Porträt der Woche

Ein Kibbuznik im Allgäu

»Ich liebe dieses Gefühl. Es ist einfach viel stärker und echter als bei einer Meditation«: Tal Niv (39) unterwegs in den Bergen Foto: Karl Gabl

Mein Leben ist auf einer Reihe von Zufällen aufgebaut. Hätte mir vor 20 Jahren jemand gesagt, es würde eines Tages mein Beruf sein, Menschen durchs Gebirge zu führen – ich hätte es nicht geglaubt. Als Kind spürte ich zwar schon so etwas wie einen Ruf der Berge, aber Erfahrungen damit, zum Beispiel an den hohen Wänden der Alpen, hatte ich als Jugendlicher nicht gesammelt. Und hätte mir vor zehn Jahren einer gesagt, dass ich später einmal in Deutschland leben würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Wieso Deutschland? Ich kannte dort niemanden und konnte die Sprache nicht.

Aber es ist genau so gekommen: Ich bin staatlich geprüfter Berg- und Skiführer – der erste mit israelischem Pass –, und ich lebe im Allgäu, südlich von Kempten in einem kleinen Weiler, in dem es mehr Kühe als Menschen gibt.

Kindheit Ich wurde vor 39 Jahren in der israelischen Wüste geboren. In einem Kibbuz in der Nähe des Gazastreifens habe ich mit meinen drei Geschwistern und den Eltern die ersten Jahre verbracht. Ein Kibbuz ist ein Paradies für Kinder: sehr grün, mit vielen Tieren und immer jemandem zum Spielen. Später zogen wir nach Norden in den Galil. Wir haben dort in einem Dorf ziemlich genau in der Mitte zwischen Tiberias und Haifa gelebt. Nach dem Militärdienst habe ich in Jerusalem studiert: Internationale Beziehungen, Arabisch und die Geschichte des Nahen Ostens.

Ich hätte in einem Ministerium anfangen können oder bei einem internationalen Konzern, doch eine Reihe merkwürdiger Weichenstellungen brachte mich in die Berge. Zwischen dem Militärdienst und dem Beginn meines Studiums war ich in Neuseeland. Die Berge zogen mich magisch an. Es war eine unglaubliche Faszination, die sie auf mich ausübten. Ich machte einen Bergsteigerkurs, lernte, mit dem Seil umzugehen und mich mit Steigeisen auf einem Gletscher zu bewegen. Ich habe dann verstanden, dass ich, um auch im Winter Berge besteigen zu können, Skifahren lernen muss. Dann kam der Winter, ich war noch in Neuseeland, und ich nahm auf dem Weg in ein Skigebiet einen Tramper mit. Wie es der Zufall will, war er Skilehrer. Mit ihm machte ich wenige Tage später meine ersten Schwünge am Hang.

Die Berge hatten mich gefangen. Irgendwann empfand ich nur mehr in den Bergen ein Heimatgefühl. Während des Studiums nutzte ich jede Gelegenheit, um an einen Fels zu kommen oder irgendwohin zu fliegen, wo es Berge gibt. Ich hätte fast alles gemacht, um in die Berge zu kommen. Ein Jahr lebte ich in den kanadischen Rockies. Weil meine Sehnsucht nach den Bergen so groß war, überlegte ich sogar, nach Kanada auszuwandern und dort als Gärtner zu arbeiten.

Vielleicht sollte ich erklären, was mich an den Bergen fasziniert: Ich habe jahrelang versucht, mit Meditation ruhig und zufrieden zu werden – aber das ist mir nicht gelungen. Zur Ruhe gekommen bin ich erst in den Bergen. An steilen Felswänden und auf ausgesetzten Graten ist ganz klar, was du machen darfst und was du tunlichst nicht machen solltest. Du lebst den Moment, fühlst, dass du lebst. Du bist genau dort, wo du bist. Und auf einmal spürst du eine innere Ruhe. Ich liebe dieses Gefühl. Es ist einfach viel stärker und echter als bei einer Meditation. Da ist es auch völlig egal, wo ich unterwegs bin – ob im Allgäu oder im Frankenjura, in den Alpen oder in den Rocky Mountains.

Eisklettern Einmal bin ich mit einem Freund nach Frankreich gefahren. Er wollte in La Grave Eisklettern. Ich war ziemlich niedergeschlagen, ohne Antrieb. Da machte ich meinen ersten Schlag mit dem Eisgerät, die Spitzen der Steigeisen im Eis, die Fersen in der Luft, und plötzlich war es wieder da, dieses Heimatgefühl. Aus meiner Depression wurde Euphorie.

Bei diesem Aufenthalt in La Grave gab es dann wieder so eine zufällige aber wichtige Begegnung mit wegweisenden Auswirkungen: Ich traf einen jüdischen Südafrikaner, der seine Bergführerausbildung in den USA gemacht hatte. Noch während des Gesprächs wurde mir klar, dass ich Bergführer werden möchte. Zunächst dachte ich, wegen der Sprache sollte ich dafür nach Großbritannien gehen. Die hätten mich dort auch genommen.

