Porträt der Woche

Der Mann mit dem Blues

»Die Musik ist mein Leben. Das sagt sich so dahin, aber für mich stimmt es«: Abi Wallenstein (67) Foto: Sabina Paries / Berlien-Paries

Porträt der Woche

Der Mann mit dem Blues

Abi Wallenstein ist Musiker. Seit 50 Jahren steht er auf der Bühne

von Sabina Paries  29.04.2013 17:59 Uhr

Wer wie ich in Jerusalem geboren ist, empfindet das Hamburger Klima bisweilen als etwas kühl. Aber als ich damals zum Studium hierherkam, war es ein heißer Sommertag. Schon immer hatte ich ein warmes Gefühl für diese Stadt. Das hat mit einem Mädchen zu tun. Natürlich hat es mit einem Mädchen zu tun, immer hat es mit einem Mädchen zu tun …

Ich bin Musiker. Bluesmusiker. 67 Jahre alt, seit bald 50 Jahren auf der Bühne. 130 Auftritte im Jahr. Ich führe ein Nomadenleben, immer noch und immer noch sehr gern. In welchem Beruf bekommt man eine solch unmittelbare spontane und beglückende Reaktion auf seine Arbeit?

Neulich war ich in Baden-Württemberg zu einem Gig in einem Gemeindezentrum, organisiert von einer privaten Kulturinitiative – Idealisten, die auf dem Land, wo es öffentlich geförderte Kultur kaum gibt, etwas auf die Beine stellen und großen Erfolg damit haben. Der Saal war voll, vor der Bühne, auf dem Boden knieten die Kinder und sangen mit – es war ganz wunderbar.

Jerusalem Auch wegen des Klimas sind wir Anfang der 60er-Jahre weg aus Jerusalem. Meine Eltern, meine kleine Schwester und ich. Nicht zuletzt wegen der Sprache und Lebensweise sind wir nach Deutschland gekommen. Zurückgekommen! Die Wallensteins sind exilierte Deutsche, die Vorfahren meiner Mutter stammen aus Bad Kissingen, die meines Vaters aus Nidda in Hessen. Meine Eltern haben sich in Jerusalem kennengelernt. In Neuss am Rhein eröffnete mein Vater, Arzt mit Leib und Seele, eine Praxis – im selben Haus, das er 1934 hatte verlassen müssen!

Ich war zwölf Jahre alt, für mich war der Umzug ein großes Abenteuer. Meine Schwester und ich fanden schnell Freunde, und ich weiß noch, wie sehr mir von Anfang an die Musik geholfen hat, heimisch zu werden. »Tutti Frutti« von Little Richard war der letzte Song, den ich beim Abschied aus Israel gehört hatte. Und das Erste, was ich auf der Straße in Neuss hörte, war ein Mädchen, wie es »Tutti Frutti« vor sich hin trällerte.

Die Musik ist mein Leben. Das sagt sich so dahin. Für mich stimmt es. Mit der Musik verdiene ich seit 1980 meinen Lebensunterhalt. Täglich übe ich eine Stunde. Man hört häufig, Musiker würden nicht alt. Das mag stimmen. Viele Kollegen sind am Alkohol zugrunde gegangen. Aber ich habe nie ein exzessives Leben geführt. Ich bin seit 30 Jahren verheiratet, meine Frau führt in Hamburg-Altona sehr erfolgreich ein Off-Theater. Ich lebe in einem ruhigen Viertel, wo man nicht die Nase hoch trägt, ich mag meine Nachbarn, hier spiele ich einmal im Jahr umsonst beim Straßenfest.

Wenn ich auf Tour bin, stehe ich früh auf, nehme die Kamera mit, erkunde die Stadt, setze mich in ein Café, lese Zeitung oder schreibe Tagebuch. Auch nach dem Konzert, wenn ich voll Adrenalin bin, brauche ich keinen Schlummertrunk. Allenfalls trinke ich einmal im Monat einen Eierlikör. Ich habe vor 14 Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Und ich jogge! Direkt vor meiner Tür gibt es entlang des Kanals, unter Bäumen und abseits vom Straßenlärm, einen wunderbaren Spazierweg. Das Laufen hält fit und stärkt das Immunsystem. Kranksein kann ich mir nicht leisten, ich bekomme keine Lohnfortzahlung, wenn ich den Auftritt wegen Heiserkeit absagen muss.

Büroarbeit Musiker haben einen ähnlichen Alltag wie andere Selbstständige. Es fällt viel Büroarbeit an, aber eine Sekretärin kann ich mir nicht leisten. Einige Jahre hatte ich Leute, die mich zu Konzerten gefahren haben. Lange hat das nicht gehalten. Zu weite Wege und zu viel tote Zeit für die Jungs, die hatten schnell die Nase voll.

