Nachruf

Ein Makkabäer durch und durch

Wolfgang S. H. Meyer (1928–2019) Foto: Rafael Herlich

Nachruf

Ein Makkabäer durch und durch

Wolfgang S. H. Meyer ist im Alter von 90 Jahren in Frankfurt gestorben

 01.07.2019 15:47 Uhr

Die jüdische Gemeinschaft und die jüdische Sportfamilie im Besonderen trauert um Wolfgang S. H. Meyer. Der Vater des amtierenden Präsidenten von Makkabi Deutschland, Alon Meyer, ist am Sonntag im Alter von 90 Jahren in Frankfurt gestorben. Geboren wurde Wolfgang S. H. Meyer am 7.  Dezember 1928 in Berlin-Steglitz – er war ein wahrer Makkabäer der ersten Stunde.

Ein Minjan war es nicht ganz, als Wolfgang Meyer gemeinsam mit acht Freunden 1965 den Turn‐ und Sportverein Makkabi Frankfurt gründete. Und in den letzten Jahren war er der Einzige, der noch davon berichten konnte. »Alle anderen sind mittlerweile gestorben«, sagte Meyer im Gespräch mit dieser Zeitung lakonisch im historischen Jahr 2015, als die European Maccabi Games in Berlin stattfanden.

PASSIONIERT Auch von den Anfängen bei Makkabi erzählte Meyer gern, aber ohne Pathos: »Das war keine große Sache. Wir haben damals als Freunde oft zusammengesessen. Irgendwann haben wir uns überlegt, dass wir einen Sportverein brauchen – und dann haben wir es einfach gemacht.« Sport, das war für Meyer, einen passionierten Fan von Eintracht Frankfurt, in erster Linie Fußball.

Insofern überrascht es nicht, dass der junge Verein Makkabi Frankfurt auch mit dieser Sportart startete. Mit einem eigenen Fußballplatz auf dem Dachsberg, kaum antisemitischen Erlebnissen – es gehörten von Anfang an Nichtjuden zum Verein –, aber stets von dem Spruch begleitet, »dass wir der reiche jüdische Sportverein sind«.

AUFSTIEGE »Aber«, so räumte Meyer stets ein, »das waren wir im Vergleich zu anderen auch« – mit eigenem Platz und »tollen Trainern«, wie etwa István Sztani von der Eintracht. »Wir sind sogar zwei‐ oder dreimal aufgestiegen«, erinnerte sich Meyer mit leuchtenden Augen. Sein Verdienst sei der sportliche Erfolg aber nicht gewesen: »Ich habe eher mittelprächtig gespielt.«

Den Platz mit der eigenen Arena musste man schließlich verkaufen, »weil die Stadt eine Straße gebaut hat«, ärgerte sich Meyer noch lange. Schließlich sei das oftmals löchrige – und nicht vereinseigene – Gelände auf der Bertramswiese kein gleichwertiger Ersatz.

Wolfgang S. H. Meyer war ein wahrer Makkabäer der ersten Stunde.

Meyer, der auch 40 Jahre lang im Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Frankfurt saß, zeigte sich stets bescheiden. Auf die Frage, ob er stolz auf die Gründung von Makkabi gewesen sei, mochte er nicht antworten. Von den Leistungen seines Sohnes Alon hingegen schwärmte er: Der habe »die Mitgliederzahl von 400 auf über 1000 gebracht« und sei als Präsident von Makkabi Deutschland maßgeblich für die European Maccabi Games in Berlin mitverantwortlich gewesen; das erfüllte ihn mit Stolz und einem »guten Gefühl«.

