Porträt der Woche

Ein Erfolgsrezept

»Glück liegt nicht nur im Weiterkommen«: Esther Tscherniak (30) aus Berlin Foto: privat

Porträt der Woche

Ein Erfolgsrezept

Esther Tscherniak leitet zwei Apotheken, ist Influencerin – und entschleunigt bewusst

von Lorenz Hartwig  07.06.2026 06:42 Uhr

Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, ziehe ich es auch durch. Das heißt nicht, dass mir alles sofort gelingt. Aber wenn etwas nicht funktioniert, ändere ich meine Strategie und suche mir einen anderen Weg. Aufgeben war nie mein erster Impuls. Erst wenn ich wirklich alles versucht habe und merke, dass es nicht klappt, akzeptiere ich einen Rückschlag. Diese Einstellung begleitet mich schon mein ganzes Leben.

Ich bin in der jüdischen Bubble Berlins aufgewachsen. Mit allem, was dazugehört: Kindergarten der Gemeinde, später die jüdische Grundschule. Machanot waren selbstverständlich. Meine Batmizwa habe ich bei Rabbiner Chaim Rozwaski in der Synagoge in der Pestalozzistraße gefeiert. Nach einem Umweg über ein staatliches Gymnasium bin ich für das Abitur auf die jüdische Oberschule gewechselt. Und jetzt kann ich es ja verraten: nicht aus religiöser Überzeugung, sondern weil ich dachte, dort meinen Schnitt ein bisschen aufzupolieren.

So richtig über die Zukunft nachgedacht habe ich dann ab der elften Klasse. Mir war klar: Chemie und Bio machen mir Spaß, aber was mache ich daraus? Medizin war kurz in meinem Kopf, aber ich wusste auch, dass ich da wahrscheinlich nicht reinkomme. Mein Vater riet mir, etwas zu studieren, bei dem am Ende ein Beruf herauskommt. Du kannst machen, was du willst, hat er gesagt, aber es muss etwas Handfestes sein.

Nach längerem Grübeln entschied ich mich, Pharmazie zu studieren. Mein Vater war überrascht – allerdings im besten Sinne. Denn plötzlich erzählte er mir, dass auch meine Uroma Esther, nach der ich benannt bin, Apothekerin war. Eigentlich wollte ich nach dem Abitur erst einmal ein Jahr pausieren, ein bisschen rauskommen, vielleicht etwas Soziales machen. Mein Vater sah das anders. Für ihn stand fest, dass ich direkt studiere.

Sechs Jahre lang hieß es vor allem: lernen, lernen, lernen

Schon in der Schule saß ich eher über den Büchern, als Dinge schleifen zu lassen. Dass mich diese Haltung nicht davor bewahren würde, das Pharmaziestudium zeitweise als reine Hölle zu erleben, ahnte ich damals noch nicht. Sechs Jahre lang hieß es vor allem: lernen, lernen, lernen. Von früh am Morgen bis spät in die Nacht. Irgendwann schloss ich die Bibliothek morgens selbst auf und abends wieder zu. Mit viel Ausdauer ging es so bis zum dritten Staatsexamen. Als die 1,0 feststand, fiel jahrelanger Druck von mir ab.

Danach dachte ich: Jetzt aber. Ich plante eine fünfmonatige Reise, wollte hinaus in die Welt, den Kopf frei bekommen und mit Blick aufs Meer überlegen, wo ich beruflich hinwill. Doch nach anderthalb Monaten durchkreuzte Corona meine Pläne.

Der erste Job als angestellte Apothekerin war dann leider gar nicht meins. Ich dachte, wenn das mein Leben sein soll, schlafe ich sofort ein. Zum Glück lernte ich die Vertreterin einer Mikronährstoffmarke kennen und merkte sofort, dass mich das Thema brennend interessiert. Ich wollte verstehen, welche gesundheitsfördernden Stoffe wir dem Körper zuführen können – ohne gleich auf Arzneimittel zurückzugreifen.

Nach dem Studium plante ich eine fünfmonatige Reise – doch da kam Corona.

Also entschied ich mich, noch einmal eine private Universität zu besuchen und einen Master in Mikronährstofftherapie und Regulationsmedizin anzuschließen. Im Rahmen meines zweiten Studiums tauchte ich tiefer in die Biochemie des Menschen ein. Ich lernte, mithilfe moderner Analyseverfahren Defizite bei Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und bioaktiven Substanzen wie Omega-3-Fettsäuren zu erkennen.

Mich interessierte, welche Rolle diese kleinsten Bausteine in der Gesundheit und im Zusammenspiel des gesamten Organismus einnehmen.

In Verbindung mit meinem pharmazeutischen Hintergrund konnte ich Wirkmechanismen wirklich verstehen und mir ein deutlich fundierteres Wissen aneignen als viele selbst ernannte Gesundheits-Influencer, die Nahrungsergänzungsmittel im Rahmen von Werbedeals anpreisen und dabei oft eher Halbwissen verbreiten. Ungefähr zur selben Zeit nahm auch der Longevity-Hype Fahrt auf. Auf Instagram hielten plötzlich alle ihre Oura-Ringe in die Kamera und erklärten, mit welchen Hacks sich ein längeres, gesünderes Leben erreichen lasse.