Ich hätte auch Arzt werden können. Oder Wissenschaftler, Soziologe. Rabbiner eher nicht. Obschon meine Eltern aus streng religiösen Elternhäusern stammen – die Vorfahren meiner Mutter waren bekannte Rabbiner –, bin ich sehr liberal aufgewachsen. In der Erziehung wurde stets die menschliche und soziale Seite der Religion betont. Dass ich dann doch Musiker geworden bin, habe ich meiner Mutter zu verdanken – und es hat mit jenem Mädchen zu tun, das mich nach Hamburg gebracht hat.

Meine Mutter ist mit mir oft ins Kino gegangen, das waren Anfang der 60er-Jahre meist Westernfilme. Einmal aber haben wir uns einen Rock-’n’-Roll-Film mit Tommy Steele angesehen, dem englischen Elvis. Nach dem Kino habe ich mir eine Gitarre gewünscht. Ich habe sie bekommen. Im Gitarrenunterricht wurden damals noch Volkslieder geübt. Ich habe mich schnell für Jazz interessiert und Radio gehört – BFN, den britischen Soldatensender, und natürlich Radio Luxemburg.

Als der Berufsberater fragte, was ich denn werden wolle, habe ich nicht etwa gesagt: Musiker. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Der Berufsberater fand, dass ein Soziologiestudium gut zu mir passen würde. Soziologie ließ sich unter anderem in Hamburg studieren.

Liebe Hamburg war ein verheißungsvoller Ort, seit ich 15 Jahre alt war. In unserer Straße wohnte ein gleichaltriges schönes Mädchen. Ihr Vater fuhr einen weißen Borgward mit roten Ledersitzen und Hamburger Kennzeichen. Ich war verknallt in sie und habe sie natürlich nie angesprochen. Sie war meine erste unglückliche Liebe. Ein früher Blues. Wenn man jung ist, hat man sehr oft den Blues.

1967 kam ich nach Hamburg. Das Studium brach ich bald ab, war mir zu theoretisch. Ich verdiente mein Geld als Siebdrucker. Aber das nur nebenbei. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Der große gesellschaftliche und musikalische Aufbruch hatten soeben begonnen. Hamburg war die ideale Stadt, man braucht so einen Ort, um sich zu entfalten, um den entscheidenden Schritt zu wagen. Ich schmiss mein Studium hin und spielte, spielte und spielte. Du kannst keine Noten lesen? So what! Du hast den Blues, Mann, darauf kommt’s an!

Wenn ich heute die alten Aufnahmen höre, staune ich über meine Frechheit, damit aufzutreten. Dieses Selbstvertrauen, dieses Selbstbewusstsein holt man sich in einer Stadt wie Hamburg. Hier war das Zentrum der deutschen und europäischen Blues- und Boogie-Woogie-Musik, ihre Repräsentanten Axel Zwingenberger und Vince Weber sind Hamburger. Ich spielte mit Inga Rumpf, ich hatte das große Glück dabei zu sein, als es losging.

Eine fantastische Zeit. Auch gesellschaftspolitisch. Was haben wir damals nicht alles gemacht – Mieterrat, Jugendarbeit, politische Schulungen. Ich war bei der Gorleben-Besetzung dabei und bei unzähligen Demos. Wenn heutzutage Schüler und Studenten auf die Straße gehen, lacht mir immer noch das Herz.

Amerika Zum Schluss will ich etwas verraten: Anfang des Jahres, im Februar, bin ich das erste Mal in Amerika gewesen. In Memphis. Klar, all die Jahre hat es geheißen: Mensch, Abi, du musst nach New Orleans, Houston, Austin! Hat aber nie geklappt, denn ich bin logistisch eine absolute Niete. Diesmal aber war ich da. Als Gewinner des German Blues Award nahm ich an einem Wettbewerb teil und schaffte es mit einem Percussionisten ins Halbfinale. Dort lernte ich auch israelische Bluesmusiker kennen. Es hat sich mittlerweile eine Blues-Szene in Israel etabliert. Hochinteressant.

Nein, in Israel habe ich bislang noch kein Konzert gegeben. Mein Cousin hat vor einigen Jahren mal einen Auftritt für mich in einem Café in Tel Aviv organisiert, und ein Musikredakteur des Militärfunks hat mich interviewt. Wenn ich in Israel bin, fühle ich mich zu Hause. Leben könnte ich dort aber nicht mehr, es wäre mir zu eng.

Meine Heimat ist die Musik. Mir fallen die meisten Stücke unterwegs ein, auf Reisen oder auf dem Fahrrad. Wenn der liebe Gott mir gnädig ist, spiele ich noch lange weiter. Ich kann nicht ohne. Musiker gehen nicht in Rente.

Aufgezeichnet von Sabina Paries

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