1928 in Berlin geboren, wanderte Meyer 1936 mit seinen Eltern nach Palästina aus. Seine »erste Mutter«, wie er sie nennt, war im Kindbett gestorben. Eine besondere Tragik: »Mein Vater war Gynäkologe, hatte meine Geburt und die Nachsorge aber aus Unsicherheit einem Kollegen überlassen«, erzählte Meyer. 1939 reiste Meyers Vater, ein »glühender Zionist«, zurück nach Deutschland, um seine drei Brüder ebenfalls zur Auswanderung zu bewegen. Einer von ihnen folgte ihm, die anderen beiden blieben und wurden im Holocaust ermordet. Ebenso die Eltern seiner leiblichen Mutter. Die Eltern seiner Stiefmutter wurden nach Theresienstadt deportiert, überlebten aber das Nazi‐Regime.

1939 reiste Meyers Vater, ein »glühender Zionist«, zurück nach Deutschland, um seine drei Brüder ebenfalls zur Auswanderung zu bewegen.

ERINNERUNGEN An das Deutschland seiner Kindheit habe er eigentlich keine schlechten Erinnerungen, sagte Wolfgang Meyer. Lediglich einmal, als Siebenjähriger, habe er Antisemitismus am eigenen Leib erfahren: »Ich habe einen Fremden nach dem Weg gefragt. Doch anstatt mir zu sagen, wo ich lang muss, wollte er wissen, ob ich Jude sei. Ich habe bejaht und dann statt einer Auskunft eine Ohrfeige bekommen.«

1958 führte Meyers Weg nach einer Zwischenstation in New York von Israel nach Frankfurt. Der Grund: Meyer studierte Pharmazie, hatte sich aber mit seinem Chemieprofessor verkracht, der ihm angekündigt hatte, er werde ihm nie die Abschlussprüfung abnehmen. Also studierte er in Frankfurt weiter. »Das war kein Problem, wir hatten zu Hause immer Deutsch gesprochen, und ich bin nicht der Mensch, der sich allein fühlt.«  ja

Orthodoxie

»Koschere Haare sind teuer«

Chaya Chapoval über steigende Scheitelpreise, die Arbeit hinter einer Perücke und Rabbiner-geprüfte Haarteile

von Mascha Malburg  17.08.2026

Freiburg

Geschichten eines Onkels

Aviva Rabinovich recherchierte das Schicksal ihres Verwandten Konrad Goldmann – und widmet ihm zusammen mit dem Regisseur Nathan Lifschitz einen Dokumentarfilm

von Anja Bochtler  17.08.2026

Brandenburg

An einem Mittwoch in Cottbus

Was geschieht an einem ganz normalen Tag in einer jüdischen Gemeinde? Wir waren vor Ort und begegneten Menschen zwischen Chorproben und Amtsterminen

von Leon Stork  16.08.2026

München

Für die junge Generation

Künftig wird Rabbiner Elie Dues als Jugendrabbiner die religiöse Arbeit der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützen

von Luis Gruhler  16.08.2026

Porträt der Woche

»Mein Glück war Alfred«

John Günther ist Künstler, religiös und lebte 62 Jahre mit seinem Mann zusammen

von Heike Linde-Lembke  16.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Sachsen-Anhalt

Polizeirabbiner vor der Wahl: Erstarken der AfD bereitet Sorgen         

Mehr Begegnung zwischen Juden und Nicht-Juden - das wünschen sich Deutschlands Polizeirabbiner. Sie bilden Polizeianwärter hierzulande fort und vermitteln jüdische Kultur. Seit fünf Jahren gibt es sie

von Nina Schmedding  13.08.2026

Ferien

Spiel, Spaß, Werte

Gerade beginnt der dritte Turnus der ZWST-Machanot. Bildungsreferentin Liya Cinciper über Heimweh, Handyzeiten und Kühlung bei Hitze

von Helmut Kuhn  13.08.2026

Hitze

Kühl beten, kühl bleiben

Gemeinden und jüdische Einrichtungen bekommen die hohen Temperaturen sehr zu spüren. Einige behelfen sich mit kalten Tüchern, manche mit Ventilatoren, andere haben Klimaanlagen

von Katrin Richter  13.08.2026