Porträt der Woche

»Durch Musik ins Gespräch«

»Als Israeli erkenne ich an der Kriegssituation vieles wieder«: Alon Wallach (41) aus Stuttgart Foto: Gilad Bar-Shalev

Porträt der Woche

»Durch Musik ins Gespräch«

Alon Wallach spielt sefardische Lieder und bringt sich im interreligiösen Dialog ein

von Brigitte Jähnigen  13.03.2022 08:39 Uhr

Können Juden, Christen und Muslime miteinander Abendmahl feiern? Das fragten wir uns anlässlich des Reformationsjubiläums beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 in Berlin.

Wir, das sind Mitglieder des Vereins Trimum. Religionsübergreifend singen wir gegen Lockrufe und Hassgesänge an, die ihren Glauben oder Unglauben mit einem »Rechthaben um jeden Preis« verwechseln und Fremdheit für etwas Bedrohliches halten. Oder die nur noch das Gewaltpotenzial der Religionen sehen können und vor ihrem Friedenspotenzial, ihrer Schönheit und ihrem Reichtum die Ohren verschließen.

Der interreligiöse und interdisziplinäre Ansatz von Trimum ist europaweit einmalig. Jüdische, christliche und muslimische Musikerinnen und Musiker, Theologinnen und Kantoren, Wissenschaftlerinnen und Komponisten entwickeln gemeinsam Konzepte und Veranstaltungsformate für ein friedliches und konstruktives Miteinander der Religionen.

Lehrhaus Auch deshalb wurde unser Thementag Interreligiöses Singen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 gefördert durch das Bundesministerium des Innern, unser Chor- und Liederbuch durch die Stiftung Stuttgarter Lehrhaus, die Veranstaltung »Singen und Schmecken – ein Fest der Verschiedenheit« beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 durch die Stiftung Apfelbaum.

Ob diese Religion oder jene Menschengruppe zu Deutschland gehört, war nie die Frage. Wo man hinschaut, ist Unfrieden. Immer neue Nachrichten, die von religiösen Spaltungen, Gewalt und Intoleranz berichten. Deshalb zelebrieren wir Vielfalt und machen Musik für Gläubige und Andersgläubige.

Was als zeitlich begrenztes Stuttgarter Regionalprojekt unter den Fittichen der Stuttgarter-Bach-Akademie begann, ist zu einer bundesweiten Bewegung geworden.

Die kulturelle und religiöse Vielfalt ist vielleicht Deutschlands größte Stärke.

Doch was war eigentlich los bei »Singen und Schmecken«? Was haben die Teilnehmer erlebt? Drei zentrale religiöse Feiern begegneten sich in einem gemeinsamen Gottesdienst.

Ein jüdischer Kantor begrüßte mit der traditionellen Kabbalat-Schabbat-Liturgie den Schabbat. Protestantische Christinnen und Christen feierten Abendmahl. Musliminnen und Muslime verrichteten das islamische Abendgebet. Unterschiede wurden klar benannt; die jeweils Andersgläubigen genossen im Rahmen der theologischen Möglichkeiten ein begrenztes Gastrecht. Sie feierten mit, ohne alles teilen zu können. Chor, Solisten und Ensemble von Trimum gestalteten ein Musikprogramm. Es zeigte das Verbindende wie auch Grenzen, sogar Unvereinbares. Und am Ende begegneten sich alle bei einem interkulturellen Gastmahl.

WERTSCHÄTZUNG Teilnehmende und Presse äußerten sich positiv. »Unterschiede werden nicht verwischt, sondern in ihrer traditionellen Form belassen, also bewusst betont – und doch werden Gemeinsamkeiten aufgezeigt«, war da zu lesen. Die gegenseitige Wertschätzung – das war, was alle spürten.

Als ich entschieden hatte, Musik zu studieren, empfahl mir mein Lehrer in Israel, nach Deutschland zu gehen, wenn ich meine speziellen Vorstellungen umsetzen wollte. Er nannte mir den Namen Ihsan Turnagöl. Dieser war damals Dozent an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart.

Ich kam 2002 nach Stuttgart, lernte sechs Monate Deutsch, bestand die Aufnahmeprüfung und studierte klassische Gitarre, Gehörbildung und Musiktheorie. Zwei Jahre vorher war von hiesigen Musikern das Ensemble »Asamblea Mediterranea« für sefardische Musik gegründet worden. 2005 übernahm ich die Leitung. Wir hatten viele Konzerte, brachten CDs heraus und waren damit sehr erfolgreich. Ensembles für Klezmer gab es schon damals wie Sand am Meer, aber wenige Ensembles für sefardische Musik aus Spanien, Portugal oder den arabischen Ländern.

festjahr Anlässlich des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« wandte sich der Zentralrat der Juden in Deutschland an mich.

