Corona

Doppelt schutzbedürftig

Daniel Kamylin hofft darauf, bald geimpft zu werden. Foto: privat

Corona

Doppelt schutzbedürftig

Kinder mit Einschränkungen leiden während der Pandemie besonders stark – so wie Daniel aus Villingen

von Christine Schmitt  05.12.2021 10:10 Uhr

»Wir sind verunsichert.« So lautet die Antwort des Ehepaars Kamylin aus Villingen auf die Frage, ob es seinen Sohn Daniel gegen Corona impfen lassen soll. Eines hingegen wissen die Eltern genau: Sie wollen das Beste für ihr Kind. Sie selbst haben sich den Piks bereits vor Monaten geben lassen, ebenso ihre eigenen Eltern sowie Verwandte. Monatelang hatten sie gewartet und gehofft, dass es bald eine Impfung für Kinder geben würde, um ihren Sohn geschützt zu wissen und wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können.

Vor einer Woche hat die Europäische Arzneimittelbehörde EMA den BioNTech/Pfizer-Impfstoff für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassen. Die Zulassung ist an eine bestimmte Produktlinie geknüpft; diese wird erst ab dem 20. Dezember in Deutschland erhältlich sein. Allerdings hat die Ständige Impfkommission (Stiko) noch keine Empfehlung ausgesprochen.

HOMESCHOOLING Am Anfang der Pandemie hatte sich die fünfköpfige Familie isoliert, kaum einen anderen Menschen getroffen. Die drei Jungs haben ihre Freunde nur per Zoom gesehen und sich die ganze Zeit durch das Homeschooling gearbeitet. Irgendwann waren Sergej und Jelena erschöpft. Als die Schulen wieder öffneten, war ihnen klar, dass David und Daniel wieder in ihre Schulen und Aron in seine Kita würden gehen müssen, weil ihre Kraft schwächer wurde, um den Alltag zu stemmen.

Die Familie beunruhigen vor allem die vielen Impfdurchbrüche.

Ihr zweiter Sohn Daniel leidet an der sogenannten spinalen Muskelatrophie Typ 2, einer angeborenen Muskelschwäche. Seine Muskeln werden sich immer weiter zurückbilden. Deshalb sitzt der Achtjährige im Rollstuhl und ist auf Unterstützung im Alltag angewiesen. Und dürfte somit als vorerkrankt gelten. Gegen Grippe haben die Eltern ihn gerade impfen lassen, ebenso nehmen sie alle empfohlenen Impfungen wahr.

Etwas beruhigt habe sie in den vergangenen Wochen, dass die Kameraden aus Daniels Klasse, die infiziert waren, kaum Symptome gezeigt hätten.
»Was uns zu denken gibt, sind die vielen Impfdurchbrüche und damit die Frage, ob unser Sohn tatsächlich geschützt wäre«, so der Vater. Und nun kommt noch die Omikron-Mutante dazu, bei der die Wissenschaftler derzeit gar nicht wissen würden, ob Biontech oder Moderna überhaupt etwas dagegen ausrichten. »Eigentlich sind wir sehr enttäuscht von den Impfstoffen.«

NEUINFEKTIONEN Gute Erfahrungen hat die Familie mit dem Testen an den Schulen und der Kita ihrer drei Kinder gemacht. »Daniel wird wie seine Schulkameraden jeden Tag getestet, David ebenfalls, hingegen Aron in seiner Kita zweimal in der Woche.« Manchmal seien die drei schon genervt davon, aber im Großen und Ganzen hätten sie sich daran gewöhnt.

