Porträt der Woche

Der Konfliktlöser

»Vor etwa zehn Jahren habe ich mich selbstständig gemacht«: Thomas Henschel (51) Foto: Stephan Pramme

Als ich vor einigen Wochen in Libyen war, habe ich gesehen, wie sich die Dinge dort nach der Revolution allmählich verändern. Ich habe eine Verhandlung zwischen einer großen Firma und lokalen arabischen Vertretern begleitet. Mit einem Mal begannen unter den Libyern heftige Diskussionen. Ich verstand nicht, worum es ging, bis einer sagte, man würde ja jetzt in einer Demokratie leben, und sogleich eine Abstimmung einleitete. Er führte die Diskussion im Sinne einer mehrheitlichen Entscheidung zu einem Ergebnis.

Das war für mich bei meiner Arbeit als Mediator eine spannende Beobachtung. Mich reizt es sehr, an besonderen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen teilzuhaben und Veränderungen zu begleiten. So haben mich meine Aufträge kurz nach dem Zusammenbruch in die ehemalige Sowjetunion, nach Südafrika, Nordirland und immer wieder in den Nahen Osten geführt, wo ich seit vielen Jahren Verhandlungen zwischen Palästinensern und Israelis begleite. Als Mediator komme ich immer ins Spiel, wenn sich zwei Parteien in einer festgefahrenen Situation befinden. Beide Seiten müssen bereit sein, konstruktiv an der Lösung des Konflikts zu arbeiten.

Studium Nach meinem Geschichtsstudium in Berlin habe ich eine Dissertation über Hitlers Legalitätstaktiken in den 30er-Jahren geschrieben. Danach bekam ich schnell ein Angebot von der Bertelsmann-Stiftung, wo ich Programme für Toleranz, Demokratie und Menschenrechte entwickelt habe. Auslöser für diese Aktivitäten der Stiftung waren die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock Anfang der 90er-Jahre. In Nordirland, wo es darum ging, Lösungsansätze im Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten aufzuzeigen, stellten wir fest: Es muss erst einmal darum gehen, dass beide Parteien vom selben Geschichtsbild ausgehen. So erarbeiteten wir ein gemeinsames Geschichtsbuch für Schulen.

Als wir diese Konzepte Anfang der 90er-Jahre auf den Nahostkonflikt übertrugen, erfuhr ich so etwas wie eine positive Diskriminierung: Meine Kollegen meinten, ich als Jude sei doch prädestiniert dafür, mich mit dem Nahen Osten zu beschäftigen. Ich nahm ihnen das nicht übel, aber ich fand das schon seltsam.

Ich bin kein religiöser Mensch. Selbst die jüdische Religion hat mich nicht dazu machen können, obwohl ich sie intellektuell für die interessanteste halte, denn sie ist dialogisch. Es gibt nicht nur eine einzige Wahrheit, sondern man nähert sich im Gespräch über das geschriebene Wort den verschiedenen Wahrnehmungen von Wahrheit an. Das ist ähnlich wie in der Mediation. Hier stellen wir auch keine externe Instanz dar, die die Wahrheit gepachtet hat, sondern finden die Lösungen in der Auseinandersetzung.

Verwandtschaft Nach meiner Arbeit für die Bertelsmann-Stiftung war ich einige Zeit in Jerusalem als Professor an der Hebräischen Universität tätig. Das war während der ersten Intifada. Danach bin ich wieder zurückgegangen nach Berlin. Da bin ich geboren. Meine Brüder kamen noch in Palästina zur Welt, meine Schwestern dann schon in Israel, also nach der Staatsgründung. Später wanderte die Familie über Deutschland in die USA aus. Heute lebt meine Verwandtschaft über die ganze Welt verstreut, und ich freue mich immer, wenn ich einen Anruf von einem Unbekannten bekomme und wir dann gemeinsam herausfinden, dass wir über Ecken verwandt sind.

Meine Schwester lebt zum Beispiel in London und hält dort als Goldschmiedin eine jahrhundertealte Familientradition aufrecht. Meine Vorfahren stammen ursprünglich aus Breslau. Mein Vater wanderte schon 1933 aus, er war in der zionistischen Jugend aktiv und kam auf abenteuerlichen Wegen auf dem Landweg nach Palästina.

