, lebten meine Eltern in Marokko und wanderten über Frankreich nach Israel aus. Sie erinnern sich zwar an Angstsituationen, weil die deutschen Truppen schon in Richtung Nordafrika marschiert sind. Aber meine Familie ist, Gott sei Dank, unberührt geblieben. Trotzdem ist der Jom Haschoa auch für mich ein Tag, der unsere Herzen nicht arbeiten lässt wie im Alltag.

TRAUM Wie es mit uns weitergeht? Wo wir später einmal leben werden? Erst einmal müssen wir diese Pandemie hinter uns bringen. Und sehen, wann wir unsere Aufenthaltsorte dann irgendwann wieder frei aussuchen können.

Meine ältere Tochter war eine Zeit lang in Israel und die Jüngere in den USA. Beide haben sich dort jeweils sehr wohlgefühlt. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie noch einmal für eine bestimmte Zeit ins Ausland gehen.
Ich selbst träume davon, im Alter zwischen Deutschland und Israel pendeln zu können. Derzeit genieße ich einfach das Glück, in Deutschland zu leben und über die Hotelkette sehr mit der israelischen Welt verbunden zu sein. Das ist für mich wirklich eine perfekte Kombination.

Aufgezeichnet von Rivka Kibel

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