Die Frage war: Welche Musik und welches Wissen über diesen enormen Zeitraum wollten wir unseren Zuhörern zeigen? Ich hatte dann auch Kontakt mit Hervé Roten. Er ist Direktor des Europäischen Instituts für jüdische Musik in Paris. Das Institut hat weltweit eine der größten Sammlungen von Schabbatgesängen aus Äthiopien, Algerien, Marokko und Tunesien.

Jüdische Künstler haben oft den Stil ihrer Umgebung angenommen. Ich traf auch Professor Karl Erich Grözinger, damals Professor für Religionswissenschaften und Jüdische Studien an der Universität Potsdam, um mich von ihm beraten zu lassen.

tradition Wir waren natürlich immer darauf bedacht, jüdische Musik und jüdische Tradition so schön wie möglich zu präsentieren. In den vergangenen Jahren jedoch wurde die Musik für mich ein Mittel, gesellschaftliche Themen anzusprechen.

Salomone Rossi (etwa 1570–1630) zum Beispiel war einer der wenigen jüdischen Komponisten, die eine Anstellung an einem Hof des antisemitischen Italien erlangten. Ein Ghetto für die Juden, Ausgangssperren und eine gelbe Kennzeichnung gehörten schon damals zum Alltag dieser Zeit.

Auch in der Musikgeschichte wurde Rossi lange seines Namens wegen als Italiener, aber nicht als Italiener mit jüdischem Glauben geführt. In diesem Programm, das wir anlässlich des Festjahres vorbereitet hatten, thematisieren wir insgesamt die ambivalenten Beziehungen der Juden zu ihren nichtjüdischen Nachbarn in Europa. Auf der einen Seite stehen Jahrhunderte der kulturellen Blüte in Spanien und im Mittelmeerraum mit einer fast unerschöpflichen Quelle an Liedern und Texten. Auf der anderen Seite die Erfahrung von Rassismus, Unterdrückung bis zum Völkermord.

Meine Verbindung zu Israel ist sehr stark. Meine Familie lebt da, aber auch in Australien und den USA.

Auch dieser Teil der jüdisch-europäischen Geschichte hat Spuren in der Musik hinterlassen, die als klingendes Mahnmal wirkt. Das Programm soll für eine tolerante, kulturell und religiös bunte und friedliche Welt werben. So habe ich den Denkansatz von Trimum – mit der Kunst gesellschaftliche Themen anzusprechen – auch in die Ensemblearbeit übernommen.

FAMILIE Geboren bin ich 1980 in Jerusalem. Als ich drei Wochen alt war, nahm mich meine Familie mit nach New York. Von der ersten bis zur fünften Klasse besuchte ich eine orthodoxe Schule in Jerusalem. Meine Eltern waren nicht praktizierend religiös, wollten aber, dass wir Kinder mit jüdischen Traditionen aufwachsen. Später besuchte ich eine internationale Schule in Bern. Das Abitur absolvierte ich wieder in Israel. Ebenso auch meinen Militärdienst.

Meine Verbindung zu Israel ist sehr stark. Meine Familie lebt da, aber auch in Australien und den USA. In Deutschland erlebe ich mein Jüdischsein anders als in Israel. Dort Jude zu sein, ist selbstverständlich. Ich habe ein großes Netzwerk mit Musikern und guten Freunden aus vielen mit Israel verfeindeten Ländern wie Syrien, dem Iran oder aus Afghanistan. Dieses Interkulturelle ist ein Riesengeschenk.

In Deutschland bin ich alles andere als assimiliert. Ich bin integriert, wo es passt, an anderen Stellen sehr fremd. Deswegen thematisiere ich Heimatgefühl und Fremdsein in meiner künstlerischen Existenz. Es ist mein tägliches Leben.

UKRAINE Wenn ich den schrecklichen Krieg in Europa von außen beobachte, bin ich genauso ratlos und voller Sorge wie viele andere um mich herum. Ich kenne die Situation in der Ukraine und in Russland nicht. Aber als Israeli erkenne ich doch vieles wieder, denn Krieg hat viele Gemeinsamkeiten – egal, wo er stattfindet!
Eines kann ich aber mit Sicherheit sagen: Es gibt keine Kriege, weil die Bevölkerung sie will. Die große Mehrheit der Menschen will sie nicht.

In Deutschland mache ich Musik mit Menschen, die aus fast allen Ländern stammen, mit denen Israel verfeindet ist. Durch die Musik sind wir ins Gespräch gekommen, und durch das Gespräch sind wir Freunde geworden. Das sind Freundschaften, die im heutigen Israel nicht möglich wären.

Deswegen hoffe ich, dass die hiesige kulturelle und religiöse Vielfalt durch keinen Krieg infrage gestellt wird. Sie ist vielleicht Deutschlands größte Stärke.

Aufgezeichnet von Brigitte Jähnigen

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