Später, wenn ich etwas mehr Zeit habe, will ich die Familiengeschichte meines Vaters aufschreiben, denn ich bin der Einzige in der Familie, der Deutsch spricht und in der Lage ist, Vaters Nachlass zu lesen. Er hatte eine abenteuerliche Geschichte, die ihn über Palästina, die britische Armee, Myanmar und Deutschland in die USA führte.

Ich bin zwar in Deutschland aufgewachsen, doch Israel ist für mich wie eine Heimat. Irgendwie ist es ein beruhigendes Gefühl, dass es dieses Land gibt. Deutsche machen sich ja keine Gedanken über Sicherheit, aber für Juden ist das immer ein Thema. Vor einer Weile besuchte mich ein Cousin aus Jerusalem das erste Mal in Deutschland. Er hatte sich bisher geweigert, in dieses Land zu fahren. Als er dann hier war, konnte er die ersten Nächte nicht schlafen vor Angst und stellte dann aber beim Geld wechseln fest, dass er noch Deutsch sprechen konnte aus seinen Kindheitstagen – das war ihm gar nicht bewusst gewesen.

Akademie Vor etwa zehn Jahren habe ich mich selbstständig gemacht und als einer der ersten eine Mediationsakademie aufgebaut. Ich arbeite auch als Coach für Führungskräfte und Unternehmer. Und seit meine Frau vor ungefähr fünf Jahren ihre Steuerberatungskanzlei verkauft hat, arbeite ich auch mit ihr zusammen. Für uns ist das ein Modell, das sehr gut funktioniert. Wir arbeiten an vielen Projekten gemeinsam und ergänzen uns in unserer unterschiedlichen Art der Mediation. Natürlich knallt es auch immer mal wieder, aber das gehört für uns dazu, man kann nicht alles wegdiskutieren, manchmal ist die Konfrontation auch notwendig.

Von außen mag sich das problematisch anhören, wenn man sowohl privat als auch beruflich so eng verbunden ist. Aber durch die vielen Reisen ist diese Nähe immer wieder unterbrochen. Ein Großteil unseres Lebens spielt sich in der Tat auf verschiedensten Flughäfen ab. Die große Kunst ist es natürlich, die Trennung zwischen Beruf und Privatem aufrechtzuerhalten und sich abends zu Hause auf eine andere Art als im Büro zu begegnen.

Zum Glück erlaubt es unsere Arbeit, dass wir uns im Winter ein bis zwei Monate frei nehmen und dann in den Süden verreisen, meist, um in der Natur zu sein und zu wandern. Das brauche ich sehr als Ausgleich. Zuletzt waren wir in den Anden mit Zelt und Thermoskanne auf 5000 Metern Höhe. Diesen Winter versuchen wir erstmals, eine längere Zeit in Spanien zu verbringen und auch von dort aus zu arbeiten, die Möglichkeit ist ja zum Glück gegeben. Dieses Leben funktioniert aber nur, wenn man, wie wir, keine Kinder hat. Sonst wäre das unvorstellbar.

Buch Ich hoffe, dass es mir in der nächsten Zeit gelingt, mich wieder mehr dem wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen: So will ich neben der Familienbiografie ein Buch über Kooperationen in der Wirtschaft publizieren. Meine Erfahrung ist, dass sich Kooperationen immer sehr wertschöpfend auswirken. Mir ist aufgefallen, dass die neue Generation eher dazu bereit ist.

Bei meiner Arbeit spielt mein Judentum keine Rolle, es wirkt sich weder negativ noch positiv aus. Allerdings hatte ich in diesem Jahr auch jüdische Geschäftsleute als Kunden, und wir lagen dadurch gleich auf einer Wellenlänge, das war ein schönes Erlebnis.

Einen wirklichen Kontakt zur Gemeinde hier in Berlin habe ich nicht. Aber ich würde sie gerne als Mediator begleiten, denn ich finde, sie hätte es dringend nötig. An der Außenwirkung – gerade hier in Berlin – ließe sich einiges optimieren.

Aufgezeichnet von Urs Kind

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