Bamberg

Dokumente aus Minsk

Arieh Rudolph, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, erzählt äußerlich gefasst wahre Geschichten von judenfeindlichen Bambergern, die ihm heute noch begegnen. Von Ressentiments, die seine Bemühungen, die Gemeinde für die Gesellschaft zu öffnen, konterkarieren.

Für Rudolph sind diese Begebenheiten Anlass genug, zu warnen: »Die Zeit ist noch nicht gekommen, die Geschehnisse im sogenannten Dritten Reich zu vergessen.« Erinnern sei unverzichtbar. Denn ohne Erinnerung gebe es keine Überwindung des Bösen, keine Lehren für die Zukunft, keine Demokratie, Menschenrechte, Menschenwürde und keinen Rechtsstaat.

Diese Mahnung hält Arieh Rudolph den Ewiggestrigen, aber auch den Anhängern rechter Gruppen entgegen, die gegen die neue Ausstellung im Gemeindezentrum an der Willy-Lessing-Straße wettern könnten. Die Präsentation widmet sich dem Holocaust in Weißrussland, ein hierzulande kaum bekanntes Thema. Zumal es heute in Weißrussland unter Staatschef Alexander Lukaschenko nur mit einem äußerst ideologisch geprägten Geschichtsbild angegangen wird.

Wanderausstellung Eigentümerin der Schautafeln in deutscher und russischer Sprache ist die Jüdische Gemeinde Krefeld. Sie bekam die Wanderausstellung vom weißrussischen Staatsmuseum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges in Minsk. Unter dem Titel »Krieg. Holocaust. Gedenken ohne Verjährungsfrist« geben die insgesamt 14 miteinander verbundenen Stellwände zunächst einen Überblick über die Geschichte jüdischen Lebens in Weißrussland. Auf den nachfolgenden Flächen schildert die Ausstellung dann Ideologie und Praxis der nationalsozialistischen Besatzung sowie ihre Politik der systematischen Demütigung, Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung des Landes.

Der Besucher erfährt, dass Juden bereits seit dem 14. Jahrhundert in Weißrussland gelebt haben. Seit Ende des 18. Jahrhunderts durften sie im großrussischen Reich allerdings nur in festgelegten Regionen siedeln. In nahezu ausschließlich von ihnen bewohnten Dörfern und Kleinstädten, den Schtetln, lebten sie überwiegend von Handwerk und Handel. Nach der Eroberung des weißrussischen Gebietes durch Nazi-Deutschland wurden als Erstes Ghettos eingerichtet, in denen die Bewohner auf engstem Raum und unter großem Hunger hausen mussten. Insgesamt gab es in Weißrussland 160 Ghettos. Das in Minsk war das größte in Osteuropa.

Bürokratie Bedrückend sind die Faksimiles von Aufrufen und Bekanntmachungen der Besatzungsbehörden: Sie dokumentieren eine gnadenlose bürokratische Härte. Fotos von Erschießungskommandos und Vernichtungslagern veranschaulichen, wie in den Jahren der deutschen Besatzung (1941–1944) 800.000 Juden ermordet wurden. Fotos von Kindern, Erwachsenen und Alten geben dem Grauen ein Gesicht.

Die Ausstellung zeigt aber auch, in welcher Form Juden Widerstand leisteten. Etwa Moschwa Kolpanitzki, der den Ghettoaufstand der Ortschaft Lachwa im Jahr 1942 organisierte, einen der ersten während der Schoa. Kolpanitzki fiel im Kampf. Es werden auch die Namen weiterer Städte wie Kletzk und Nowogrodek genannt, in denen Juden zur Waffe griffen.

Der Bamberger Gemeindevorsitzende ist sich sicher, dass die Ausstellung gerade von den IKG-Mitgliedern mit großem Interesse aufgenommen wird. Etliche stammen aus Weißrussland. »Kinder und Enkel der Zeitzeugeneration, also mittelbare Zeitzeugen«, wie Rudolph sagt. Er hat die Ausstellung auch bewusst jetzt im Januar nach Bamberg geholt.

Holocaustgedenktag Der 27. Januar ist der offizielle deutsche Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Die Vereinten Nationen erklärten 2005 dieses Datum zum internationalen Holocaust-Gedenktag. Am 27. Januar jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee zum 69. Mal. Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an den europäischen Juden.

Rudolph will mit der Ausstellung um diesen Gedenktag verhindern, dass dieser eine Alibi-Wirkung entfaltet. Er hält es für eine Pflicht, über den Holocaust aufzuklären – gerade die junge Generation. Denn die Gefahren durch Radikalismus, Extremismus und Menschenverachtung »sind mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht für immer beseitigt«.

»Gedenken ohne Verjährungsfrist«, Donnerstag, 9. Januar, 17 Uhr, Gemeindezentrum der IKG Bamberg, geöffnet montags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 16 bis 18 Uhr

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