München

Ein Fundament der Gemeinde

In der Synagoge an der Reichenbachstraße schlug von 1947 bis 2006 das religiöse Herz der Israelitischen Kultusgemeinde. Foto: Stadtarchiv München, FSSTB-1004

Am 15. September soll es so weit sein. Dann wird die Synagoge Reichenbachstraße nach jahrelangen Restaurationsarbeiten feierlich neu eröffnet. Für die Israelitische Kultusgemeinde ist das ein ganz besonderer Moment. Denn einerseits war es das einzige jüdische Gotteshaus in München, das die Pogromnacht von 1938 und den Zweiten Weltkrieg – wenn auch stark in Mitleidenschaft gezogen – überstand. Zum anderen sollte die Synagoge über Jahrzehnte hinweg religiöser und sozialer Mittelpunkt der 1945 wiedergegründeten Gemeinde sein. Die Wiedereröffnung lässt bei manchen auch alte Erinnerungen wachwerden.

Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) und kennt die Synagoge Reichenbachstraße seit der Wiedereröffnung nach dem Holocaust.

Die Reichenbachstraße war für mich, nach der alten Hauptsynagoge, die zweite Synagoge in meinem Leben. Nach dem Krieg und all der Zerstörung war es wie ein Wunder, dass in München nach der NS-Zeit überhaupt die Mauern eines jüdischen Gebetsorts stehengeblieben waren. Die Wiedereinweihung 1947, zu einer Zeit als die Stadt noch in Trümmern lag, war für die jüdische Gemeinschaft ein Moment der Selbstbehauptung: Wir hatten überlebt! Trotzdem hätte damals niemand gedacht, dass die Reichenbachschul nahezu 60 Jahre lang in Betrieb bleiben würde. Fast alle wollten ja weg aus Deutschland, wir sahen das Gebäude deshalb als Ausrufezeichen für die Gegenwart und nicht als Fundament für eine jüdische Zukunft in München.

Das hat sich bekanntlich geändert. Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Hochzeit in der Synagoge, 1951 war das. Das war der schönste Tag in meinem Leben, aber zugleich auch eine Art Abschied von Deutschland und Europa, denn eigentlich wollten wir kurz danach nach Amerika auswandern. Dazu kam es dann doch nicht. Ich habe die besondere Atmosphäre in der Reichenbachstraße deshalb noch sehr lange erleben können, bis zum Umzug an den Jakobsplatz 2006. Es ist großartig, dass wir jetzt ein neues Kapitel in der Geschichte dieses besonderen Hauses aufschlagen!

Ariel Kligman war viele Jahre Mitglied des Vorstandes sowie von 2016 bis 2021 Vizepräsident der IKG.

Als ich mit meiner Familie 1992 nach München kam, war die Synagoge in der Reichenbachstraße die erste »richtige« Synagoge in unserem Leben. In der Sowjetunion hatten wir so etwas ja nicht. In Kyjiw gab es bis zu 100.000 Juden und nur eine kleine Synagoge – und die wurde von der Polizei beobachtet. Da hat man sich nicht wohlgefühlt, wenn man hingegangen ist. Ein besonderer Moment war es dann in München, als mir Rabbiner Itzchak Ehrenberg bestätigt hat, dass ich ein Kohen bin. Grundlage dafür war ein Brief, den mir mein gottseliger Großvater zu meinem ersten Geburtstag auf Hebräisch und Russisch geschrieben hatte. Er hat mir mit dem dreimaligen Segen der Kohanim gratuliert. Seitdem spreche ich den Birkat Kohanim.

Ich erinnere mich auch, dass ich ein paar Jahre später bei der feierlichen Zeremonie zur Fertigstellung einer neuen Torarolle mit dem Sofer einen der letzten Buchstaben schreiben durfte. Eine große Ehre, genauso wie die, als ich bei der Eröffnung der neuen Hauptsynagoge Ohel Jakob am 9. November 2006 nach dem Abschiedsgottesdienst in der Reichenbachstraße eine der Torarollen in einem feierlichen Zug über den Gärtnerplatz zum Jakobsplatz tragen durfte.

Leo Rosenkind erlebte seine Barmizwa unmittelbar nach dem Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Reichenbachstraße vom 13. Februar 1970.

Im Grunde war es ein Wunder und nur der Stärke und Beharrlichkeit meiner Eltern sowie der damaligen Gemeindemitglieder zu verdanken, dass meine Barmizwa überhaupt in der Reichenbachstraße stattgefunden hat. Am Abend vorher war der Brandanschlag auf das Altenheim im Vordergebäude verübt worden. Dabei sind sieben Menschen ums Leben gekommen. Als wir in die Reichenbachstraße kamen, herrschte dort Chaos: Alles war abgesperrt, die Luft roch nach Rauch, überall Polizei. Während ich noch draußen wartete, ist es meinem Vater gelungen, die Polizei zu überzeugen, dass man eine Barmizwa nicht verschieben kann und dass wir sie dann mit wenigen Anwesenden und Rabbiner Hans Isaak Grünewald quasi im Schnelldurchlauf erledigen durften. Wir sind rein in die Synagoge, ich habe meinen Toraabschnitt gelesen, und dann sind wir wieder raus. So schnell haben wir noch nie gebetet.

An eine festliche Veranstaltung mit Familie, Gästen, die zum Teil aus dem Ausland angereist waren, und anschließendem Kiddusch war unter diesen Umständen nicht zu denken – das große vorbereitete Buffet war natürlich auch vernichtet. Aber die Barmizwa-Feier, die meine Mutter vorbereitet hatte, fand am Abend wie geplant bei uns zu Hause statt. Meine Mutter hat alles getan, damit ich diesen Tag auch in guter Erinnerung behalte.

Jakob Alfred war einer der letzten jungen Männer, die im Jahr 2006 vor der Einweihung der neuen Hauptsynagoge Ohel Jakob ihre Barmizwa in der Synagoge in der Reichenbachstraße feierten.

Ich erinnere mich, dass ich bei meiner Barmizwa sehr aufgeregt war. Beim Singen des Anim Zemirot erzeugte die Akustik einen Halleffekt, und es herrschte eine besondere Atmosphäre. Aber ich war nicht nur wegen der Barmizwa aufgeregt, sondern auch, weil die Eröffnung der Synagoge am Jakobsplatz bevorstand. Es war die Aufregung, dass jetzt etwas Neues kommt. Die Synagoge in der Reichenbachstraße war damals zu klein, sie gab einem das Gefühl von etwas Älterem, und den neuen Input mit dem Jakobsplatz hat es auf jeden Fall gebraucht. Ich war froh, dass der Jakobsplatz so prominent ist und hervorsticht.

Die Synagoge in der Reichenbachstraße war dagegen viel unscheinbarer. Aber gerade deshalb gehörte sie auch viel mehr dazu, sie war ein wirklicher Teil des Stadtviertels. Wenn die Sonne schien, die Menschen am Gärtnerplatz saßen, das Theater um die Ecke gut besucht war, dann befand sich die Synagoge einfach mittendrin. Und in der Synagoge herrschte eine andere Intimität. Ich erinnere mich besonders an den Hinterhof und den kleinen Seitenhof, wo die Kinder und Jugendlichen in den Pausen zum Reden zusammenkamen. Ich bin gespannt, wie die Synagoge jetzt aussieht, was sich verändert hat und ob sie ihren Charme von damals behalten konnte.

Aufgezeichnet und zusammengestellt von Luis Gruhler

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