Porträt der Woche

Der Einkleider

Ich liebe meine Arbeit – und mein Büro. Es ist ein Traum, die meiste Zeit verbringe ich dort. Ein Großteil meines sozialen Lebens findet da statt. Ich komme auch sonntags zum Frühstücken ins Büro. Ich finde das ganz toll. Es gibt da eine separate Ecke, wo ich schön sitzen und essen kann. Mitunter lade ich auch Leute zum gemeinsamen Frühstücken ein.

Vor zehn Uhr morgens gehe ich aber nicht gern hin. Ich bin nämlich ein bisschen morgenmuffelig. Oder ich will es mal anders ausdrücken: Wenn keine wirklich wichtigen Termine anliegen, beginnt mein Tag erst um zehn Uhr. Dafür arbeite ich aber abends sehr lange. Meist bin ich bis zehn oder elf Uhr beschäftigt. Erst abends kehrt Ruhe ein. Dann kann ich das Liegengebliebene aufarbeiten und mich um das kümmern, für das ich tagsüber nicht konzentriert oder kreativ genug war. Mein Hobby ist mein Beruf, darin gehe ich auf. Ich widme meiner Arbeit sehr viel Zeit.

Ich habe ein sehr buntes Berufsleben. Angefangen habe ich als Zuckerbäcker. Ich stamme nämlich aus einer Konditorenfamilie. Als Kind fand ich das natürlich total spannend. Ein Traum. Irgendwann war mir das aber alles zu viel, und ich ging von zu Hause weg.

Schauspiel Ich bin im Rheinland sehr behütet aufgewachsen, war erlebnishungrig. Nach der Schule ging ich nach Zürich, begann eine Schauspielausbildung, brach sie aber wieder ab. Ich merkte bald, dass das nichts für mich war. So zog ich nach Hamburg und reiste zwischendurch in Europa umher. Schließlich fing ich an, Modedesign zu studieren. Damals, Anfang der 80er-Jahre, konnte man das Fach nur dort studieren. Mittlerweile gibt es um die 400 Ausbildungsstätten. Das Problem heute ist, dass die meisten Absolventen in die Arbeitslosigkeit verabschiedet werden.

Während des Studiums hatte ich immer mal kleine Jobs in der Gastronomie, in Hotels, bei einer Versicherung und in der Werbung. Nach dem Studium bin ich nach Düsseldorf gegangen, weil ich hier einen größeren Bekanntenkreis hatte. 25 Jahre lang war ich mit einem eigenen Atelier selbstständig. Ich hatte die antiquierte Vorstellung, dass sich vornehme Menschen nicht aus Ladengeschäften einkleiden. Eine Dame aus der Gesellschaft, meine Mentorin, hat mir Kontakte vermittelt. Mein Hauptgeschäft war Abendgarderobe. Damit verdient man Geld. Mit Alltagsgarderobe kommt man vor Hunger nicht in den Schlaf.

Vor vier Jahren habe ich einen Designer-Guide für Düsseldorf herausgegeben. Und im selben Jahr übernahm ich eine Werbeagentur. So bin ich heute in der Beratung und Entwicklung von Marketingstrategien für Designerlabel, aber auch für andere Branchen tätig. Ich gestalte Print- und Webpräsentationen, begleite Fotoshootings, organisiere Events – alles, was eine breit aufgestellte Full-Service-Agentur zu leisten vermag. Zudem bin ich Vorstand des Verbands deutscher Mode- und Textildesigner in Nordrhein-Westfalen. Ich habe also ein recht buntes Berufsleben.

Zwischendurch gehe ich sehr gern ins Kino. Ich interessiere mich mehr für die ernsten Filme. Für seichte Unterhaltung bin ich nicht zu haben, aber ich schaue mir auch mal Komödien an. Fernsehen gucke ich eigentlich nicht. Vor ein paar Jahren habe ich den Apparat abgeschafft und hatte mir vorgenommen, keinen neuen ins Haus zu holen. Doch dann habe ich diese Firma übernommen. Und hier gab es einen Fernseher. Aber alle Informationen, die ich brauche, hole ich mir aus dem Internet. Allerdings führt das dazu, dass man viel Zeit vor dem Computer verbringt.

