Porträt der Woche

Der Mitbestimmer

»Wichtig ist, dass man tut, was man möchte, denn man lebt nur einmal«: Illya Trubman (16) Foto: Alexandra Umbach

Porträt der Woche

Der Mitbestimmer

Illya Trubman kümmert sich im Jugendparlament um die Belange seiner Generation

von Christof Wolf  07.03.2011 13:20 Uhr

Seit Dezember bin ich im Jugendparlament. Das ist eine Art Stadtrat für Jugendliche, der ganz basisdemokratisch gewählt wird. Es ist das wichtigste Gremium für die Jugendlichen in Mülheim und wird in viele Entscheidungen mit einbezogen, und nicht nur in solche, die Jugendliche betreffen. Ich weiß: Wenn wir unsere Mitbestimmung nutzen möchten, dann können wir das auch tun.

Die Politik spielt generell eine große Rolle in meinem Leben. Denn ich glaube, wenn mir etwas nicht passt, darf ich nicht einfach rumsitzen und abwarten, sondern muss versuchen, es zu ändern. Vor allem wir Juden sollten wissen, was ein Mensch bewirken kann. Wenn ein Einzelner sechs Millionen Leben auslöschen kann, dann kann ein Mensch auch sechs Millionen Leben retten.

Junge Union Am Vormittag bin ich natürlich in der Schule, ich gehe aufs Gymnasium, in die zehnte Klasse. Wenn ich nach Hause komme, ruhe ich mich ein wenig aus, mache Hausaufgaben, übe vielleicht Klavier. Ich spiele seit dem zweiten oder dritten Schuljahr. Zuerst haben mich meine Eltern dazu gedrängt, aber mittlerweile macht es mir Spaß. Später schaue ich, ob ich Zeit für mich habe oder ob, wie in letzter Zeit oft, ein Termin ansteht für das Jugendparlament oder die Junge Union. Ich bin nämlich auch dort aktiv. Mir ist die Wahl schwer gefallen zwischen den Jusos und der Jungen Union. Eigentlich bin ich ja SPD-Befürworter, aber – und das stimmt tatsächlich – die Sozialdemokraten können nicht mit Geld umgehen. Dafür gibt es viele Beispiele.

Seit ich im Jugendparlament bin, muss ich mich sehr disziplinieren und mir die Zeit gut einteilen. Weil ich zum Vorstand gehöre, nehme ich an vielen Veranstaltungen teil. Und die kann ich nicht einfach absagen, um mit meinen Freunden einen Kaffee zu trinken. Die Termine ziehen sich über die ganze Woche hin, das kann mal etwas in der Verwaltung sein oder auch im Museum. Oder wir besprechen, welche Bands bei einem Rockkonzert auftreten dürfen. Wenn alles zusammenkommt, habe ich zehn Termine pro Woche. Das klingt viel, ist aber mein Hobby und macht mir Spaß.

Die Sitzungen im Jugendparlament können drei bis vier Stunden dauern. Sie finden alle sechs Wochen statt und wollen vorbereitet sein. Außerdem trifft sich der Vorstand ein paar Mal im Monat. Dazu haben wir Ausschüsse. Ich bin in der Projektgruppe Politik. Wir beschäftigen uns mit Themen wie Verkehrsmittel oder dem internationalen Jugendkongress, der im Oktober vier Tage in Mülheim stattfinden soll. Darauf freue ich mich schon.

Für noch mehr fehlt mir leider die Zeit. Abends entspanne ich mich noch ein bisschen, schaue ein wenig fern oder lese ein Buch. Dann falle ich ins Bett.

Training Dreimal in der Woche gehe ich ins Fitnessstudio. Dort habe ich mich kürzlich angemeldet. Ich finde, das ist die Pflicht eines jeden Menschen: Du sollst der Seele einen Körper schaffen, in dem sie hausen kann. Den Satz habe ich von einem Rabbiner gehört, und ich finde ihn super.

Um so oft ins Fitnessstudio zu gehen, muss ich meine Faulheit überwinden. Aber ich habe einen guten Freund, der mich antreibt. Außerdem würde ich mich bei einer Mindestvertragslaufzeit von einem Jahr ärgern, wenn ich das nicht durchziehe und Geld umsonst bezahle. Ich versuche, jemand zu sein, der seine Ziele durchsetzt. Es klingt arrogant, aber wenn ich etwas haben will, schaue ich, wie ich es bekomme. Wichtig ist, dass man tut, was man möchte, denn man lebt nur einmal.

