Porträt der Woche

»Dreizehn Jahre sind genug«

Seltene Momente zwischen den Prüfungen: Sandra Brenner am Isarufer Foto: Christian Rudnik

Porträt der Woche

»Dreizehn Jahre sind genug«

Simone Brenner atmet auf, dass ihre Schulzeit bald vorbei ist

von Katrin Diehl  01.06.2010 17:07 Uhr

Bis jetzt war immer klar, wie der nächste Tag aussieht. Ich stand auf, ging zur Schule, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und jetzt? Soll plötzlich Schluss damit sein? Ja! Ab Mitte Juni bin ich frei. Wow. Ich bekomme Herzklopfen, wenn ich daran denke. Die letzten Tage waren hart, aber nicht zu hart. Wenn man in Klasse 12 und 13 nicht völlig den Anschluss verliert, wenn man versucht, irgendwie mitzukommen, dann ist das Abitur keine so große Sache. Der Stoff sitzt dann schon so einigermaßen. Aber lernen – dafür bin ich nicht der Mensch. Ich war nie die Spitzenschülerin, aber es war okay. Durch die Schulzeit bin ich relativ stressfrei gekommen.

Rhythmus Ein normaler Schultag sah bei mir so aus: Ich komme heim, esse etwas, und dann brauche ich erst einmal ein paar Stunden frei, das heißt, ich treffe mich mit Freunden, spiele Tennis und so. Am Abend lerne ich dann. Klingt nicht so schlau, aber anders geht es bei mir nicht. Und hat sich so ein Rhythmus erst einmal über Jahre eingespielt, dann lässt er sich kurz vorm Abitur auch nicht mehr ändern. War auch nicht nötig. Bisher ist alles recht gut gelaufen. Die schriftlichen Prüfungen habe ich hinter mir, in Mathe, Englisch und Jüdischer Religion. Erdkunde steht noch aus. Darin lasse ich mich mündlich prüfen.

Ich erinnere mich noch, wie ich in der 5. oder 6. Klasse zu den Großen hochgeschaut habe. »Wow, die sind bald fertig, die sind erwachsen«, habe ich gedacht. Und jetzt bin ich so weit. Aber ich muss sagen, so ganz groß und erwachsen fühle ich mich noch gar nicht. Klar, ich bin reifer geworden und spüre auch mehr Verantwortung für mich selbst, aber sonst …

Das Abitur und das ganze Drumherum habe ich mir anders vorgestellt. Ich habe gedacht, alles ist viel aufregender, viel mehr Nervosität in der Luft. Aber so war es nicht. Man hat seine Prüfung geschrieben und das war’s. Na ja, vor Mathe war ich schon ein bisschen gestresst, vor allem wegen Stochastik, und weil es eben die erste Prüfung war. Ist dann aber gut gelaufen.

Ruhe Wir Abiturienten haben uns über uns selbst gewundert, wie ruhig wir waren. Das Einzige, was uns nervös gemacht hat, war, dass wir nicht nervös waren. Alle hatten ihr Täschchen dabei. Schreibzeug war da natürlich drin, etwas zum Essen und Trinken, vielleicht ein Glücksbringer. Fast jeder hat erst mal sein Essen ausgepackt und vor sich hingestellt. Das gibt Sicherheit. Und die Zwei-Liter-Wasserflasche, von der ich dann maximal drei Schlucke getrunken habe. Bei einer Prüfung, ich glaube, es war in Mathe, war ich zwischendurch auch mal kurz panisch und wusste nicht mehr weiter, da habe ich in meinen Apfel gebissen, und dann ging es auch schon wieder.

In Religion habe ich so gehofft, dass ein Thema zur Familie drankommen würde. Wir durften uns ja eine von mehreren Aufgaben aussuchen. Ich blätterte und blätterte, mir wurde schon ganz schwach – aber dann, auf dem letzten Blatt: Fragen zur Familie. Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Es ging um die Stellung der Frau.

Es ist bei mir immer so: Ich schreibe eine Prüfung, und danach kann und will ich nichts mehr davon wissen. Erledigt. Vorbei. Warum ich Jüdische Religion als Prüfungsfach gewählt habe? Na ja, weil ich mich erstens gut kenne und weil ich zweitens praktisch denke. Im Gegensatz zum Grundkurs liegt der Leistungskurs für Jüdische Religion vormittags. Das heißt, die Gefahr, dass ich einfach mal nicht auftauche, weil schönes Wetter ist, war wesentlich geringer.

Der Leistungskurs bot mir außerdem die Möglichkeit, während der Schulzeit Kontakt mit meinen jüdischen Mitschülern aufzunehmen, auch wenn wir nur zu viert waren. Vier Leutchen! Das heißt, es wurde wirklich intensiv gearbeitet. Besonders in den Doppelstunden. Jeder war gefragt. Dafür hat mein Lehrer gesorgt. Meine Entscheidung, in Religion Abitur zu machen, war jedenfalls richtig.