Schabbat Samstags ruhe ich mich aus, da ist mein Auftanktag. Da mache ich nur Dinge für mich und möchte mit nichts Geschäftlichem zu tun haben. Es gibt am Schabbat eine gewisse Regelmäßigkeit. Ich gehe zwar nicht immer in die Synagoge, aber meistens.

Eine Zeitlang waren mir andere Dinge wichtiger. Ich hatte mich entfernt vom Judentum. Heute betrachte ich mich als einen Zurückgekehrten. Seit etwa 15 Jahren lebe ich mein Judentum wieder intensiver, und ich verfolge das politische Geschehen in Israel und die Reaktionen darauf, gehe zu Vorträgen und anderen Veranstaltungen. Und wenn sich die Gelegenheit bietet, beziehe ich auch Stellung, schreibe Leserbriefe oder melde mich in Internetforen zu Wort.

Kindheit Ich bin religiös und streng erzogen worden. An eine Szene aus der Kindheit erinnere ich mich immer wieder: wie ich mich an den Tisch setze und anfange zu essen, weil ich so hungrig bin. Von meinem Großvater habe ich eins überzogen bekommen – mit der Fliegenklatsche, weil ich nicht gebetet hatte. »Wir sind keine Schweine«, hat er gesagt. In Krefeld war meine Familie in das Gemeindeleben eingebunden.

Was ich am Samstag auch gern mache, ist, auf den Trödelmarkt zu gehen. Es ist ein Hobby von mir, ein bisschen zu schnöfen, wie man hier bei uns im Rheinland sagt. Häufig stöbere ich nach alter Kleidung, habe sogar mal alte Modellkleider gefunden, die ich dann quasi archiviert habe. Oder ich schaue nach Witzigem oder Hausrat, oder ich trinke auf dem Flohmarkt einfach einen Kaffee. Am Nachmittag bin ich zu Hause und bereite alles für einen netten besinnlichen Abend vor. Da gibt es dann meistens noch eine kleine Mahlzeit.

Ich esse koscher und organisiere meine Einkäufe immer so, dass ich die Wege zusammenlegen kann. Überhaupt bin ich eigentlich gut organisiert. Meist mache ich mir einen Plan über die Dinge, die es zu erledigen gibt, und versuche, mir Wege zu ersparen. Um die Ecke gibt es einen kleinen koscheren Laden. Ich bin auch öfter in Frankfurt und kaufe bei Aviv ein. Wie ein Packesel komme ich dann zurück. Ich bin so ein Hamstertyp, immer gut bevorratet: Nicht nur eine Tafel Schokolade kaufe ich, sondern einen ganzen Karton. Diese Angewohnheit zieht sich bei mir durch viele andere Bereiche.

Ibiza Sport treibe ich derzeit überhaupt nicht. Ich bin faul geworden. Das liegt auch daran, dass ich von einer Allergie geplagt wurde, die sich zu Asthma entwickelt hat. Dadurch fehlt mir die Power zum Sport. Ab und an fliege ich aber nach Ibiza oder auch mal nach Israel und laufe dort am Strand. Im Alltag gehe ich schon hinaus und bewege mich. Aber das mache ich von den Jahreszeiten abhängig. Im Winter bin ich eher in der Stadt und verbinde es mit Schaufensterbummeln.

Kürzlich war ich in Berlin, zuerst zwei Tage beruflich, dann am dritten bin ich in der Stadt umhergelaufen und habe mir Geschäfte angeschaut. Das macht mir Spaß. Im Sommer bin ich gerne in Parks oder im Wald. Früher bin ich auch gewandert, habe mich für eine Woche ausgeklinkt. Manchmal habe ich an der französischen Grenze ein Zimmer gemietet und bin dann ins Elsass gewandert. Jetzt fehlt mir die Zeit dafür.

In diesen Wochen bin ich sehr eingespannt. Bis Mitte Dezember muss ich etliche Aufträge erfüllen. Eigentlich wollte ich zur Fashion Week nach Tel Aviv, auch weil ich gerade an einem neuen Hemden-Label arbeite, das Anfang des Jahres auf den Markt kommen soll. Aber ich muss mit meiner Zeit haushalten. Dass wieder ruhigere Wochen kommen und ich in die Natur gehen kann, das wünsche ich mir sehr.

Aufgezeichnet von Canan Topçu

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