Zum Beispiel die Sache mit der Einbürgerung. Ich bin eigentlich ukrainischer Staatsbürger, habe mich aber hier einbürgern lassen. Das war mir extrem wichtig, weil ich finde, wenn ich in diesem Land eine Zukunft haben möchte, muss ich auch deutscher Staatsbürger sein.

Aber der Weg dahin war sehr strapaziös. Die Behörden wollten Sachen wissen, über die ich nie nachgedacht hatte. Am schlimmsten war die Wartezeit. Es dauerte und dauerte, bis endlich dieser Brief kam, in dem stand, dass ich meine Einbürgerungsurkunde abholen kann. Ich habe mir vorher viele Gedanken gemacht, es ist schließlich Deutschland. Damit hatte ich als Jude ein Problem. Viel Zeit verging, bis ich mich entschieden hatte. Aber wie Ben Gurion sagte: »Es ist ein neues Deutschland.« Und meine Mitschüler haben ja weiß Gott nichts mit dem Holocaust zu tun.

flatrate Meine Freunde sind meine Vertrauenspersonen. Ohne sie ginge es mir schlecht. Wir treffen uns in Cafés oder Diskotheken, treiben zusammen Sport, machen gerne Party, reden. Und ich telefoniere mit ihnen, stundenlang. Zum Glück habe ich eine Flatrate fürs Handy. Ich habe mal in einem Monat 2.000 SMS verschickt! Aber das war eine Ausnahme. Man sollte sich auch nicht zu abhängig machen, so ein Telefon kann ja auch kaputtgehen, und was dann?

Am Schabbat bin ich meist in der Synagoge. Ich verstehe mich gut mit dem Rabbiner und seiner Frau, mit allen Gemeindemitgliedern. Es ist sehr schön da, eine vertraute Gemeinschaft. Immer fragt man: »Wie geht es dir, wie war deine Woche?« Ich glaube, selbst wenn es irgendwann einen Beweis geben sollte, dass Gott nicht existiert, würde ich die Stunden in der Synagoge nicht als verschwendet betrachten. Es wäre trotzdem eine wunderschöne Zeit gewesen. Aber ich bin mir sicher: Es gibt einen Gott.

Seit meiner Reise nach Israel ist mir das Judentum noch wichtiger geworden. Drei Wochen war ich vergangenes Jahr dort im Feriencamp. Ich habe mich so verbunden gefühlt mit den Menschen und dem Land. Es kam mir vor wie zu Hause. Schon die süße Luft, die man einatmet, wenn man aus dem Flugzeug steigt – unfassbar!

Auch die Mentalität ist eine ganz andere als hier. Wenn in Israel jemand auf der Straße hinfällt, kommen zehn Leute und helfen dir beim Aufstehen, dazu schenkt der Eisverkäufer dir noch ein Eis. Oder das Gefühl, an der Klagemauer zu stehen: Unbeschreiblich! Und die Menschen leben ziemlich in Frieden – anders, als es hier in den Medien manchmal dargestellt wird. Die einen tragen Kippot auf dem Kopf, die anderen nicht, aber man unterhält sich und kommt miteinander klar. Es war das erste Mal, dass ich in Israel war. Diesen Sommer fahre ich wieder hin.

Integration Ich bin 1999 nach Deutschland gekommen, mit vier Jahren, und ging in den Kindergarten. Der Anfang war sehr schwer. Ich lebte plötzlich in einem Land, ohne die Sprache zu beherrschen. Und Kinder können grausam sein. Inzwischen fühle ich mich aber sehr integriert. Wenn ich heute erzähle, dass ich keine deutschen Wurzeln habe, glaubt das kaum jemand. Geholfen hat mir, dass ich aus einem europäischen Land gekommen bin. Zwar ist die Kultur hier nicht die gleiche wie dort, aber sie ähneln sich doch, vor allem die jüdische, und das Judentum hat ja ganz Europa geprägt.

In zwei Jahren mache ich mein Abitur. Danach möchte ich Jura studieren. Vielleicht werde ich Diplomat oder Anwalt oder auch Staatsanwalt – auf gar keinen Fall Richter, weil ich nicht objektiv bleiben kann. Ich bilde mir immer sofort eine Meinung. Zwar versuche ich, objektiv durchs Leben zu gehen, aber es geht nicht.

Aufgezeichnet von Christof Wolf

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