Familie Was in den letzten Tagen richtig auffällig war: Meine Familie wird auf einmal so nett zu mir. »Das schaffst du schon« und solche Sprüche kriege ich zu hören, das tut wirklich gut. »Reg dich ja nicht auf, ganz ruhig bleiben, ganz ruhig«, hat mein Vater immer wieder gesagt, bis ich ihm erklärt habe, dass er selbst sich nicht aufregen solle und ich die Ruhe in Person sei. Auch die Lehrer werden irgendwie lockerer, wenn es aufs Ende zu geht.

Allen, denen das Abitur noch bevorsteht, muss ich aber eines unbedingt ans Herz legen: Fangt rechtzeitig mit der Facharbeit an! Jeder nimmt sich vor, in den Sommerferien loszuschreiben. Und plötzlich sind sie vorbei, und es bleiben noch zwei Wochen bis zur Abgabe. Oh, da kommt man ins Schwitzen. Ich habe meine Facharbeit in Religion geschrieben, zum Thema »Organspende im Judentum«. Dafür habe ich die volle Punktzahl bekommen. Aber es war ein Stress, den ich keinem wünsche! Ich war allein zu Hause mit meiner Freundin. Die Wohnung sah total chaotisch aus, wir hatten weder Zeit zum Aufräumen noch zum Einkaufen. Aber Augenringe! Denn der Schlaf kam viel zu kurz. Wir waren immerzu am Schreiben, Denken und unterwegs in die Bibliothek. Der reinste Ausnahmezustand. Aber auch ein bisschen cool.

Und die Punkte, die ich dafür bekommen habe, kann ich wirklich gebrauchen. Die tun meinem Abidurchschnitt echt gut. Übrigens, wen es interessiert: Natürlich gibt es nicht die eine jüdische Antwort zur Organspende, sondern jede Gruppe, von den Liberalen bis zu den Orthodoxen, sagt etwas anderes. War doch klar, oder?

Zukunft Mir könnte es jetzt ja eigentlich egal sein, aber ich wüsste, was man am deutschen Schulsystem verbessern sollte: Man muss den Schülern in den letzten Klassen eine Vorstellung davon geben, was danach kommt. Sie ein bisschen darauf vorbereiten. Die meisten meiner Klassenkameraden haben keine Ahnung, wie ihr Leben nach der Schule weitergehen soll. Das ist in Amerika anders, besser. Ich war für ein Schuljahr dort, in Washington D.C., und habe dabei meine Liebe zur Medizin entdeckt, weil ich nämlich die Möglichkeit hatte, das Fach Anatomie zu belegen. Seitdem weiß ich, dass ich Medizin studieren möchte. Ich möchte mit meinen Händen Menschen helfen. Zuerst will ich eine dreijährige Ausbildung am Krankenhaus machen. Ich habe mich schon beworben. Mal sehen. Natürlich würden es meine Eltern gerne sehen, wenn ich in Israel studiere. Aber, nee! Israel ist gut zum Ur-
laubmachen und um die Familie zu besuchen. Studieren möchte ich dort nicht.

Wenn ich so kurz vor Schluss darüber nachdenke, welches Schulfach mich am meisten genervt hat, dann war es Geschichte. Hart für meinen Vater, der hier in München an der Uni Professor für Geschichte ist. Er hat wirklich alles versucht, um mir etwas beizubringen. Er ist zu jedem Geschichtslehrer gerannt. Umsonst. Ich verstand die Zusammenhänge nicht und konnte mir weder Namen noch Jahreszahlen merken. Wann war das oder das? Irgendwann früher. Mehr ist bei mir nicht drin. Schließlich musste sich mein Vater damit abfinden, dass seine Tochter nichts übrig hat für das, was früher einmal war. Dass ich Ärztin werden möchte, gefällt meinen Eltern aber auch ganz gut.
Abitstreich Die nächsten Tage lerne ich also noch fürs Mündliche. Danach geht es Schlag auf Schlag: Abistreich, »inoffizielle Abifeier« und schließlich der Abiball. Nicht zu vergessen die Fahrt nach Berlin (wir werden dort nicht ins Jüdische Museum gehen!), die uns, die wir Jüdische Religion als Fach gewählt haben, die Gemeinde spendiert. Klingt doch gut.

Ich werde demnächst das Schultor des Luitpold-Gymnasiums das letzte Mal hinter mir schließen und werde Freude pur in meinem Herzen spüren. 13 Jahre sind genug. Ich werde schlafen, schlafen, schlafen. Und wenn ich dann aufwache, werde ich ein paar Tage lang nichts tun, bevor ich mich auf eine Reise nach Mallorca, Israel und in die USA begebe.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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