Aber – Achtung, Zufall! – ich traf bei einem Kletter-Event in Wales Max Bolland, einen Bergführer aus Oberbayern. Der lud mich zu sich nach Hause ein. Blindes Vertrauen trieb mich nach Deutschland. Ich flog mit 70 Kilo Gepäck nach München und wusste nicht, ob Max mich abholen würde. Doch auf Max ist Verlass. Er wartete am Flughafen auf mich, und Max war es auch, der mich überredete, am Auswahltest für die Bergführerausbildung in Deutschland teilzunehmen. Ich bestand. Und ich blieb – obwohl es da ein grundlegendes Problem gab, das gegen die Ausbildung in Deutschland sprach: Ich konnte die Sprache nicht.

Englisch
Also machte ich einen Sprachkurs beim Goethe-Institut. Und dann begann die dreijährige Ausbildung. Das mit der Sprache war am Anfang ein ziemliches Problem. Die anderen Bergführer-Aspiranten sprachen breitestes Bayerisch, und ich war trotz Deutschkurs ein ziemlicher Anfänger. Mit den Englischkenntnissen war es bei den anderen nicht so weit her. Doch ich hatte Glück. Zu meinem Kurs gehörte auch eine Frau: Heidi Harder. Sie war ein Jahr in Australien gewesen, konnte also sehr gut Englisch und übersetzte für mich die wesentlichen Inhalte. Aus der Freundschaft wurde mehr. Längst lebe ich bei Heidi im Allgäu. Die Sprache ist kein Thema mehr. Wenn man hier auf dem Land leben und überleben will, dann muss man Deutsch können.

Die ersten Jahre im Allgäu waren wirklich sehr anspruchsvoll. Ich hatte lange Zeit kein Heimatgefühl. Fast alle Freunde habe ich durch meine Freundin kennengelernt. Eigentlich waren es ihre Freunde, und ich kam dazu. In dieser Zeit habe ich manchmal darüber nachgedacht, was wohl sein würde, wenn wir nicht zusammenbleiben.

Mittlerweile fühle ich mich in Deutschland und im Allgäu, wo ich seit nunmehr fünf Jahren lebe, sehr wohl. Ich kenne den Menschenschlag besser, und daher habe ich auch meine Erwartungen etwas heruntergeschraubt: Ich verstehe, dass es sehr lange dauert, bis man akzeptiert wird. Doch ich habe den Eindruck, dass ich als Ausländer im Allgäu bessere Karten habe als jemand, der aus Norddeutschland zugezogen ist, denn ich bin ganz bestimmt kein »Preiß«.

Bergsteigerschule Natürlich vermisse ich meine Familie und meine Freunde. Aber wieder zurück nach Israel zu gehen, das kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Ich habe hier im Allgäu eine Bergsteigerschule aufgebaut. Sie heißt Harim. Das ist das hebräische Wort für »Berge«. Ich habe viele Gäste aus Israel. Im Sommer ist es der überwiegende Teil, im Winter rund ein Drittel. Israelis suchen mehr und mehr echte alpine Erlebnisse. In Frankreich, Italien, in der Schweiz oder auch in Österreich bin ich dann teilweise sogar mit ganzen Familien aus Israel eine Woche unterwegs.

Mont Blanc, Gran Paradiso, Monte Rosa, Großglockner – was meine Gäste wollen, versuche ich, für sie möglich zu machen. Das ist manchmal nicht einfach, vor allem dann, wenn sie orthodox sind. Berghütten sind nämlich nicht auf Gäste eingestellt, die koscher essen wollen. Es ist in den Bergen nicht einfach, sich an die Speisevorschriften zu halten. Es gibt im ganzen Alpenraum keine einzige Hütte, die koscher geführt wird oder auf der es wenigstens eine koschere Mahlzeit gibt. Einmal bin ich mit einem orthodoxen Gast am Mont Blanc gewesen. Da haben wir das Essen in Dosen mitgenommen.

Ich mag es, Gästen aus Israel die Alpen zu zeigen. Umgekehrt fahre ich aber auch mit Gästen aus Deutschland in den Nahen Osten. Seit vier Jahren biete ich Reisen ins Wadi Rum in Jordanien an – eine unglaublich schöne Reise, bei der auch Weitgereiste, Expeditionsbergsteiger und Bergführerkollegen regelmäßig überwältigt sind von der Schönheit der Landschaft.

Für mich ist Bergsteigen mehr als ein Hobby, das ich zum Beruf gemacht habe. Einem Hobby geht man in der Freizeit nach. Ich schaffe mir aber bewusst Zeit für das Bergsteigen – es ist mein Lebensstil. Auch wenn es viele Zufälle waren, die mich in die Berge gebracht haben, bin ich sehr froh, dass alles so gekommen ist. Es ist ein Geschenk. Ich bedauere nichts.

Aufgezeichnet von Stephanie Geiger

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