Als Margarita Volkova-Mendzelevskaya mit ihrer Familie Ende der 90er-Jahre von Moskau nach Stuttgart zog, bewarb sich die Konzertpianistin an mehreren Musikschulen als Lehrerin. Doch sie fand keine Anstellung. Weil sie eine Frau der Tat ist und dringend ein Einkommen brauchte, um ihre Familie zu ernähren, gründete sie kurzerhand eine eigene Musikschule, die sehr schnell gefragt war und es bis heute bleibt. Doch das genügte der gebürtigen Belarussin nicht: Sie wollte ihren Schülerinnen und Schülern mehr bieten und initiierte den Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb.
Das ist inzwischen 20 Jahre her. Mittlerweile wurde der Titel um den Zusatz »International« erweitert; heute reisen die Teilnehmer aus Israel, England, der Schweiz und sogar aus China an. Etwa 80 Musiker üben derzeit intensiv für ihren Auftritt, der jüngste ist sechs Jahre alt. Mehr als 70 Teilnehmer sind angemeldet. Im Gemeindesaal der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) finden die Vorspiele und das Preisträgerkonzert statt.
Talentierte Kinder können in der Öffentlichkeit des Gemeindesaals vorspielen
»Ich möchte, dass die Kinder und Jugendlichen glücklich sind. Talentierte Kinder können in der Öffentlichkeit des Gemeindesaals vorspielen, eine professionelle Jury bewertet ihre Leistungen. Es stärkt das Selbstbewusstsein der Heranwachsenden, auch an einem eigenen – jüdischen – Wettbewerb teilnehmen zu können.« Eine Voraussetzung: Alle Teilnehmer müssen ein Werk eines jüdischen Komponisten oder einer jüdischen Komponistin interpretieren.
Heute kann Volkova-Mendzelevskaya die vielen Namen der jungen Musiker aufzählen, die den Wettbewerb gewonnen und eine professionelle Laufbahn eingeschlagen haben. Einer von ihnen ist Jakov Galperin. Er war einer der Ersten, die am Wettbewerb teilgenommen haben, spielt heute als Klarinettist am Hessischen Staatstheater Wiesbaden und sitzt nun zum zweiten Mal in der Jury.
»Als ich klein war, hörte meine Großmutter vom Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerb und motivierte mich, mitzumachen«, sagt der 28-Jährige. »Ich war jung und ein bisschen nervös, habe bestimmt nicht perfekt gespielt.« Als Musiker brauche man die Erfahrung des Vorspielens; man müsse Erfahrungen sammeln und lernen, mit Lampenfieber umzugehen.
»Man muss viel üben, um in Form zu bleiben«, sagt die Pianistin.
Es seien sehr selbstsichere Persönlichkeiten, die mittlerweile vorspielen, habe er im vergangenen Jahr beobachtet. Sehr herzlich sei er von den Jurymitgliedern begrüßt worden. »Manche Gesichter kannte ich noch.« Es herrsche eine wohlwollende Atmosphäre. »Wenn wir verschiedene Ansichten haben, gibt es keine Auseinandersetzungen, sondern wir diskutieren und einigen uns«, sagt Sontraud Speidel, Professorin an der Hochschule für Musik in Karlsruhe sowie weltweit geachtete Pädagogin in Meisterkursen. Sie ist zudem eine Wettbewerbsjurorin, die zahlreiche Konzerte gibt und Aufnahmen einspielt.
»Wir haben alle dasselbe Ziel: Wir wollen die jungen Leute fördern«
»Wir haben alle dasselbe Ziel: Wir wollen die jungen Leute fördern.« Deren Nervosität versuche sie durch Freundlichkeit zu mindern. Entscheidend sei für sie, ob der Nachwuchskünstler mit Leidenschaft, einer guten klanglichen Qualität und einer eigenen Interpretation spielt. Ein Highlight seien für sie die Werke jüdischer Komponisten. Darunter seien viele Werke, die ihr bislang unbekannt waren. »Man muss viel üben, um in Form zu bleiben«, sagt die Pianistin.
Das weiß auch Jakov Galperin. Er stammt aus einer Musikerfamilie. Mit sieben Jahren fing er an, Klavier zu lernen. Zwei Jahre später hatte sich seine Großmutter von einem befreundeten Musiker beraten lassen, welches Blasinstrument seiner Meinung nach das schönste Repertoire hat. Er schlug ihr die Klarinette vor. Daraufhin nahm sie ihn zu einem Klarinettenkonzert mit. »Das gefiel mir.« Er ahnte, dass seine Großmutter nicht lockerlassen würde, bis er sich für ein Instrument entschieden hatte. »Wenn schon, dann richtig.« Jeden Tag packt er seitdem seine Klarinette aus.
In einem sind sich die beiden Jurymitglieder einig: Es ist unglaublich, was Margarita Volkova-Mendzelevskaya jedes Jahr aufs Neue mit ihrem Team stemmt. Namensgeber des Wettbewerbs ist der Musikwissenschaftler Karl Adler (1890–1973), der lange in Stuttgart wirkte, vor den Nazis floh und in den USA starb. Finanzielle Unterstützung erhält die Initiatorin auch von der IRGW und dem Zentralrat der Juden in Deutschland, der »uns von Beginn an geholfen hat«, so Volkova-Mendzelevskaya. Chris Meyer
Das letzte Wettbewerbsvorspiel findet am 21. Juni von 10 bis 20 Uhr statt, das Preisträgerkonzert am 28. Juni um 15 Uhr – jeweils im Gemeindesaal der IRGW.