München

Ein Maler mit Kamera

Saul Leiter Foto: dpa

»Saul Leiter war ein Flaneur, ein Spaziergänger, und seine Neugierde war unerschöpflich. Er war auch ein Sammler und Bewahrer, in seinem Studio stapelten sich zu Hunderten verstaubte und verblichene Fotoschachteln von Kodak, Fuji, Agfa und Ilford bis fast unter die Decke.« Und mit ihnen die kleinen gelben Plastikboxen, in denen früher die in Pappe gerahmten Dias aufbewahrt wurden.

So plastisch erinnert sich Brigitte ­Woischnik, die als Moderedakteurin bei der Frauenzeitschrift »Petra« begann, in den späten 60er-Jahren die Fotoredaktion beim »Seventeen Magazin« in New York betreute, dann Moderessortleiterin bei der Zeitschrift »Freundin« wurde und in den 2000er-Jahren als freie Galeristin und Ausstellungskuratorin dem Thema Mode treu blieb.

retrospektive 2009 wirkte sie an der Retrospektive von Lillian Bassman und Paul Himmel mit, 2012 konnte sie Saul Leiter zu einer Retrospektive seines Lebenswerks im Haus der Photographie/Deichtorhallen in Hamburg überreden. Ein Jahr später starb der bis dahin weitgehend Unbekannte.

Saul Leiter war von den späten 50er-Jahren an für rund 20 Jahre zu einem innovativen Modefotografen geworden.

Saul Leiter war von den späten 50er-Jahren an für rund 20 Jahre zu einem innovativen Modefotografen geworden, der die Konventionen internationaler Journale wie »Esquire« und »Harper’s Bazaar« über Bord warf, indem er die Fotomodelle aus der künstlichen Studio­atmosphäre auf die Straße holte und auf Farbfotografie setzte.

Diese Karriere war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. 1923 wurde er als Rabbinersohn in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren. Mit sieben Jahren wurde er an eine Talmud-Akademie nach New York, dann an das Telshe Yeshiva Rabbinical College in Cleveland geschickt.

cartier-bresson Seine berufliche Zukunft war eigentlich vorgezeichnet, doch dann schenkte ihm seine Mutter, als er zwölf Jahre alt war, eine Kamera. 1946 brach er die Rabbiner­ausbildung ab und ging nach New York. Er wollte Maler werden. Ein Jahr später eröffnete ihm der Besuch einer Cartier-Bresson-Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art den Blick auf das Medium Fotografie. Leiter wurde ein Maler mit der Kamera. Scherzhaft sagte er einmal, er habe die größte Saul-Leiter-Sammlung.

Im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung lädt eine Großaufnahme von Saul Leiter zu einem Blick in sein Atelier. Brigitte Woischnik, seit Langem in München zu Hause, brachte die Retrospektive für den Sommer 2019 in die bayerische Landeshauptstadt.
Am Sonntag geht die Ausstellung zu Ende. Letzte Gelegenheit, das Werk eines Genies, das Farben und Kontrasten ungewöhnliche Momentaufnahmen abgewinnen konnte, zu besichtigen.

Und bei einer Kuratorenführung gibt Woischnik aus ih­rem unerschöpflichen Anekdotenschatz noch einmal Unvergessenes zum Besten. Der Standardsatz des enttäuschten Vaters Leiter war: »Fotografieren ist ein nettes Hobby.« Der Sohn kommentierte Jahrzehnte später: »Er hatte recht.«

»Saul Leiter – Retrospektive«. Hrsg. von Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik. Kehrer, Heidelberg 2012, 296 S., 49,90 €. Am Sonntag, den 15. September, Führung durch die Ausstellung mit Brigitte Woischnik, Treffpunkt: Kunstfoyer, Maximilianstraße 53, Eintritt frei. Um 17 Uhr Vorführung des Dokumentarfilms »In No Great Hurry. 13 Lessons in Life with Saul Leiter« von Thomas Leach. Originalfassung in englischer Sprache. Jüdisches Gemeindezentrum, St.-Jakobs-Platz 18, Anmeldung erbeten unter 089/2024 00-491 oder unter karten@ikg-m.de

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