Ich schrieb Bewerbungen an die großen Player der Branche

Körperdaten wurden getrackt, Bedürfnisse vermessen, und parallel wuchs der Markt für Supplements rasant. Dort wollte ich hin. Also schrieb ich Bewerbungen an die großen Player der Branche. Ich bekam die Zusage, bei einer Topmarke für Omega-3-Produkte als Vertreterin anzufangen, und ich arbeitete dort drei Jahre lang sehr erfolgreich. Aber irgendwann dachte ich mir, da geht noch mehr.

Meine Mutter brachte mich auf die Idee, die Apotheke einer Freundin zu übernehmen. Ich nutzte die Chance und begann zunächst, dort zu arbeiten, um wieder in die Abläufe hineinzufinden. Zum Kauf kam es am Ende zwar nicht – doch der Weg in die Selbstständigkeit war damit für mich eröffnet. Dann brachte mein Freund die Idee ins Spiel, Apotheke ganz neu zu denken, mit meinem Fokus auf Longevity.

Unsere Vision nahm schnell Gestalt an, aber uns fehlte der passende Ort. Ein Portal für Apothekenkäufe gab es nicht. Also machten wir es auf die altmodische Art. Wir suchten sämtliche Apotheken in Berlin heraus, konzentrierten uns auf Charlottenburg, Wilmersdorf, Zehlendorf, Steglitz und Mitte. Ich schrieb 71 persönliche Briefe an die Inhaber. Sinngemäß: Hallo, ich bin Esther Tscherniak, denken Sie über Ruhestand nach oder hätten Sie Lust auf Austausch?

Es meldeten sich rund zehn zurück. Manche wollten gar nicht verkaufen, fanden den Ansatz aber mutig und gaben mir Tipps. Andere waren offen für Gespräche. Einer dieser Briefe landete bei einem Apothekenberater. Er sagte mir, so etwas habe er noch nie erlebt – gleich mehrere seiner Kunden hätten ihm meinen Brief gezeigt. Er kannte den Markt, ich mein Ziel. Gemeinsam fanden wir heraus, welche Standorte Potenzial hatten.

Seit einiger Zeit feiere ich den Schabbat ganz bewusst als digitale Pause.

Besonders spannend war eine Straße, in der gleich mehrere Apotheken dicht nebeneinander lagen. Nach vielen Gesprächen, einigen Wendungen und mancher Nervenprobe übernahm ich im November 2024 die Apotheke am Olivaer Platz. Im März 2025 kam nur wenige Meter entfernt eine zweite Filiale dazu.

Für beide Standorte haben wir ein eigenes Konzept entwickelt. Am ersten biete ich neben dem klassischen Sortiment alles rund um das Thema Longevity an. Bei uns finden Kunden eine große Auswahl an Mikronährstoffen, wir setzen zudem auf moderne Labordiagnostik und eine präventive Sauerstofftherapie (IHHT). Der zweite Standort konzentriert sich auf den Verkauf von medizinischem Cannabis.

Hier sind wir mit rund 1500 Bestellungen pro Tag bereits unter den Top 5 in Deutschland. Parallel habe ich einen Instagram-Kanal aufgebaut, dem mittlerweile über 80.000 Menschen folgen. Hier poste ich Content zum Thema Mikronährstoffe und ordne neue Produkte und Trends aus der Perspektive einer Apothekerin ein.

Morgens starte ich ohne Nachrichten und Reize von außen in den Tag

Das klingt nach viel Arbeit – und das ist es auch. Gerade deshalb ist mir ein Ausgleich wichtig. Erfolg ist schön, aber ohne Gesundheit wertlos. Seit einiger Zeit feiere ich deshalb den Schabbat ganz bewusst als digitale Pause. Ich bin bis Samstagabend offline und kommuniziere das auch mit der Community. Dann schließe ich die offenen Tabs der Woche und verbringe Zeit mit meinen liebsten Menschen. Ein bisschen Entschleunigung versuche ich auch in den Alltag zu integrieren. Ich habe meine eigenen Rituale gefunden: abends lesen, Tee trinken, meine Supplemente nehmen, herunterkommen. Morgens starte ich ohne Nachrichten und Reize von außen in den Tag.

Zeit für mich selbst zu haben, ist mein wahrer Luxus. Finanzielle Unabhängigkeit und die Freiheit, mein Leben so zu gestalten, wie es mir guttut, komplettieren alles. Und wenn ich mir heute etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich es noch immer durch – nur dass ich inzwischen weiß, dass mein Glück nicht nur im Weiterkommen liegt, sondern auch darin, Momente der Ruhe zu finden.

Aufgezeichnet von Lorenz Hartwig

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  28.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026

Israeltag

Wenn Freunde feiern

Rund 2000 Münchnerinnen und Münchner kamen auf dem Odeonsplatz zusammen, um ihre Solidarität mit dem jüdischen Staat zu demonstrieren

von Ellen Presser  27.06.2026

Porträt der Woche

Einfach sie selbst

Hannah Kruse ist Lehrerin, engagiert sich politisch und lebt seit ihrer Transition als Frau

von Alicia Rust  27.06.2026

Glosse

Danke, Felix!

Acht Jahre lang hat Felix Klein die wohl anstrengendste Religionsgemeinschaft dieser Welt ertragen. Nun scheidet er aus dem Amt. Eine etwas andere Würdigung

von Leeor Engländer  27.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026