#2021JLID

Ein ganz besonderes Projekt

Nach den offiziellen Reden führt die Künstlerin Ilana Lewitan Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) durch ihre Ausstellung Adam, wo bist Du?. »Stellen Sie sich vor, Jesus wäre als Jude 1938 in Nazi-Deutschland verhaftet worden«, sagt sie und zeigt auf den mehrere Meter großen fiktiven Haftbefehl am Eingang der Parochialkirche in Berlin-Mitte, in der die Rauminstallation aufgebaut ist. Schäuble ist sichtlich beeindruckt.

Dann geht es weiter zu dem Kasten, in dem zahlreiche Brillen mit unterschiedlich gestalteten Gläsern liegen. »Verschiedene Motive auf den Brillengläsern stehen für das Hin-, aber auch das Wegschauen. Eine Brille aus dem Jahr 1938 ist zerbrochen, da schauten viele weg, als Nachbarn, Bekannte und Verwandte ins KZ kamen.« Schäuble nickt.

Weiter geht es zur Interviewstation. In zehn individuell gestalteten Verbandskästen aus aller Welt, die für Verletzlichkeit stehen, berichten in Videos Schoa-Überlebende, Mitglieder verschiedener Glaubensrichtungen, ein Transgender, ein Flüchtling und ein blinder Mensch über ihre Grenzerfahrungen.

BUNDESTAGSPRÄSIDENT Unter den Personen in den Videos ist auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Auf ihrem Interview-Kasten stehen kleine Kuhfiguren, innen sitzt eine kleine Mädchenfigur mit einer Katze und einem Hund – denn die Münchnerin überlebte auf einem Bauernhof. Daneben liegt ein Koffer. Ein- oder auspacken – das ist hier die Frage.

Wolfgang Schäuble hält kurz inne und berichtet dann, wie beeindruckt er von Knoblochs Rede am 27. Januar im Bundestag war, dass es ihm viel bedeutet habe, dass auch die Sulzbacher Tora in Anwesenheit von Vertretern aller fünf ständigen Verfassungsorgane zu Ende geschrieben wurde.

Neben der Installation liegt ein Koffer. Ein- oder auspacken?

Anschließend geht es zu den Würfeln, deren 18 Jahreszahlen an tragische Ereignisse erinnern, zu der Installation aus Stühlen, die nicht jedem einen Platz anbietet, und zu dem gelben Würfel, auf dessen Außenseiten chiffrierte Kennzeichnungen der Juden seit dem Mittelalter bis 1941 zu sehen sind. Im Zentrum liegt ein gelber »Judenstern«.

Das 4,60 Meter hohe Kreuz aus Stahl und Plexiglas mit dem Satz »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« in mehreren Sprachen überragt alles. Ilana Lewitan zeigt Jehoschua mit erhobenen Armen. »Er steht im Dialog mit Gott und fragt: Adam, wo bist du?«, sagt sie.

ANTISEMITISMUS Zuvor hat Schäuble in seiner Rede gefragt, wie die Schoa überhaupt habe geschehen können. »Wie war das möglich?«, fragt er. »Das Geschehen bleibt unfassbar. Je älter ich werde, je länger ich darüber nachdenke, desto unfassbarer wird es für mich.«

Lange Zeit habe er geglaubt, dass es keinen Raum mehr für Antisemiten gebe. Doch das habe sich geändert. »Wir sehen gerade das Gegenteil«, sagt der Bundestagspräsident. Antisemitische Vorfälle häuften sich. »Antisemitismus ist inakzeptabel und vor dem Hintergrund unserer Geschichte besonders beschämend«, betont Schäuble. Vorurteile und Stereotype würden überhandnehmen.

Kunst solle anregen, nicht gefallen. Sie halte der Gesellschaft einen Spiegel vor. »Jeder von uns könnte ausgestoßen werden«, sagt Schäuble. Die Ausstellung halte ein Plädoyer dafür, mehr zu streiten als auszugrenzen. Sie mahne alle, sich selbst zu fragen, wo man sei.

VERANTWORTUNG »Adam, wo bist du?« – diese titelgebende Frage, die Gott im Paradies an Adam richtet, der Gottes Verbot überschritten hat, sei die Frage nach der menschlichen Verantwortung für Gut und Böse. »Wir haben die Gesetze ja am Berg Sinai bekommen, beispielsweise, wir sollen nicht töten. Nun ist es an uns, sie einzuhalten«, sagt die Künstlerin, die vor zehn Jahren zum ersten Mal die Idee für dieses Projekt hatte.

Im vergangenen Sommer wurde die Ausstellung zum ersten Mal im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München gezeigt. »Menschen wurden und werden aufgrund ihrer Identität vertrieben, verbannt und vernichtet. Mir geht es um die existenziellen Fragen: Bin ich frei, meine Identität selbst zu bestimmen, oder wird sie mir auferlegt? Verhalten sich die Menschen solidarisch, wenn jemand ausgegrenzt und verfolgt wird?« Diese Themen seien für sie als Tochter von Schoa- Überlebenden und als Künstlerin, die 1961 in München geboren wurde, wichtig.

Als Kooperationspartner hat das Drei-Religionen-Projekt House of One das Vermittlungsprogramm der Ausstellung mitgestaltet.

Die Installation sei ein »Leuchtturmprojekt« dieses Jahres, betont Andrei Kovacs, Geschäftsführer des Vereins »321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«. Anlässlich des Festjahres »1700 Jahre« kam die Ausstellung nun nach Berlin – womit für die Künstlerin ein Traum in Erfüllung ging.

Fast 2000 Veranstaltung finden in diesem Jahr statt, und was Kovacs besonders freue, sei die Tatsache, dass sich jüdische Gemeinden mit nichtjüdischen Einrichtungen vernetzen und gemeinsam etwas auf die Beine stellen. »Heute stehen Juden nicht mehr allein da«, meint er. Aber auch: »Nur in einer pluralistischen Gesellschaft hat jüdisches Leben eine Zukunft.«

HOUSE OF ONE Pfarrerin Corinna Zisselsberger von St. Petri – St. Marien verwies auf die braune Vergangenheit der Gemeinde der Parochialkirche, die heute ein Ausstellungsort ist. »Wir können die Schuld nicht ungeschehen machen. Es ist uns ein großes Anliegen, mit aller Kraft gegen den Antisemitismus zu kämpfen.« Die Frage »Adam, wo bist du?« erinnere sie an die Verantwortung der Menschen.

Wegsehen sei keine Option. Jesus habe als Jude gelebt und sei als Jude gestorben. Die Menschen zusammenzubringen, sei auch das Ziel des »House of One«. Als Kooperationspartner hat das Drei-Religionen-Projekt das Vermittlungsprogramm der Ausstellung mitgestaltet.

ELEKTROKOMPONIST Welche Musik hört man auf den Weg in den Tod? Der französische Elektrokomponist Philippe Cohen Solal hat sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt und sich um eine Antwort bemüht. Sie soll die Tragödie und Resilienz menschlicher Existenz symbolisieren.

Am Ende der Führung sagt Wolfgang Schäuble, dass ihn die Ausstellung sehr berührt habe, die Musik habe die Wirkung noch weiter verstärkt. Er wünsche dem Projekt ein nachdenkliches Publikum, mit vielen Anregungen und Erkenntnissen.

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