Nun ist gerade ein Brief von Daniels Schuldirektorin eingetroffen. Wer möchte, kann sein Kind zu Hause lassen, weil die Zahl der Neuinfektionen in ihrer Region so nach oben geht. Aber wer zum Unterricht kommen möchte, kann dies im wöchentlichen Wechsel tun. »Daniel hat sofort gesagt, dass er unbedingt in die Schule will.«

Im Oktober hatte er Geburtstag, und da zu diesem Zeitpunkt die Covid-Situation noch entspannter war, konnte er endlich feiern – nachdem im vorherigen Jahr die Party ausfallen musste. »Dafür hat er diesmal mehrmals gefeiert, mit der Familie und mit seinen Freunden.«

MASKEN Jeden Virologen-Podcast hört sich Laura Janischev (Name von der Redaktion geändert) aus Nordhessen an. »So habe ich zwar eine schöne Bandbreite unterschiedlicher Standpunkte, fühle mich aber gut informiert«, sagt die Mutter. »Ich möchte meine beiden Kinder so schnell wie möglich impfen lassen.« Da der Arzt ihrer Kids nur ein paar Straßen entfernt wohnt, hat sie in seiner Praxis schon Bescheid gesagt: Wenn eine Spritze übrig ist, dann würde sie ihre »beiden Kinder sofort rübertragen«. Die Kinder sind fünf und neun Jahre alt, das ältere der beiden gilt als autistisch.

»Speziell die Maskenpflicht macht diesem Kind das Leben schwer, denn es kann die Gesichter der anderen Menschen nicht lesen, wenn nur die Augenpartie zu sehen ist.« Monat für Monat werde die Situation schwieriger. Die beiden sollen so schnell wie möglich geimpft werden, denn sie sollen Kita und Schule weiter besuchen können.

Auch Kinder können schwere Krankheitsverläufe oder Long Covid bekommen, sagt die Mutter. Und sie habe Erfahrungen damit, wie es ist, wenn ihr Kind nicht wie gewohnt Luft bekommt und Unterstützung durch eine Sauerstoffmaske braucht, denn das jüngere hatte eine Infektion mit RSV (Respiratorisches Synzytial-Virus), ein Virus, das speziell in diesem Herbst sehr aggressiv war und einigen kleineren Kindern Krankenhausaufenthalte bescherte. »Ich möchte so etwas nie wieder erleben«, sagt die Mutter.

BETREUUNG In den vergangenen Wochen wurde immer mal wieder ein infizierter Klassenkamerad durch die Testung »herausgefischt«, und das »heißt für mich, dass mein Kind als Kontaktperson dann zu Hause bleiben muss und auch die Großeltern nicht als Betreuungspersonen einspringen können«. Und dann habe sie ein Problem. Sie findet, dass alle Erwachsenen für das Vakzin ihre Ärmel hochkrempeln müssen, um die Pandemie loszuwerden – aber auch die Kinder. Immerhin hätten Studien aus den USA und Israel ergeben, dass es keine nennenswerten Nebenwirkungen gebe.

Das bestätigt auch die EMA. Wenn es eine Möglichkeit gebe, würde sie mit ihren beiden Kindern sofort nach Israel fliegen, um sie dort immunisieren zu lassen. »Wie schlimm soll die Situation hier noch werden?«, fragt Laura Janischev. Es sei doch schon dramatisch genug, dass Intensivpatienten in andere Bundesländer verlegt werden müssen, weil die Kliniken voll sind. Sicherheitshalber habe sie ihre Kinder gegen Grippe impfen lassen, alle Verwandten sind geboostert oder haben demnächst einen Termin.

Das Risiko im Umfeld solle so gering wie möglich sein. »Unsere Kinder sind nur einmal klein, wieder fällt die Geburtstagsfeier im Dezember aus, Nachmittagsaktivitäten gibt es nicht mehr, und wieder werde ich gleich meine Kinder zum Online-Machane anmelden, da es nicht in Präsenz stattfindet.«
Mittlerweile haben Interessierte eine Website mit Informationen eingerichtet. Auf der können bundesweit Eltern und impfwillige Ärzte zusammenkommen. Auch Laura Janischew will sie nutzen.

Anmerkung der Redaktion: Nach Redaktionsschluss erreichte uns die Nachricht, dass Daniels Eltern sich nun doch dafür entschieden haben, ihren Sohn impfen zu lassen. Sie haben inzwischen einen Impftermin für ihn gebucht.

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